Nr. 14/2018 vom 05.04.2018

Wir sind Sport

Etrit Haslers Lieblingssportart bekommt endlich Anerkennung

Von Etrit Hasler

Wie die meisten Menschen wissen, verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit Poetry Slam: ein Format, das von den meisten Menschen als alles Mögliche angesehen wird – Unterhaltungsabend, literarische Gattung, mobiler dauerplappernder Kindergarten für Berufsjugendliche und Aufmerksamkeitsdefizitäre –, aber mit Sicherheit nicht als Sport. Und gerade deswegen frage ich mich ab und an, was denn eigentlich dazu gehören würde, dass man diese Szene als Sport ansehen würde.

Wettkämpfe? Check. Vor zwei Wochen traf sich die Szene zum grossen Klassentreffen, den Schweizer Meisterschaften, bei denen Kilian Ziegler, seines Zeichens Grossmeister der Wortspiele und bis dahin ewiger Zweiter, zum neuen Champion gekürt wurde. Auf dem Weg dorthin setzte er sich nicht nur gegen den ehemaligen Schweizer Meister Remo Zumstein, sondern auch gegen die derzeit erfolgreichste Schweizer Slampoetin Patti Basler durch. Ein Sieg also, den niemand willkürlich oder zufällig nennen könnte.

Regeln? Gibt es. Obwohl oder vielleicht gerade weil es ein literarischer Wettbewerb ist, gibt es ein klar definiertes Regelwerk, das Requisiten, Kostüme und vorwiegend musikalische Beiträge ausschliesst – nicht zuletzt, um das Format von anderen Theaterformen oder Gesangswettbewerben abzugrenzen. Obwohl die Regeln im Detail häufig für Verwirrung sorgen (die präzise Auslegung der Kostümregel klingt komplizierter als die genaue Definition von Offside), sind Regelverstösse praktisch unbekannt – die einzige Disqualifikation an einer Meisterschaft betraf Lara Stoll, die 2014 in der Vorrunde absichtlich alle Regeln gleichzeitig brach, als sie mit Gitarre unter einer Burka ein Lied sang.

Diskussionen über Fairness und Modus? Haben wir. Gleich wie im Fussball jedes Jahr darüber sinniert wird, ob die Barrage oder gar der famose Strich wieder eingeführt wird, gleich wie im Eishockey jedes Jahr die Anzahl Spiele vergrössert oder verkleinert wird, so diskutieren auch die SlammerInnen jedes Jahr darüber, wie man den Wettkampf ein bisschen fairer gestalten könnte – von der Qualifikation zu den Meisterschaften über die Anzahl der Jurymitglieder, die die Beiträge bewerten, bis hin zur Frage nach dem Schaffen einer «Profiliga».

Was wir bisher noch nicht hatten, ist die Respektlosigkeit der Medien. Wer SlampoetInnen interviewt, fragt, woher wir unsere Ideen haben, wie lange wir an unseren Texten arbeiten und das unvermeidliche: «Und davon kann man leben?» Doch echten SportlerInnen werden viel dümmere Fragen gestellt: So wurde Basketballer Shaquille O’Neal einst gefragt, ob er das Gift heraussaugen würde, wenn seine Mutter an der Brust von einer Schlange gebissen würde (seine Antwort: «Nein, aber bei deiner Frau würde ichs tun»), Fussballer Thierry Henry brach ein Interview ab, als der Journalist fragte, wieso er im Spiel nicht sein ganzes Können gezeigt habe, und Tennisass Serena Williams wurde gebeten, ihr T-Shirt zu erklären, das der Slogan «Are you looking at my titles» auf Brusthöhe zierte.

Und dann ist da natürlich die dümmste aller SportreporterInnenfragen: «Wie fühlen Sie sich?» Für viele SportjournalistInnen ist es die einzige Frage, die sie regelmässig stellen – nicht zuletzt, weil sie ihren GesprächspartnerInnen nicht zutrauen, einen intelligenten Satz zu irgendetwas ausser sich selbst zu sagen. Kein Wunder, reagierte Thomas Müller nach dem gewonnenen Fussball-WM-Final 2014 darauf in breitestem Bayerisch: «Des interessiert mi ois net, der Scheissdreck!»

In diesem Sinne möchte ich dem Cervelatpromiformat «Glanz und Gloria» ganz herzlich danken. Als das Team die frischgebackene Vizeschweizermeisterin Patti Basler interviewte, eröffneten sie das Gespräch mit der Frage: «Sie haben nicht gewonnen – ist Ihre Karriere nun zu Ende?» Die ansonsten unfassbar schlagfertige Slampoetin brachte kein Wort heraus. Nicht zuletzt, weil ihr klar wurde: Jetzt sind wir Sport.

Etrit Hasler ist der dienstälteste Slampoet der Schweiz und war Koorganisator der Schweizer Meisterschaften 2018 im Casinotheater Winterthur.

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