Nr. 13/2018 vom 29.03.2018

Warme Winter, leere Netze

Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich auch im Zürichsee: Die Fischbestände schwinden, und ein giftiges Bakterium breitet sich immer mehr aus.

Von Cornelia Eisenach

So giftig wie eine Kobra: Seit 2012 bringt die Burgunderblutalge den Nahrungskreislauf im Zürichsee durcheinander. Foto: Limnologische Station, Universität Zürich

Adrian Gerny ist Berufsfischer aus Leidenschaft. Sechsmal pro Woche legt er seine Netze im Zürichsee aus, seine Arbeitstage sind lang: fangen, filetieren, verpacken, ausliefern. Alles macht er selbst. Und doch kämpft er ums Überleben.

Seit zwei Jahren gehen den Fischern am Zürichsee immer weniger Fische ins Netz, besonders weniger Felchen, die sogenannten Brotfische der Fischer. «Ich mache ungefähr zwei Drittel meines Umsatzes mit diesen Fischen», sagt Gerny, Präsident der Berufsfischer am Zürichsee. Sein Ertrag an Felchen schrumpfte 2017 über die Hälfte im Vergleich zu 2015. «Ich habe schon Mitarbeiter entlassen müssen», erzählt er. «Ohne Zukäufe von Kollegen müsste ich zumachen.»

Was ist los mit den Felchen im Zürichsee? LimnologInnen der Universität Zürich haben kürzlich eine Langzeitstudie veröffentlicht, die verschiedenste Umweltparameter und Organismen im See über dreissig Jahre hinweg beobachtet hat. Die Resultate der ForscherInnen, die sich mit Binnengewässern beschäftigen, legen den Schluss nahe, dass die Fische zu wenig zu fressen haben. Seit 2013 fehlt dem Zürichsee eine wichtige Quelle im Nahrungskreislauf: Kieselalgen und sogenannte Cryptomonaden. Diese Organismen wachsen normalerweise im Frühling in Massen, man spricht von einer Algenblüte. Doch diese ist seit nunmehr fünf Jahren verschwunden.

Algen sind sozusagen der Aperitif im grossen Fressen und Gefressenwerden des Sees. Ohne sie gibt es weniger tierische Einzeller und Kleinkrebse. Von diesen aber ernähren sich Fischlarven. Haben diese nichts mehr zu fressen, macht sich das drei bis vier Jahre später, wenn die Tiere herangewachsen sind, im Netz des Fischers bemerkbar.

Das Problem mit dem Phosphor

Die eigentliche Frage lautet also: Weshalb sind die Algen aus dem Zürichsee verschwunden? Zum Wachsen brauchen sie gelösten Phosphor, und davon hat es normalerweise zehn bis zwölf Mikrogramm pro Liter im Oberflächenwasser. Doch dort ist der Nährstoff seit fünf Jahren kaum mehr nachzuweisen.

Dass dem Zürichsee Nährstoffe fehlen, mag überraschen, denn lange Zeit war das Gewässer überdüngt. In den siebziger Jahren trugen Abwässer zu viele Nährstoffe in den See, vor allem Phosphate aus Waschmitteln. Die Algenblüte, die heute fehlt, war damals ein Zeichen der Überdüngung. Der Fischfang boomte. Dann ergriff der Bund Massnahmen für den Gewässerschutz.

Die Berufsfischer am Zürichsee behaupten seit dem Einbruch ihrer Fangquoten immer wieder, dass zu viel Phosphor aus dem Abwasser gefiltert werde. Gemäss Gesetz müssen Kläranlagen mindestens 80 Prozent des Phosphors aus dem Abwasser filtern. Faktisch würden aber 95 bis 97 Prozent entfernt, so Gerny. Das sei einer von mehreren Gründen für die schwindenden Fischerträge.

Thomas Posch, der die Langzeitstudie in Zürich leitete, widerspricht: «Im See gibt es genug Phosphor. Das Problem ist nur: Er sitzt am Seegrund fest.» Normalerweise kommt der Nährstoff vom Grund an die Oberfläche, wenn sich der See im Frühling durchmischt. Bis an die tiefste Stelle, 136 Meter unter dem Wasserspiegel, dringt dann das Oberflächenwasser. Doch seit 2013 hat der See aufgehört, sich vollständig zu durchmischen, wie die Zürcher LimnologInnen herausgefunden haben. Im Jahr 2016 mischten sich nur noch die oberen sechzig bis siebzig Meter.

Grund dafür ist die Klimaerwärmung. Die Temperatur des Zürichsees hat sich seit den siebziger Jahren um zweieinhalb Grad Celsius erhöht. In den Frühlingsmonaten lag sie in den vergangenen Jahren sogar bis zu sechs Grad über dem Langzeitmittel. Als Folge davon bleibt die obere Wasserschicht des Sees im Winter zu warm und kann sich deshalb im Frühling nicht mit dem kalten, schweren Tiefenwasser mischen. Wie eine Ölschicht sitzt das Oberflächenwasser dann auf dem See.

Böse Burgunderblutalge

«Der Zürichsee ist ein schönes Beispiel dafür, wie der Klimawandel einen See über einen kritischen Punkt hinaus verändert», sagt die Geologin Catherine O’Reilly von der Illinois State University. «Und zwar so, dass das Fehlen der kompletten Durchmischung die neue Normalität ist.» So ist es schon dem Lago Maggiore und dem Gardasee ergangen. Sie mischen sich nur alle paar Jahre. Auch weltweit erwärmen sich Seen jedes Jahrzehnt um 0,34 Grad, wie O’Reilly und ihre KollegInnen in einer Studie aus dem Jahr 2015 feststellten.

Dass die Erwärmung des Zürichsees dazu führe, dass er sich nicht mehr komplett durchmische, sei an sich nicht überraschend, findet Dietmar Straile von der Universität Konstanz. «Aber dass der Oberflächenphosphor ganz weg ist und die Algenblüte so ganz und gar ausbleibt, das hat mich doch sehr überrascht.» Der Limnologe weist auf ein weiteres Problem hin: Wegen der fehlenden Umwälzung kommen nicht nur weniger Nährstoffe nach oben, sondern es gelangt auch weniger Sauerstoff in die Tiefe. Unter dem Sauerstoffmangel dort leiden aber Bodenlebewesen und mancher Fischlaich. Bedroht ist also auch die Artenvielfalt im See.

Und damit noch nicht genug: Seit 2012 macht sich eine giftige Bakterienart, die sich in nährstoffarmem, warmem Wasser wohlfühlt, im Zürichsee breit. Die Bakterienart heisst Planktothrix rubescens, auch Burgunderblutalge genannt, obwohl sie keine Alge ist. Weil der See sich nicht mischt, stirbt Planktothrix nicht mehr ab. Im Frühling haben diese Bakterien so einen Startvorteil gegenüber Algen und fressen ihnen den Phosphor weg. Ganze achtzig Prozent des ohnehin schon knappen Nährstoffs stecken in den Mikroben. Das ist ein Problem, denn Planktothrix produziert ein Gift, das so toxisch ist wie das Gift der Kobra. Darum haben die Bakterien kaum Fressfeinde. Für den Nahrungskreislauf im See bedeutet das: Sackgasse.

Im Herbst wirds heikler

Das ist nicht nur schlecht für Fische. Auch die Trinkwasserversorgung ist darauf angewiesen, dass das Nahrungsnetz im See funktioniert. Denn das ist wichtig für die Selbstreinigungskraft des Gewässers. «Je besser der See eingetragene Stoffe selber abbaut, desto weniger müssen wir nachbessern», sagt Oliver Köster von der Zürcher Trinkwasserversorgung. Immerhin besteht das Zürcher Hahnenwasser zu 75 Prozent aus Seewasser und versorgt 1,5 Millionen Menschen. Als Gefahr für die Trinkwasserqualität erachtet Köster Planktothrix nicht: «Das Gift können wir durch Filtration und Ozonbehandlung vollständig aus dem Trinkwasser entfernen.» Bis jetzt hätten die Veränderungen im See keine Auswirkungen auf das Trinkwasser gehabt, sagt er, aber man beobachte die Situation sehr genau, um rechtzeitig reagieren zu können.

Auch wer beim Baden im Sommer versehentlich etwas Zürichseewasser schluckt, braucht sich keine Sorgen zu machen. Denn dann lebt das giftige Bakterium in zehn bis zwölf Metern Tiefe. Aber im Herbst steigen die Bakterien an die Oberfläche und werden als rote Schlieren im Uferbereich sichtbar. «Direkt konsumieren sollte man dieses Wasser dann nicht mehr», sagt Thomas Posch.

Tun kann man gegen das Werk des Klimawandels am Zürichsee herzlich wenig. Technische Lösungen wie die künstliche Umwälzung des Sees finden weder beim Bundesamt für Umwelt noch bei ForscherInnen Anklang. Denn der Aufwand ist gross, und ob es wirklich klappt, ist ungewiss. «Ich hoffe einfach», sagt Posch, «dass es mal wieder zu einem kalten Winter kommt und der See sich mischt.» Die sehr kalten und windigen Tage der letzten Wochen haben fast gereicht. Bis in hundert Metern Tiefe mischte sich der See bisher.

Fischer Adrian Gerny und seine Kollegen hoffen, dass sich der See in den kommenden Wochen tatsächlich umwälzt. Denn momentan können sie kaum noch von ihren Fangerträgen leben. «Einige meiner Kollegen halten sich mit Nebenjobs über Wasser», sagt Gerny. «Ohne diese müssten sie die Fischerei aufgeben.»

Nachtrag vom 7. Juni 2018

Sturm gehabt

Der Zürichsee und seine Lebewesen leiden an der Erderwärmung. Zu hoch sind die Temperaturen im Winter, um die im Frühjahr übliche Umwälzung des Gewässers voranzutreiben. Seit 2013 kam kaum Tiefenwasser mehr an die Seeoberfläche, und somit fehlte dort Futter für Algen und Kleinkrebse. Die Fischereierträge schrumpften. Der diesjährige Februar allerdings war extrem kalt – konnte er der Umwälzung des Sees auf die Sprünge helfen?

Ja, der Zürichsee hat sich tatsächlich komplett durchmischt, wie ForscherInnen der Universität Zürich bei ihrer regelmässigen Untersuchung des Sees festgestellt haben. «Dieses Frühjahr haben wir erstmals seit fünf Jahren wieder eine Algenblüte», berichtet der Limnologe Thomas Posch. Algen brauchen Phosphor, und dieser kommt erst durch die Umwälzung des Sees an die Oberfläche. Zwar steht somit wieder genug Fischfutter zur Verfügung, doch das hilft vor allem Fischlarven und jungen Fischen, die für die Fischerei nicht interessant sind. Deshalb sei für die nächsten zwei bis drei Jahre erst einmal nicht mit steigenden Erträgen zu rechnen, so Posch.

Überhaupt kam die Umwälzung relativ überraschend – denn obwohl der vergangene Winter einige eisige Wochen mit sich brachte, war er im Langzeitvergleich eher mild. Es war eigentlich immer noch zu warm für eine totale Umwälzung des Sees. «Auslöser für die Umwälzung waren vor allem die drei grossen Stürme Anfang des Jahres», sagt Posch. Darum sei die Umwälzung des Sees wohl eher eine Ausnahme. Denn der Aufwärtstrend der Lufttemperaturen ist ungebrochen. Sollte er anhalten, wird es in den nächsten Jahren keine Komplettmischung des Sees geben, so Posch.

Cornelia Eisenach

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