Nr. 14/2018 vom 05.04.2018

Drei Engelsstimmen und kein Halleluja

Die Lust am Eigensinn ist den Young Fathers angeblich etwas verleidet – zum Glück merkt man das kaum. Jetzt kommen sie mit ihrem neuen Album nach Zürich.

Von Florian Keller

Die Young Fathers schmiegen sich aneinander, fallen sich aber auch ins Wort. Foto: Julia Noni

Wow! Wobei, so abgelöscht und so verzweifelt hat man das noch kaum je gehört. «Everything is so amazing», aber das tönt hier nach einer leeren Behauptung, und die Young Fathers legen sich nun knapp vier Minuten lang ins Zeug, um diesen Eindruck zu bekräftigen.

Der Song heisst, genau, «Wow», und er klingt etwa so, als hätte man einen Roman des US-Schriftstellers Bret Easton Ellis zu einer kompakten Audioskulptur verdichtet: ein einziges Mantra aus präpotentem Narzissmus, satirisch zugespitzt. Der Beat sprintet stur vorwärts wie auf Amphetamin, dazu brummt monoton ein synthetischer Bass, und immer mal wieder fährt ein nervtötendes Geklimper dazwischen.

Dann eine ekstatisch fistelnde Stimme, die aufstöhnt: «Oooh! Yeah! Ah! Lovely, lovely, feel so good.» Und während sich von weit hinten noch ein kleiner Chor mit einem lässig hingetupften «Schubiduwap» einmischt, erfahren wir jetzt endlich, was denn hier angeblich so schön und so geil, halt eben so «amazing» ist: «Ego, ego, ego». Wir berauschen uns am eigenen Ich, aber das ist verdammt harte Arbeit, und die behauptete Lust klingt vor allem: schweisstreibend.

Das Ego auflösen

Es ist ein bitterböser Abgesang auf die grassierende Ich-Sucht, dargeboten von drei Männern aus Edinburgh, die ihre Egos seit jeher programmatisch in der Dreifaltigkeit ihrer Stimmen auflösen. Sie heissen Kayus Bankole, Graham «G» Hastings und Alloysius Massaquoi, und als Young Fathers haben sie sich schon mit ihrem gefeierten Debüt «Dead» (2014) einen Namen gemacht als eine Bande von Querschlägern, die sich musikalisch nirgends einordnen lässt. Denn so, wie die drei einander ins Wort fallen, wie ihre Stimmen sich aneinanderschmiegen oder sich gegenseitig aufpeitschen, wie sie sich mit Gesang den Rap austreiben oder umgekehrt, so wildern sie auch durch stilistische Territorien zwischen Hip-Hop und, ja, was eigentlich?

Klar könnte man sagen, das sei irgendwie Gospel, dabei so ungestüm wie Punk, oder Industrial, aber so zärtlich wie R ’n’ B. Aber das wäre auch nur hilfloses Bullshitbingo, genauso gut könnte man mit Stilbegriffen würfeln. Und das ist es ja gerade, was die Konzerte der Young Fathers so elektrisierend macht: dass es keinen Namen gibt, mit dem man wirklich dingfest machen könnte, was sie und ihr Produzent Tim London da veranstalten.

Sie können auch anders

Und was hat das zu bedeuten, wenn sie jetzt mit «Cocoa Sugar» so etwas wie eine Popplatte angepeilt haben, weil ihnen angeblich die eigene Experimentierlust etwas verleidet war? Erst mal nicht viel. Wobei dieses dritte Album der Schotten tatsächlich weniger abweisend daherkommt als so manches auf ihrem etwas angestrengten Zweitling «White Men Are Black Men Too» (2015). Songs im klassischen Sinn sind das immer noch selten, aber die Spuren, die sie aufschichten, greifen hier geschmeidiger ineinander, und die Sounds klingen geschliffener. Gelegentlich streuen die drei sogar einen unverschämt eingängigen Refrain ein, als wollten sie schnell beweisen: Könnten wir schon auch, wenn wir wollten.

Die Single «In My View» ist so ein verkappter Hit: Über einem tribalistischen Beat wechselt der Gesang reihum in einem Kaleidoskop von Männlichkeitsbildern, wobei die unheiligen sexuellen Assoziationen allmählich eskalieren. Meint dieser Macker echt seine Geliebte, wenn er davon singt, dass Stopfleber doch auch dank Folter so delikat schmecke? Später dann, in «Lord», finden sie ganz scheinheilig zum Engelschor zusammen und singen zu einem leicht verstimmten Kinderpiano den Allmächtigen an.

Nachts im Museum

Dabei lassen sich die Texte inhaltlich selten konkret festmachen, zumal mit jeder der drei Stimmen immer wieder eine andere Perspektive dazwischenfunkt. Und weil die neueren Tracks feiner poliert sind, hat man den Young Fathers auch schon vorgeworfen, sie seien auf «Cocoa Sugar» irgendwie unpolitisch geworden, doch das ist Blödsinn. Wer Politik nur in Songzeilen sucht, hat von Popmusik nicht viel begriffen. Das eminent Politische an den Young Fathers war ja schon immer ihre widerspenstige musikalische Ästhetik, die sie auch auf «Cocoa Sugar» konsequent weiterverfolgen: dieser radikal hybride Sound, der seine Identität daraus bezieht, dass er sie fortwährend verschiebt und neu mischt.

Und wer es politisch trotzdem lieber explizit hat, kann sich im Netz ja immer noch das Kunstvideo ansehen, das die Young Fathers letztes Jahr auf Einladung der National Portrait Gallery in Edinburgh gedreht haben. Darin sieht man Kayus Bankole, wie er sich nachts im Museum umschaut. Was sieht er da, allein im Halbdunkel? Lauter reiche, weisse, goldgerahmte Herren. Tot, aber unsterblich schauen sie von oben herab auf ihn, den schwarzen Mann.

Als inneren Monolog rezitiert Alloysius Massaquoi dazu die lyrische Tirade eines Mannes, der sich in diesen verstaubten Porträts von wohlhabenden Weissen nirgends repräsentiert sieht und sich weigert, einfach Farben und Pinselstrich zu bewundern: «Ich bin auch hier, jetzt», unüberhörbar der schottische Akzent.

Bankole zieht dann sein Hemd aus und fordert die noblen Herrschaften zum Kampf heraus – furioses Schattenboxen mit dem untoten Erbe des britischen Empire.

Konzert in Zürich, Rote Fabrik, Mittwoch, 11. April 2018, 20 Uhr.

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