Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Der sanfte Radikale

Von Brigitte Matern

In Italien wurde er von Paparazzi verfolgt, in den Niederlanden galt er als unerwünschte Person, und aus der Schweiz erhielt er auf sein Aufnahmebegehren keine Antwort. Auch die britische Regierung entzog dem vermeintlichen Aufwiegler das Aufenthaltsrecht, obwohl sogar der deutsche Bundespräsident für den rekonvaleszenten jungen Mann bürgte. 1971 nahm schliesslich Dänemark den Soziologiedoktoranden samt Frau und Kind auf. Da war der kritische Marxist bereits über zwei Jahre auf der Suche nach einem dauerhaften Gastland, weil ihn Hetze und Hass in der BRD fast das Leben gekostet hatten.

Geboren wurde der Postbeamtensohn als Jüngster von vier Brüdern 1940 im ostdeutschen Schönefeld. Gern wäre er Sportjournalist geworden; doch in der DDR liess man den begabten Leichtathleten nicht studieren, weil er als christlicher Sozialist – so bezeichnete er sich damals – keinen Wehrdienst leisten wollte. Zwanzigjährig zog er darauf zum Studium nach Westberlin, wo es bald vor Aufruhr und Empörung brodelte: Der deutsche Verteidigungsminister wollte die Bundeswehr mit Atomwaffen aufrüsten und attackierte heftig die Pressefreiheit. Ausserdem rochen die geplanten Notstandsparagrafen in der Verfassung verdächtig nach dem Ermächtigungsgesetz, das Hitler einst die Machtübernahme ermöglicht hatte. So studierte er Soziologie statt Journalismus, fand zu Karl Marx und den marxistischen Philosophen, diskutierte, wie man zu einem egalitären, rätebasierten Gesellschaftssystem gelangen konnte, und wurde zu einem weitum beachteten Redner, der «seine Argumente in die Menge (knetete) wie ein Bäcker die Rosinen in den Teig» (so das Springer-Blatt «B. Z.»).

Während das Bürgertum, von der Boulevardpresse aufgepeitscht, Gift und Galle spuckte, Stinkbomben in die Wohnung des «Volksfeinds» geworfen wurden und Schmierereien im Hausgang seine Vergasung forderten, orchestrierte er Sit- und Teach-ins zur Demokratisierung der Hochschulen, Kongresse zum Vietnamkrieg, Aktionen gegen Staatsbesuche von Diktatoren und den Springer-Verlag. Bis dem «dreckigen Kommunistenschwein» im April 1968 ein Arbeiter zwei Kugeln in den Kopf schoss. Er überlebte schwer verletzt, und nachdem er Arbeit und Wohnung im dänischen Aarhus gefunden hatte, mischte er sich allmählich wieder in die westdeutsche Politik ein.

Wer war der mit 39 Jahren verstorbene antiautoritäre Geburtshelfer der Grünen, der Lenin auf die Füsse stellen wollte und zum Marsch durch die Institutionen aufrief?

Wir fragten wir nach dem deutschen Soziologen Rudi Dutschke (1940–1979). Er war der prominenteste Wortführer der antiautoritären Linken innerhalb der Ausserparlamentarischen Opposition (APO). Der erwähnte deutsche Bundespräsident war Gustav Heinemann, der dem stets klammen Ehepaar Dutschke später auch den Umzug nach Dänemark bezahlte. «Versuch, Lenin auf die Füsse zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus» lautete der Titel von Dutschkes 1974 bei Wagenbach erschienener Dissertation. 1979 starb er in Dänemark an den Spätfolgen seiner Schussverletzungen.

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