Nr. 14/2018 vom 05.04.2018

Eine raue Schreiberin

Von Silvia Süess

Mit zwanzig habe sie die Haare abrasiert gehabt und sei mehr Junge gewesen als jeder andere, sagt die ältere Frau in einem TV-Interview. Sie habe damals sehr übertrieben. Als der Interviewer fragt, ob sie immer noch übertreibe, überlegt sie kurz, dann bejaht sie.

Bastard – das war das Wort, das die spätere Schriftstellerin schon als kleines Mädchen zu hören bekam. 1907 war sie als uneheliche Tochter eines Dienstmädchens im französischen Arras zur Welt gekommen – ein Trauma, das sie lebenslang begleitete. «Die Bastardin» hiess dann auch ihr 1964 erschienenes Buch, in dem sie schonungslos die eigene Biografie verarbeitete. Damit gelang ihr der literarische Durchbruch. Geschrieben hatte sie da schon seit bald zwanzig Jahren: über ihre Liebesbeziehungen zu Frauen, über Abtreibungen, über Vaterlosigkeit und über sexuelle Sehnsüchte und Erniedrigungen – kein Tabuthema von damals liess sie aus. Allerdings war sie zu radikal für das Nachkriegsfrankreich, ihre Bücher wurden zensuriert.

Radikal war auch ihr Leben. Als Kind verband sie eine zerstörerische Hassliebe mit ihrer Mutter, als Jugendliche hatte sie im Internat eine Beziehung mit ihrer Lehrerin, beide wurden von der Schule verwiesen. Später lebten die zwei Frauen zusammen in Paris.

1946 verhalf ihr Simone de Beauvoir zur Veröffentlichung des Erstlings «L’Asphyxie». «Sie will nicht gefallen, sie gefällt nicht, sie macht sogar Angst», schrieb de Beauvoir über die Autorin, die egozentrisch und impulsiv war und gerne extravagante Kleider trug, obwohl sie kaum genug Geld für die Miete hatte. «Ich bin eine Wüste, die mit sich selber spricht», schrieb sie in einem Brief an de Beauvoir. Diese las und redigierte alle Manuskripte der Autorin, die sich in de Beauvoir verliebte, ohne dass ihre Gefühle erwidert wurden. Die Freundschaft hielt trotzdem, die beiden Frauen blieben einander zeitlebens verbunden. Im Alter sagte die Gesuchte einmal: «Als ich einen Nervenzusammenbruch hatte, war Simone de Beauvoir da, und sie behandelte mich, als ob ich Teil ihrer Familie wäre.»

Sie starb mit 65 Jahren an Brustkrebs. «Mein Fall ist kein Einzelfall», beginnt «Die Bastardin», «ich habe Angst zu sterben und bin zutiefst betroffen, auf der Welt zu sein.»

Wer war diese radikale Schreiberin, die für ihre Unerschrockenheit und ihren rauen Erzählstil von Autoren wie Jean Genet, Jean Cocteau und Jean-Paul Sartre gefeiert, von der Öffentlichkeit jedoch zwanzig Jahre lang verschmäht wurde?

Wir fragten nach der französischen Schriftstellerin Violette Leduc (1907–1972). Der Ansporn zum Schreiben kam von ihrem langjährigen Freund und kurzzeitigen Ehemann Maurice Sachs, der zu ihr gesagt haben soll: «Ihre Kindheitsmissgeschicke fangen an, mich anzukotzen. Sie werden aufschreiben, was Sie mir erzählen.» Ihr Leben ist 2014 unter dem Titel «Violette» von Martin Provost verfilmt worden, mit Emmanuelle Devos in der Titelrolle.

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