Nr. 12/2018 vom 22.03.2018

Von der Nacht geknechtet

Grandios rappt der Zürcher Tinguely dä Chnächt, der vielen als ewiger Trinker gilt, auf seinem neuen Album über die alte Zeit. Auf einem Spaziergang durch seinen Kreis 4 will er aber von Nostalgie nichts wissen.

Von Timo Posselt (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Es ist schon schräg, wenn der siebzigjährige Alki an der Bushaltestelle deinen Namen kennt»: Tinguely dä Chnächt bei der Zürcher Bäckeranlage.

Strassengeräusche, ein heller Synthie ist angetippt, und Tinguely dä Chnächt setzt in «Bistro Pub» zum grossen Abgesang an: «Es git kein Stripschuppe meh / Es git kei Tänzerinne meh a de Stange / Es git en hip Club no meh / Etz laisch en Zwänzger hi für ä Stange.» Er kennt jeden Meter im Kreis 4 zwischen Helvetiaplatz und Langstrassenunterführung. Wir treffen ihn an einem eiskalten Abend, und bevor wir über die Langstrasse ziehen, kauft er sich in einem Kiosk ein Rivella. Kein Alkohol? Das war früher anders. Nicht nur sein Quartier hat sich verändert.

Drei Sprachen in einem Satz

Schon als Kind fuhr Patric Dal Farra, wie Tinguely eigentlich heisst, mit dem Vater hierher. Als die Gegend noch in der Hand der italienischen Community war, kamen Vater und Sohn aus Rüschlikon ins Volkshaus, um sich italienischen Fussball anzuschauen. Mit der Mutter aus dem Bündnerland sprach er Romanisch, mit dem Vater Italienisch. Im Kindergarten stolperten manchmal alle drei Sprachen gleichzeitig in einen Satz. Aus der Vielsprachigkeit entwickelten sich die für seine Raps so typischen Wortspiele: «Gwaltstette» und «drinksextrem».

Tinguely hat ein enormes Sprachgehör: «Im Undergrund isch d Stimmig usschliesslich im Chäller / Underirdisch ganz dundä / Dä Mensch tanzt im Dunklä / Zum im Club tanze / ischs e Frog vo dä Substanze / D Chemie stimmt.» In wenigen Lines pulvert er auf «Backstage und WC» den ganzen Drogenmorast der Zürcher Clubszene hin. Unter die stärksten Tracks auf dem neuen Album «Calvados» hat der Berner Produzent Chocolococolo komplexe Stimmungen statt satte Beats gelegt. In dieser Tiefe entfalten Tinguelys Rhymes ihre volle lyrische Kraft, die schon auf den früheren Alben «Mis Bier» (2004) und «Bar» (2010) aufblitzte.

Tinguely der Selekteur

Anfang der Neunziger, im Gymnasium, nahm er mit Freunden dann selbst die S-Bahn in die Stadt. Während andere sich die Drinks in PET-Flaschen mischten, hatte Tinguely sein Dosenbier. Dabei sollte er jahrelang bleiben. Auf unserem Spaziergang durch seinen Kreis 4 trinkt er nur Rivella und Mineralwasser. Seine Abstinenz wurde verschiedentlich zur Läuterung des ewigen Trinkers hochgeschrieben. Dabei wundert ihn, wie ihn die Leute offenbar wahrnahmen: «Es kam huere viel dieses Alkoholzeugs. Ich meine, ja, okay, ich habe Alkohol getrunken. Das taten andere aber auch.» Der Knecht der Nacht hat aufgehört zu trinken, an diesem Mythos schreiben alle gerne mit.

Nach einem Konzert im Club Zukunft lernte er den Zürcher Elektromusiker Kalabrese kennen und begann, dort an der Kasse zu arbeiten, Rap-Buddy Skor machte die Tür. Später fing Tinguely auch im «Exil» an. Türsteher sei er nie gewesen, sagt er, sondern «Selekteur». Er schmiss nicht raus, sondern wies nur ab. Tinguely liebte den Job. Karriereambitionen hatte er keine, er konnte gratis trinken und hatte genug Zeit für seine Texte.

Nach einer Nacht an der Tür ging er selten direkt nach Hause. Manchmal sass er bis Mittag auf einem Mäuerchen vor dem Dönerladen Bistro Pub Aladin an der Langstrasse. Er rauchte, trank Bier, machte sich Notizen – unter den sorgenvollen Blicken der «fleissigen Ameisli», die zur Arbeit gingen. Daheim stellen sie die Regale voll mit Trinkerromanen, doch wenn sich jemand im eigenen Umfeld dieselbe Freiheit herausnimmt, folgt mahnendes Bedauern – Tinguely nervt diese Doppelmoral. In den verlängerten Nächten lernte er andere mit ähnlichem Lebensrhythmus kennen. «Es ist schon schräg, wenn der siebzigjährige Alki an der Bushaltestelle deinen Namen kennt, weil du nach der Arbeit oder den Partys dort auf den Bus wartest.» Man war deswegen nicht seelenverwandt, höchstens «szeneverwandt», wie er es nennt.

Nostalgisch wider Willen

Wir flüchten vor der Kälte ins «Gotthard». Ein alter Spunten, der wie viele hier neu von Dreissigjährigen geführt wird. Doch anders als auf dem Album zeigt Tinguely keine Nostalgie: «Irgendwann müssen die ja übernommen werden.» Die Veränderung des Quartiers begann, als die Striplokale anfingen, Partys zu machen. So wurden die Milieuspunten langsam zu Clubs, die Stadt trug mit Polizeipräsenz ihren Teil dazu bei. Tinguelys Melancholie in «Bistro Pub» erinnert an den wütenden Abgesang «Chreis 5» des Zürcher Rappers E.K.R: «Chreis Foif isch min Name und mis End isch nah, fühl mi immer schwächer, bald chan i nüme schtah», konstatierte dieser 1995, «wänn i zrugblick uf die vergangene Jahr, wird mer alles klar.»

Die beiden Rapper verbindet die Kreisgrenze und die Wut. Statt dem Rotlicht nachzutrauern, nervt sich Tinguely über die Partyhorden aus der Agglo, die am Wochenende mit ihren Proseccodosen das Quartier fluten. «Ich jammere nicht, gar nicht. Nur, wenn die Clubs heute dreissig Stutz Eintritt kosten, zieht das automatisch mehr Idioten an, die es sich hart geben müssen.» Aber auch wenn sich der Inhalt ihrer Dosen unterscheidet: Als Gymnasiast damals war Tinguely den Wochenendfeiernden von heute vielleicht ähnlicher, als ihm lieb ist.

Dreimal erwähnt er im Gespräch, dass seine Freundin schwanger ist, erzählt vom geregelten Job bei einem Magazin und dass er wieder Längen schwimmt. «Ich bin dihei», rappt er zu sanftem Beat und elektronischer Schwermut auf «Calvados». Ob Tinguely jetzt der geläuterte Trinker ist oder nicht, er ist inzwischen 41 und angekommen.

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