Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Sportkritik von rechts

Etrit Hasler über Boykottempfehlungen von unerwarteter Seite

Von Etrit Hasler

Der Sport hat es derzeit nicht leicht in der Schweiz. Obwohl die Schweizer AthletInnen bei den Spielen in «keine Ahnung, wie man das ausspricht» als die erfolgreichste Delegation bei Winterspielen in die Sportgeschichte unseres Landes eingingen, ist von Euphorie weit und breit keine Spur.

Nur zweieinhalb Wochen nach dem Ende der Spiele überwies der Nationalrat eine Motion der Bündner SP-Nationalrätin Silvia Semadeni, die vom Bundesrat verlangt, dem Parlament eine referendumsfähige Vorlage über die finanzielle Unterstützung der Olympiakandidatur Sion 2026 zu liefern – sprich: eine Volksabstimmung. Laut «Blick» wurde die Motion nur überwiesen, weil der soeben zurückgetretene SVP-Führer Christoph Blocher die SVP-Fraktion mit SMS bearbeitet habe, gegen den eigenen Sportminister zu stimmen.

Die Abstimmung könnte das vorzeitige Ende des Projekts bedeuten, nicht zuletzt, weil der bestehende Zeitrahmen gar nicht mehr ausreicht, rechtzeitig eine Abstimmung durchzuführen, womit sich Sion bestenfalls für 2030 bewerben könnte. Und sowieso scheut das Internationale Olympische Komitee (IOK) Volksabstimmungen in etwa wie der Teufel ein Hallenbad voll Weihwasser. Oder wie IOK-Präsident Thomas Bach kritische JournalistInnen wie Jens Weinreich.

Jede Kandidatur, die in den letzten Jahren die Hürde einer Volksabstimmung nehmen musste, scheiterte grandios: München, Hamburg, Tirol und Innsbruck sagten alle Nein – und das nur schon in den letzten vier Jahren. Sion kam überhaupt erst ins Spiel, nachdem die Bündner Stimmbevölkerung das eigene Projekt mit über sechzig Prozent abgelehnt hatte. Und sogar das autokratische Orban-Regime in Ungarn zog eine Kandidatur von sich aus zurück, nachdem klar war, dass ein Referendum zustande gekommen war.

Doch nicht nur die Olympischen Spiele sind unter Beschuss: In der letzten «SonntagsZeitung» resümierte Redaktionsleiter Andreas Kunz darüber, wie er über die Forderung der «Bild» und der «Daily Mail» nach einem Boykott der Fussball-WM in Russland nachgedacht habe, und kam zum Schluss, dass die Schweizer Fussballer «wahre Helden» wären, wenn sie das Turnier auslassen würden.

Kunz – falls Sie ihn nicht kennen, weil Sie am Sonntag lieber eine gute Zeitung lesen, sprich: mit der WOZ einfach noch nicht durch sind – war zuvor stellvertretender Inlandchef bei der «Weltwoche» und danach stellvertretender Politikchef beim «Blick», was vielleicht erklärt, weswegen er die einzige Person auf der Welt ist, die je von der «Bild» zum Denken animiert wurde. In seinen Leitartikeln weibelte er in den letzten Monaten gern für «No Billag», erklärte den LeserInnen, wieso der Austritt der USA aus der Unesco die Schuld der «Antisemiten bei der Unesco» sei, und wehrte sich gegen die Zensur von Islamhassern im Netz unter dem Titel «Die Rückkehr der Meinungspolizei».

Was natürlich nicht heisst, dass er nicht recht hat. Die Fussball-WM wird eine grosse Propagandabühne für den frisch bestätigten Wladimir Putin, genau wie es die Olympischen Spiele in Sotschi schon waren. Das mag durchaus als Grund für einen Boykott herhalten. Und ja: Die letzten Wochen haben uns gezeigt, dass die «völkerverbindenden Qualitäten» sportlicher Grossanlässe weniger vermögen als ein einziger Tweet von Donald Trump. Und wenn das Völkerverbindende wegfällt, bleiben: Kommerz, Gigantismus, Steuerhinterziehung und überteuerte Infrastruktur, die die austragenden Länder für Jahrzehnte abbezahlen müssen.

Dass wir uns richtig verstehen: Ich freue mich, wenn die SVP und ihr zugewandte JournalistInnen plötzlich die Kritik am korrupten Spitzensport entdecken. Aber an die Konsequenz glaube ich noch nicht. Adrian Amstutz, der im Nationalrat der Motion Semadeni zustimmte, ist nach wie vor Mitglied des Dachverbands Swiss Olympic. Und ob die «SonntagsZeitung» auf die Berichterstattung über die Fussball-WM verzichten wird, werden wir bald sehen.

Etrit Hasler ist Sportkolumnist, Kantonsrat und Slampoet – als Letzteres wird er bei den Schweizer Meisterschaften in Winterthur vom 22. bis 24. März im Casinotheater auf der Bühne zu sehen sein.

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