Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Die Vermittlung sozialer Kämpfe

Zwischen Revolte und Bürokratie: Die Achtzigerbewegung in Basel aus der Sicht einer sozialen Institution.

Von Rolf Bossart

Aus einer völlig anderen Perspektive als die Ausstellung «68–88–18» (vgl. «Freiraum allzu pragmatisch besetzt») nimmt ein Sammelband zur Geschichte der gemeinnützigen Stiftung Wohnhilfe Basel den Kampf um Freiraum in der Rheinstadt in den Blick. In verschiedenen Beiträgen wird die Stiftung im Kontext der Bewegung für selbstbestimmte Wohn- und Lebensräume und der Jugendunruhen um das AJZ Basel reflektiert. Sie erscheint als Frucht gesellschaftlicher Entwicklungen wie auch als Gründungsakt des charismatischen evangelischen Pfarrers Alfred Kunz.

Hinwendung zum Sozialraum

Was auf den ersten Blick wie eine Institutionengeschichte für den internen Gebrauch anmutet, entpuppt sich bereits in der Einleitung als eine Studie von grösserem Interesse. Erarbeitet wird nichts weniger als ein analytischer Zugang zu den Kämpfen um alternative Lebensformen der Achtziger-Jugendbewegung, der ihre Ideen und Konflikte und das, was heute daraus geworden ist, vermittelnd aufeinander bezieht. So gewinnt das Buch einen realistischen Zugriff auf das zwar spannungsgeladene, manchmal aber fruchtbare Zusammenspiel gegensätzlicher Akteure und Organisationsformen: Jugendbewegung und Stiftungsräte; Pioniergeist und staatliche Bürokratie; die Parteinahme für die revoltierende Jugend und das Ziel von Ruhe und Ordnung.

Wie die HerausgeberInnen Esteban Piñeiro und Seraina Winzeler schreiben, ist für diesen Ansatz entscheidend, sich von der «Zeitzeugenerzählung» abzuwenden, um sich «auf die zentrale Kategorie des Sozialraumes» zu konzentrieren. Aus dieser Perspektive erscheinen krasse Gegensätze plötzlich versöhnlicher. Beispielsweise kann die Sozialarbeit, die aus linksautonomer Perspektive normalerweise nur als Entmündigung und staatliche Repression erscheint, als Instanz beschrieben werden, die zwischen zwei inkompatiblen Systemen vermittelt: «Soziale Arbeit nimmt hier eine intermediäre Funktion wahr. Sie operiert zwischen dem privaten Raum der Bewohnerinnen und Bewohner sowie dem Wohnumfeld oder Quartier.» Mit dem Effekt, dass durch die Pädagogisierung des Wohnraums auf Dauer gelingt, was in der Geschichte der autonomen Wohnprojekte wegen der ständig eskalierenden Nachbarschaftskonflikte bisher im Keim erstickt wurde: «die Möglichkeit einer begrenzten Entfaltung des Abweichenden, das die Gesellschaft ansonsten für sich negieren würde».

Eine solche kritisch-konstruktive Institutionengeschichte beschreibt ihre Gegenstände notwendigerweise ambivalent. So heisst es etwa in einem Abschnitt zum AJZ: «Man muss sich das AJZ wohl als ein loses und fluides soziales Aggregat von Dingen und Menschen denken, dessen Entstehung bereits Niedergang ist.» Durch die räumliche Konzentration der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gegenkräfte in einem Haus wurde die zuvor diffuse und zerstreute Bewegung nicht nur plötzlich greifbar für staatliche Ordnungshüter, sondern es manifestierten sich auch die zuvor nur latenten politischen und alltagspraktischen Divergenzen innerhalb der Bewegung.

Ein Buch für AktivistInnen

Piñeiro und Winzeler leisten mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag, um der nach wie vor aktuellen Forderung nach selbstbestimmten Lebensformen ein historisches Bewusstsein ihrer Bedingungen und Begrenzungen zu geben. Es ist ein Buch für AktivistInnen, das helfen kann, die Widersprüchlichkeit der Wirkungen ihrer Handlungen oder Ideale zu bedenken. Ebenso richtet sich das Buch an Angestellte in sozialen Einrichtungen, damit sie das Erbe der AktivistInnen und PionierInnen nicht verraten und auch im institutionellen Handeln Freiräume und Spontaneität offenhalten.