Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Fühlen Sie sich in Sambia als Linker allein?

Superkühen, wie sie Bill Gates züchten will, und einer exportorientierten Landwirtschaft steht Markus Schär kritisch gegenüber. Dafür überraschte ihn in Sambia die katholische Kirche positiv.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Jason J. Mulikita (Foto)

Markus Schär: «Die lokalen Kulturen basieren stark auf dem Community-Gedanken: Die Gemeinschaft ist zentral, was auch die soziale Ungleichheit begrenzt.»

WOZ: Markus Schär, ganz verschiedene Akteure streiten über den richtigen Entwicklungsweg für Afrika. Softwaremilliardär Bill Gates unterstützt zum Beispiel ein Zuchtprogramm für eine Kuh, die genügsam und hitzetolerant sein soll wie ein Zebu, aber Milch geben soll wie eine europäische Hochleistungskuh. Wie finden Sie das?
Markus Schär: Ich bin immer skeptisch, wenn der Name Bill Gates im Zusammenhang mit Entwicklungszusammenarbeit fällt. Er vertritt einen technokratischen Ansatz, ist auch total fasziniert von Gentechnik. Grundsätzlich wäre es schon gut, die positiven Eigenschaften von lokalen Rassen beizubehalten und zu versuchen, die Milchleistung zu steigern. Nur finde ich es sehr problematisch, wenn man das auf die Genetik reduziert.

Genetik ist doch ein wichtiger Faktor, wenn man leistungsfähige Tiere will.
Ja, aber viel relevanter sind die Lebensumstände von Kleinbäuerinnen und -bauern. Sie haben oftmals gar nicht die Möglichkeit, Kühe mit hoher Milchleistung entsprechend zu füttern. Viel wichtiger finde ich es deshalb, in die Ausbildung zu investieren, den Anbau von Futterpflanzen zu fördern, Haltungssysteme zu verbessern, Wissen über Krankheitsprävention bei Nutztieren zu verbreiten. Auch Zugang zu externen Inputs braucht es – das heisst Impfungen, Medikamente, Besamungsdienste oder Stiere. Das Wichtigste ist aber, dass sich die Bauern und Bäuerinnen vermehrt in Kooperativen organisieren und Wissen austauschen.

Wie steht es denn mit dem traditionellen bäuerlichen Wissen? Wir in Europa haben ja oft eine ziemlich romantische Vorstellung davon.
Aufgrund des Bevölkerungsdrucks stossen traditionelle Landbausysteme wie der Brandrodungswanderfeldbau an ökologische Grenzen. Mir scheint, dass in Sambia auch viel traditionelles Wissen verloren gegangen ist. Das ist wahrscheinlich eine Folge der Kolonialisierung. Das Bild von Entwicklung ist stark geprägt von neuer Technik, Traktoren, Maschinen und all den Wundermitteln – Kunstdünger und Pestiziden –, die die Pflanzen zum Wachsen bringen und Schädlinge abtöten sollen.

Sind Sie enttäuscht, dass Sie das traditionelle Wissen nicht gefunden haben?
Nein, denn ich habe dafür viel über moderne biologische Methoden gelernt. Etwa «Push-Pull» – man sät Pflanzen, die Schädlinge mit ihrem Geruch vom Acker vertreiben, und andere Pflanzen ausserhalb des Ackers, die die Schädlinge anziehen. Push-Pull-Pflanzen sind gutes Viehfutter und stammen zum Teil aus der Familie der Hülsenfrüchtler, die Symbiosen eingehen mit Knöllchenbakterien an ihren Wurzeln. Diese Bakterien synthetisieren Stickstoff aus der Luft und düngen damit die Nutzpflanzen. Das ist ein Grundprinzip der Biolandwirtschaft. Hier ist es sehr gut anwendbar, und dies fast ohne Kosten und mit grossem Nutzen.

Und die Absatzmärkte? Wäre es sinnvoll, wenn Sambia mehr Lebensmittel in reiche Länder exportieren würde?
Exportorientierung halte ich nicht für sinnvoll, solange man den Bedarf im Land selbst nicht gedeckt hat. Staaten, die ihre Landwirtschaft ganz auf den Export von Kolonialwaren wie Kaffee oder Tabak ausrichten und einen grossen Teil der Grundnahrungsmittel importieren, sind extrem verletzlich, wenn die Weltmarktpreise für Mais, Reis oder Weizen steigen. Für mich liegt der Fokus klar darauf, lokale und regionale Märkte besser zu entwickeln und die Lebensmittel im Land zu verarbeiten. Wenn daneben noch getrocknete Mangos per Schiff nach Europa exportiert werden, ist das auch gut. In Sambia werden so viele Mangos auf einmal reif, dass man sowieso nicht alle essen kann.

Gibt es in Sambia eigentlich Linke?
Sehr marginal, es gibt die Sozialistische Partei, aber von der hört man praktisch nie etwas. Während des Kalten Kriegs, unter Präsident Kenneth Kaunda, galt zwar die Doktrin eines humanitären Sozialismus afrikanischer Prägung, dementsprechend entstanden auch viele Kooperativen und Staatsbetriebe. Aber seit den neunziger Jahren ist die Wirtschaft neoliberal ausgerichtet.

Fühlen Sie sich als Linker da nicht gelegentlich allein?
Linke Ideen gibt es schon – wenn man darunter weniger eine antikapitalistische Tradition versteht als das Konzept von sozialer Gerechtigkeit. Die lokalen Kulturen basieren stark auf dem Community-Gedanken: Die Gemeinschaft ist zentral, was auch die soziale Ungleichheit begrenzt.

Ausserdem ist zum Beispiel die katholische Kirche in Sambia stark der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Ich hätte nie gedacht, dass ich sie einmal loben würde … (lacht). Klar lässt sich manches kritisieren, etwa Homophobie oder Paternalismus, aber die Kirche leistet wirklich gute Arbeit im Bildungs- und Gesundheitsbereich. Und sie exponiert sich auch politisch: Als letztes Jahr die autokratische Patriot-Front-Regierung kritische Medien schliessen und Kritiker einsperren liess, hat der Erzbischof überraschend deutlich für die Grundrechte Stellung bezogen.

Der Berner Landwirt, Geograf und Älpler Markus Schär (41) arbeitet seit drei Jahren für Comundo, eine NGO mit katholischen Wurzeln, in Kasisi, Sambia. Im April kommt er zurück in die Schweiz.

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