Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Ein Leben für die Favela

Rios Stadtparlamentarierin Marielle Franco ist vor einer Woche kaltblütig umgebracht worden. Ihr Tod wird zum Fanal für den Kampf um Gleichberechtigung.

Von Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro

Marielle Franco. Foto: Rodrigo Chadí, Alamy

Der Mord an der schwarzen Stadtabgeordneten Marielle Franco hat weit über Rio de Janeiro hinaus Entsetzen ausgelöst. Auch in Europa und in den USA fanden Proteste gegen die Tat statt, die einer Exekution glich. Franco wurde am 14. März mit vier Kopfschüssen hingerichtet.

Durch den Tod gelangte so ein Name zu internationaler Bekanntheit, den zuvor kaum jemand ausserhalb Rios gehört hatte. Die Uno drückte ihre Erwartung aus, dass der Mord an der Politikerin schnell aufgeklärt werde.

Die Prominenz des Falls hat auch damit zu tun, dass Marielle Franco in der brasilianischen Politik eine Ausnahme war. Zunächst einmal ist da ihre Herkunft: Franco wurde vor 38 Jahren in der grössten Ansammlung von Favelas in Rio de Janeiro geboren, dem Complexo da Maré. Die Maré, wie sie genannt wird, ist mit circa 140 000 BewohnerInnen eines der am dichtesten besiedelten Viertel der Stadt und auch eines der gewalttätigsten. Nur wenigen jungen Menschen gelingt es, daraus zu entkommen.

Francos Weg ins Parlament

Obwohl Franco schon mit achtzehn Jahren eine Tochter zur Welt brachte, schaffte sie es, sich zwei Jahre später in ein Sozialprogramm zur Vorbereitung auf die Universität einzuschreiben. Als eine Studienkollegin bei einem Schusswechsel zwischen der Polizei und Drogendealern starb, begann sie, sich für die Menschenrechte einzusetzen. Kurz darauf wurde Franco dank eines Stipendiums an der Päpstlichen Katholischen Universität aufgenommen, einer der besten Hochschulen Rios. Sie studierte Soziologie und arbeitete als Beauftragte für Menschenrechte im Büro des linken Landtagsabgeordneten Marcelo Freixo von der kleinen Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL).

Freixo gehörte zu den grössten Förderern Francos, die schliesslich als Stadtabgeordnete des PSOL kandidierte. Nach einem Wahlkampf mit wenig Geld wurde sie 2016 auf Anhieb mit mehr als 46 000 Stimmen in Rios Stadtparlament gewählt. Sie erzielte damit nicht nur das fünftbeste Wahlergebnis in Rio, sondern auch das landesweit zweitbeste Resultat einer weiblichen Kandidatin. Damit wurde sie zu einer der lediglich 32 schwarzen Frauen, die in Brasiliens Landeshauptstädten in den Lokalparlamenten sitzen. Diese machen dort nur vier Prozent aus.

Die Wahlkämpfe in Rio de Janeiro sind extrem korrupt, der Kauf von Stimmen oder Erpressung durch rechte Milizen gehören zur Normalität. Franco hatte damit nichts zu tun.

Ihr Ergebnis war ebenso bemerkenswert, weil sie sich zu ihrer Bisexualität bekannte. Das erklärt allerdings auch, warum sie in ihrer Heimat, dem Complexo da Maré, lediglich 1700 Stimmen erhielt. Viele Favela-BewohnerInnen sind in sozialen Fragen sehr konservativ. Sie lehnen die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben ebenso ab wie die Legalisierung der Abtreibung. Ihre besten Ergebnisse erzielte Franco in reicheren linksliberalen Stadtteilen.

Kampf gegen die Polizei

Dennoch galt ihr politisches Engagement weiterhin den Favelas, und sie prangerte häufig die Polizeigewalt in den Armenvierteln an. Einer ihrer letzten Facebook-Einträge machte den Mord an zwei Jugendlichen durch Polizisten in der Favela Acari publik. Franco sass auch der Kommission zur Verteidigung der Frauen vor. Innerhalb eines Jahres brachte sie sechzehn Gesetzesvorschläge ein, von denen zwei angenommen wurden, darunter das Vorhaben, Geburtshäuser neben den schlechten öffentlichen Krankenhäusern zu schaffen.

Zuletzt war Franco in einer Kommission, die die Militärintervention in Rio beobachten sollte, die von der Regierung in Brasília aufgrund der katastrophalen Sicherheitslage angeordnet worden war. Franco lehnte die Intervention ab. Wer hinter dem Mord steckt, ist noch unklar. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass eine der Milizen, die oft aus Polizisten bestehen, ein Exempel an ihr statuieren wollte.

Fast täglich finden nun in Rio de Janeiro Demonstrationen statt. Insbesondere schwarze Frauen identifizieren sich mit Marielle Franco und tragen ihre Trauer und Wut auf die Strasse. Franco wird gerade zu einem Symbol für den Kampf um Gleichberechtigung. In Brasilien ist dies ein mörderischer Kampf.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch