Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Rockoper im Cabriolet

Von Timo Posselt

Dieses Album ist wie ein Roadtrip. Ezra Furman hat seinen Lover auf dem Beifahrersitz, und aus dem Autoradio tönen Beats wie auf Kartonkisten gedroschen, breitbeinige Gitarrenriffs und ein zweckentfremdetes Orchester aus Posaunen, Vibrafon und Cellos.

Im treibenden Opener «Suck the Blood from My Wound» ist die Flucht noch in Planung, das restliche Geld wird ins Spitalhemd gestopft, der entführte Engel hat verbundene Flügel, und mit neunzig Sachen geht es der «state line» entgegen. Nach dem Rausch kommen in «Driving Down to L. A.» die ersten Zweifel über den Ausbruch. Gitarren drehen sich in Girlanden, doch das Hadern wird mit einer sich aufbäumenden Synthiewand wieder weggewischt. Denn die Träume sind grösser als die familiäre Enge hinter ihnen, singt Furman.

Bei aller Theatralik in seiner Stimme: «Transangelic Exodus» ist ein sehr persönliches Album geworden. So besingt Furman in «Compulsive Liar» zu schnalzendem Beat und einem Synthie wie ein Schiffshorn sein Coming-out: «It opens at a young age: That all-protective closet.» Als sich mit elf Jahren der schützende Schrank der eigenen Bisexualität ungefragt öffnet, beginnt Furman, zwanghaft zu lügen: «Je länger du da drin bleibst / Umso mehr wirst du dich verdrehen.» Er setzt dann zur grossen Ermutigung an: «Don’t wait a moment longer / Stand up and turn the doorknob», Türknauf drehen und raus aus dem Schrank.

Die stärksten Stücke von «Transangelic Exodus» sammeln sich auf der ersten Hälfte, gegen Ende verlieren die Songs deutlich an Dringlichkeit, die Melodien werden redundant. Furman gibt sich auf seinem vierten Soloalbum weniger gitarrenlastig als zuletzt auf «Perpetual Motion People» (2015). Der Anschluss an Vorbilder wie Velvet Underground oder Modern Lovers rückt in den Hintergrund, stattdessen erinnert die Platte immer wieder an eine Rockoper. Dazu passt auch die Symbolik: Furman, der gern in einem Kleid und mit Lippenstift und Wimperntusche auftritt, besingt wiederholt die Engel des Albumtitels, dazu der motivische Roadtrip – wie eine «Rocky Horror Picture Show» im Cabriolet.

Konzert: 4. Juni 2018, Zürich, Bogen F.

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