Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Verlassen und verliebt

Von Rahel Locher

Aïcha (Sophie Nélisse) trägt den wunderbar angepissten Gesichtsausdruck einer Fünfzehnjährigen, wenn sie sich im Quartierladen Geld ausleiht, mit ihrer Lehrerin um Absenzen streitet oder nach einer Auseinandersetzung mit der Mutter (Karine Vanasse) kurzerhand das Telefon im Aquarium versenkt. Die Protagonistin von Léa Pools neuem Film «Et au pire, on se mariera» kurvt auf Rollschuhen durchs Viertel, findet Gesellschaft auf dem Strassenstrich und weiss häufig nicht, was sie eigentlich anfangen soll mit ihrem Leben. Bis ihr, gelangweilt auf einer abgeranzten Schaukel im Hinterhof sitzend, quasi der rettende Prinz erscheint: Baz (Jean-Simon Leduc), Musiker und fast doppelt so alt wie sie selbst.

Mit Baz ist da endlich wieder jemand, der sie versteht, seit die Mutter ihren Freund Hakim (Mehdi Djaadi) rausgeworfen hat, Aïchas Vater, von biologischen Tatsachen einmal abgesehen. Die dauergestresste Mutter taugt kaum als Vertrauensperson und überlässt die Tochter sowieso meist sich selbst. Der hilfsbereite Baz hingegen leistet Aïcha Gesellschaft, er kocht, lässt sie nach einem besonders heftigen Streit mit der Mutter bei sich übernachten. Und versucht, sich in seiner zögerlichen Gutmütigkeit von der exzessiven Verliebtheit der Jugendlichen abzugrenzen – ohne Erfolg.

Die schweizerisch-kanadische Regisseurin Léa Pool entwirft in ihrer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Sophie Bienvenu eine Frauenfigur, die zeitweilig vor jugendlicher Lebenslust übersprudelt, die abrupte Trennung vom Vater aber nie überwunden hat. Dieses Wechselbad der Gefühle bringt die selber erst siebzehnjährige Schauspielerin Sophie Nélisse hervorragend auf die Leinwand. Ihre Wutausbrüche gegen die Mutter oder ihre verzweifelten Versuche, Baz rumzukriegen, reizen mitunter zum Lachen. Letztlich aber geht Aïchas Verletzung so tief, dass sie in ihrem Verhältnis zu Baz vor nichts zurückschreckt, um die existenzielle Verlassenheit nach Hakims Wegzug nicht mehr zu spüren. So dreht Pool das Liebesdrama in eine blutige Tragödie, der gar nichts Komisches mehr anhaftet.

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