Nr. 13/2018 vom 29.03.2018

Facebook-Voodoo

Genauso gefährlich wie Donald Trump ist die Vorstellung der Manipulierbarkeit der WählerInnen.

Von Hansi Voigt

Die Debatte um Facebook und Cambridge Analytica zeigt zweierlei: 1. Die Leute haben erst jetzt begriffen, was die Grundidee hinter Facebook ist. 2. Eineinhalb Jahre nachdem 59 Millionen US-AmerikanerInnen Donald Trump wählten, wird immer noch jeder Strohhalm ergriffen, die fleischgewordene Protestnote gegen «die da oben» mit der Manipulierbarkeit der dummen Masse zu erklären.

Ein paar Prozente und ein paar entscheidende Swing-States vielleicht, aber den ganzen Umstand der Trump-Wahl kann man nicht mit Facebook-Voodoo erklären. Der Knall war demokratisch gewollt, lässt sich aus dem zunehmenden Gefühl der Chancenungleichheit erklären und ist kein Zufall. Es wäre wichtig, das endlich zu akzeptieren. Der Erste, der übrigens die Wahlen anzweifelte, war Trump am frühen Wahlabend, als es noch nach Niederlage aussah.

Lügen, klauen, aufhetzen

Wer die Diskussion um Facebook und Cambridge Analytica verfolgt, könnte auf die Idee kommen, Demokratie sei bis jetzt ein blütenweisses, unbeschmutztes Ritual gewesen. Dem ist nicht so. Schon immer wurde manipuliert, gelogen, zugespitzt, eingebrochen, geklaut und aufgehetzt.

Der Politikwissenschafter Dov H. Levin hat zusammengetragen, wie oft Russland und vor allem die USA versuchten, die Wahlen eines anderen Landes zu beeinflussen: Er fand 117 Beispiele zwischen 1946 und 2000. Allein in Italien versuchten die USA neunmal und mit «säckeweise Geld», die Wahl einer roten Regierung zu verhindern. Immer war das Ziel, dem am wenigsten gut informierten Teil der Gesellschaft mit grossem Mitteleinsatz irgendwelche Bären aufzubinden. Erst als ein genehmer Milliardär wie Silvio Berlusconi diese Mittel selber aufbringen konnte, reduzierten die USA ihr Engagement.

Die perfekte Demokratie ist in vielen Teilen eine Illusion, aber der stete Kampf für diese Illusion bringt die Gesellschaft voran. Das Gefährliche an Trump ist die erlebte Verschiebung der Anstandsnormen und der tägliche Angriff auf die Verbindlichkeit von Wahrheit. Genauso gefährlich ist aber auch die nicht enden wollende Debatte über die Unmündigkeit der manipulierten WählerInnen.

Seien wir mal ehrlich. Über die schlimmsten Beispiele im letzten US-Wahlkampf – «Crooked Hillary» (mit Handschellen im Doppel-O!) – können wir in der Schweiz nur lachen. Schweizer aufschlitzende Kosovaren, schwarze Schafe, Minarette wie Raketen: Das sind Sujets, mit denen man die schweigende Mehrheit auf Minderheiten hetzt. Hier könnten die Cambridge-Analytica-Leute etwas von uns lernen! Sicher in Sachen ausgrenzende Propaganda, aber inzwischen auch in puncto Resistenz.

Es soll hier nicht das Gefahrenpotenzial der möglichen zerstörerischen Effizienz von Big Data als Wahlkampfwaffe kleingeschrieben werden. Propaganda ist am wirksamsten, wenn sie in einer neuen Form daherkommt und man sie noch nicht als solche erkennt. In diesem Sinne sind die aktuelle Aufregung und die nun geführte Debatte wichtig.

Mit Brutalität in Kenia

Aber lässt sich mit smarter Facebook-Propaganda eine Wahl gewinnen? Zweifel sind angebracht. Seit den von Channel 4 aufgezeichneten Gesprächen mit dem Cambridge-Analytica-CEO Alexander Nix wissen wir, dass seine Firma im Auftrag des bisherigen Präsidenten Kenias, Uhuru Kenyatta, massgeblich im kenianischen Wahlkampf involviert war. Cambridge-Analytica-Manager Mark Turnbull erklärt im gleichen Video zu Kenia: «Letztlich haben wir die komplette Kampagne gemacht.» Und Nix sagt: «Das läuft alles ganz subtil ab, keiner darf denken: Das ist Propaganda.»

85 Prozent der KenianerInnen sind rege InternetnutzerInnen, viele davon auf Facebook. Cambridge Analytica hatte also freie Bahn. Prompt wurden die Wahlen für ungültig erklärt. Von subtilem Vorgehen war allerdings nichts zu erkennen. Der für die IT-Sicherheit der Wahlen zuständige Administrator wurde vor der Wahl in Nairobi verschleppt, gefoltert und ermordet. Statt auf zielgenau ausgelieferte Botschaften, Dark Ads und die neue Macht von Social Media zu vertrauen, prügelten die Schergen lieber die Passwörter aus dem armen IT-Chef heraus. Am Wahltag loggte sich prompt jemand mit den Zugangsdaten des bereits beerdigten Administrators ein und fälschte die Listen nach Belieben und zugunsten des Präsidenten.

Die tragische Sache flog zwar auf, das Ziel wurde dennoch erreicht: An die Illusion von Demokratie glaubt in Kenia zurzeit kein Mensch mehr. Kenyatta kann jetzt regieren wie ein Diktator.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete lange beim Onlineportal «20 Minuten» und gründete «Watson» mit. Hier schreibt er zur Medienzukunft.