Nr. 14/2018 vom 05.04.2018

Eine Bahnhofsuhr fürs 21. Jahrhundert

Binär statt analog: Der St. Galler Künstler Norbert Möslang hat eine neue Bahnhofsuhr gestaltet und hinterfragt so die herrschende Zeitordnung.

Von Kaspar Surber (Text) und Ursula Häne (Foto)

Finden Sie es raus? Norbert Möslangs Kunstuhr am St. Galler Bahnhof zeigt bei einem Probelauf 11 Stunden, 49 Minuten und 53 Sekunden an.

Von allen Uhren in der Schweiz gilt sie als die formvollendetste: die Bahnhofsuhr, die der Ingenieur Hans Hilfiker 1944 für die SBB entworfen hat. Ihre Pointe liegt im roten Sekundenzeiger, der an die Kelle eines früheren Bahnhofvorstands erinnert. Genauer in der Pause, die der Zeiger nach einer Umdrehung einlegt. Er dreht sich in 58,5 Sekunden im Kreis, um dann 1,5 Sekunden zu pausieren, hält also gewissermassen kurz die Zeit an, um schliesslich verlässlich den Minutenzeiger einen Tick weiterzuschicken. Oder, wie es Hilfiker selber treffend formulierte, «um Ruhe in die letzte Minute zu bringen und die pünktliche Zugsabfertigung zu erleichtern».

BerufspendlerInnen wissen, dass sie nicht eine Minute vor der Abfahrt auf dem Perron auftauchen müssen, es wäre reine Zeitverschwendung: Der Zug fährt nie, bevor die Sekundenkelle springt. Bahnfans wissen zudem, dass Hilfiker nicht nur die Bahnhofsuhr entworfen hat, sondern auch die Perrondächer in Winterthur Grüze, futuristisch wie eine Raketenstation, leider aus Kostengründen nie in Serie gebaut.

Wer sich mit der Bahnhofsuhr anlegt, muss es sich also gut überlegen. Er greift ein Sinnbild der Pünktlichkeit, ein Kultobjekt der Pendlerschweiz an. Der Künstler Norbert Möslang hatte den Mut und gab bei einem Kunstwettbewerb der Stadt St. Gallen zur Neugestaltung des Bahnhofplatzes eine Uhr als Vorschlag ein. «Schliesslich hiess es in der Ausschreibung, das Kunstwerk solle einen Mehrwert für die Pendlerinnen und Pendler haben», erzählt Möslang. Er platziert seine Uhr prominent am Glaskubus, der künftig als Eingangshalle des Bahnhofs dient. Die Jury wählte seine Idee aus zehn Beiträgen aus.

In Nullen und Einsen zerlegt

Damit war der Künstler noch nicht am Ziel. Erst mussten auch die SBB überzeugt werden, für einmal auf ihre gewohnte Uhr zu verzichten, die längst zur Corporate Identity der Bundesbahnen gehört. «Ganz weghauen konnte ich sie nicht», meint Möslang mit dem ihm eigenen trockenen Humor. Die Uhr von Hilfiker wird nun an der Seitenwand der Eingangshalle angebracht. An der Hauptfassade leuchtet aber Möslangs neue Uhr mit dem Titel «patterns»: Es ist keine analoge, sondern eine binäre Uhr, eine Bahnhofsuhr fürs 21. Jahrhundert.

Die Stunden symbolisieren Kreise, die Minuten Kreuze und die Sekunden Quadrate. Die Zeit wird dabei nach dem Zweiersystem dargestellt, also nach der Zahlenreihe 1–2–4–8–16–32: Leuchtet von rechts her der erste Kreis, bedeutet es 1 Uhr, leuchtet der zweite Kreis, heisst es 2 Uhr, leuchten der erste und der zweite Kreis, dann ist es 3 Uhr, leuchtet der dritte Kreis, ist es 4 Uhr – und so weiter. Das Gleiche gilt sinngemäss für die Minuten und Sekunden. Sieht man die Uhr zum ersten Mal, erscheint sie bloss wie ein wechselndes Muster aus Kreisen, Kreuzen und Quadraten. «Die meisten Leute werden die Uhr aber entschlüsseln können, wenn sie sie eine Minute lang betrachten», gibt sich Möslang zuversichtlich. Das Zweiersystem sei heute allgegenwärtig, jeder Wisch auf dem Handy werde in Nullen und Einsen zerlegt. «Wenn alle ständig von der Digitalisierung sprechen, kann man ihr Grundprinzip auch einmal sichtbar machen», erklärt er die Absicht hinter der Arbeit.

Mit der Ordnung brechen

Die ungewohnte, überraschende Darstellung von Signalen stand schon immer im Zentrum der künstlerischen Arbeit von Norbert Möslang. Im Duo Voice Crack mit Andy Guhl knackte er früher Schaltkreise von Alltagselektronik wie Taschenlampen oder Telefonen und nutzte diese als Musikinstrumente. Heute ist Möslang ein renommierter Experimentalmusiker, seine Alben finden in Avantgardekreisen international viel Beachtung. Eine seiner letzten Platten hiess «header_change»; auch dieser lag eine Umwandlung von Signalen zugrunde. Möslang nahm Videos seiner Künstlerkollegin Silvie Defraoui und veränderte den Kopf der Dateien, wo die Metadaten gespeichert sind. Statt Lichtsignale zu sehen, waren Tonsignale zu hören, die er auf Vinyl presste.

«Header_change», Kopfwechsel: Der Titel ist ein Hinweis, dass Möslang seine Kunst stets politisch versteht. Sie bricht bestehende Ordnungen auf und eröffnet neue Perspektiven. Auch bei der Bahnhofsuhr hofft Möslang auf eine produktive Irritation: dass die PendlerInnen kurz überlegten, wer über ihre Zeit bestimme und wie sie diese selber gestalteten. «Die Festlegung der Zeit war stets ein Ausdruck gesellschaftlicher Kämpfe.» Möslang führt dazu St. Gallen als Schauplatz an: Von 1584 bis 1701 galten hier zwei Zeitrechnungen. Die reformierte Stadt lebte nach dem julianischen Kalender, die katholische Fürstabtei nach dem gregorianischen, sodass man nur wenige Meter voneinander entfernt zehn Tage auseinanderlag.

Heute zeichnet sich die Zeitmessung dadurch aus, dass sie immer exakter wird. Die Sekundenpause der analogen Uhr, die die PendlerInnen kurz durchatmen lässt, hat Möslang deshalb weggelassen. «Ich habe mir die Referenz überlegt, doch es wäre ein Scherz gewesen.» Dafür kann man seine Uhr beim Verlassen des Bahnhofs auch von hinten betrachten. Spiegelverkehrt wirken die blauen Muster noch rätselhafter. Ist nicht auch das Zeitgefühl beim Aussteigen immer ein anderes als beim Einsteigen?

Die Bahnhofsuhr von Norbert Möslang nimmt am Donnerstag, 5. April, um 20 Uhr ihren Betrieb auf.

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