Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Ein zweites Grounding?

Der chinesische Grosskonzern HNA hat sich vor wenigen Jahren gleich drei grosse Schweizer Unternehmen der Luftfahrtbranche einverleibt. Doch jetzt stehen ihm die Schulden bis zum Hals. Das weckt Erinnerungen an den Untergang der Swissair.

Von Daniel Stern

Gategroup, zu dem der Verpflegungsdienst Gategourmet gehört, stiess bei den AnlegerInnen an der Börse nicht auf grossen Appetit. Foto: Florian Bachmann

Der 2. Oktober 2001 ist vielen noch in schlechter Erinnerung. Es war der Tag, als die nationale Fluggesellschaft Swissair alle ihre Flugzeuge auf den Boden beordern musste, weil das Geld für einen Weiterbetrieb fehlte. Ein Schock: Ein nationales Symbol war vom Sockel gestürzt. Das Bild vom Flughafen Kloten, voll geparkt mit Swissair-Flugzeugen, brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein.

Heute, gut sechzehn Jahre danach, erinnert auf den ersten Blick wenig an die Zeit von damals. Aus der Swissair wurde die Swiss, und die gehört jetzt der Lufthansa und macht Gewinne. Auch der Flughafen floriert, nicht zuletzt weil immer mehr Leute zu immer tieferen Ticketpreisen herumfliegen. Dort wird eben ein neues Geschäfts- und Einkaufszentrum gebaut. Zwischen den Parkhäusern steht ein gutes Dutzend Baukräne in der Frühlingssonne.

Gigantische Verbindlichkeiten

Allerdings: Für viele Beschäftigte am Flughafen sieht es derzeit nicht besonders rosig aus. Ihre Betriebe sind nach dem Grounding von der Swissair-Muttergesellschaft SAir Group an InvestorInnen in aller Welt verkauft worden und sind jetzt reine «Assets» (Betriebswerte), die immer mal wieder die Hand wechseln. Die Arbeitsbedingungen in den einzelnen Firmen gelten dort als reine Kostenfaktoren, die es zu optimieren gilt.

Gleich drei dieser Unternehmen hat 2015 und 2016 der chinesische Mischkonzern HNA gekauft: das Abfertigungsunternehmen Swissport, den Verpflegungsdienst Gategroup und die Wartungsfirma SR Technics. Zusammen beschäftigen sie allein in der Schweiz rund 8000 MitarbeiterInnen, weltweit sind es über 110 000. Die Zukunft aller drei Unternehmen ist ungewiss, denn HNA drückt derzeit eine enorme Schuldenlast, der Konzern versucht, sich mit Sparmassnahmen und Firmenverkäufen zu retten. Ein Desaster wie damals bei der Swissair ist nicht ausgeschlossen. SR Technics hat am Montag angekündigt, weitere 300 Stellen zu streichen.

HNA ist eine Kaufmaschine: 1990 als Fluggesellschaft der chinesischen Insel Hainan gegründet, hat der Konzern in den letzten Jahren ein Unternehmen nach dem anderen geschluckt. Flugbetriebe, Hotelketten, Logistikunternehmen und Reisebüros – nichts war vor Übernahmen sicher. Darüber hinaus kaufte HNA auch Minderheitsbeteiligungen von grossen Konzernen: beispielsweise 25 Prozent der Hilton-Hotels, 20 Prozent am Schweizer Duty-free-Konzern Dufty und 10 Prozent der Deutschen Bank. HNA machte das, was die Swissair Mitte der neunziger Jahre mit ihrer «Hunter-Strategie» tat: zukaufen bis zum Exzess, weil man glaubt, nur mit Grösse gebe es ein Überleben.

Doch bei HNA ist alles noch einige Nummern grösser. HNA verfügt laut eigener Website über Eigentum im Wert von 180 Milliarden Franken. 410 000 Menschen sollen für das Unternehmen und seine Tochtergesellschaften arbeiten. Mit seinen Käufen hat der Konzern inzwischen laut mehreren Quellen einen Schuldenberg von neunzig Milliarden Franken angehäuft, über vierzehnmal mehr als der Betrag, der schliesslich die Swissair in den Bankrott führte. Zwanzig Milliarden müssen dieses oder nächstes Jahr zurückbezahlt werden.

Ein Mitarbeiter von SR Technics bei der Kontrolle eines Aeroflot-Flugzeugs in Zürich. Foto: Siggi Bucher, Keystone

Anders als bei der Swissair ist bei HNA auch unklar, wer letztlich Besitzer des Konglomerats ist. Bei seinen Übernahmen hat das Unternehmen diesbezüglich immer wieder falsche Angaben gemacht, so auch im Fall von Gategroup: Die Schweizer Übernahmekommission hat HNA deswegen kürzlich gerügt und eine «Verfügungsgebühr» von 50 000 Franken erhoben. Laut derzeitigen Angaben von HNA befindet sich der Konzern mehrheitlich im Besitz von zwei Stiftungen. Grosse Anteile halten auch führende Manager des Konzerns.

Inzwischen wurde HNA wegen des Schuldenbergs zu einem Kurswechsel gezwungen. Seit einiger Zeit unternimmt man Versuche, die erworbenen Assets wieder abzustossen. Eines dieser Unternehmen ist Gategroup. Seine 43 000 Beschäftigten produzieren rund um den Globus Menüs für Fluggäste. Ende März sollten zwei Drittel der Unternehmensaktien an die Börse gebracht werden. Stunden vor Beginn des ersten Handelstags wurde das Unterfangen allerdings abgebrochen – potenzielle InvestorInnen waren abgesprungen. HNA musste deshalb befürchten, dass sie die Gategroup-Aktien nur zu einem Ramschpreis loswürde. Besonders negativ wirkte sich aus, dass HNA weiterhin ein Drittel der Anteile halten wollte. In eine zu Firma investieren, in der HNA immer noch ein so grosses Gewicht hatte, schreckte offenbar zu stark ab.

Kosten senken – und expandieren

Ob Gategroup nun als Ganzes verkauft werden soll, ist offen. Firmensprecher Philipp Eberhard will sich dazu nicht äussern. Die Verschuldung von Gategroup beläuft sich laut seinen Angaben derzeit auf 712 Millionen Franken. Das Unternehmen wolle die Kosten weiter senken und strebe gleichzeitig eine weitere Expansion in Asien an. Wie viele Beschäftigte Gategroup in der Schweiz hat, will Eberhard nicht preisgeben. Schätzungen zufolge sind es rund tausend. Ein Drittel der Belegschaft arbeitet gemäss René Zurin, Sekretär der Gewerkschaft VPOD Luftverkehr, im Stundenlohn. Dieser betrage zwischen 21 und 23 Franken.

Einen weiteren Verkauf plante HNA mit Swissport. Das Unternehmen ist der Marktführer im Geschäft mit Flugabfertigungen. Es beschäftigt weltweit 68 000 Menschen, 5000 davon in der Schweiz. Swissport-Beschäftigte stehen etwa an Check-in-Schaltern, kontrollieren Fluggäste, beladen und entladen Flugzeuge und reinigen diese auch. In den nächsten Monaten sollte Swissport an die Börse kommen. Doch Anfang Woche gab HNA bekannt, dass der Börsengang vorerst verschoben werde. Die Signale der AnlegerInnen waren offenbar negativ. Denn Swissport ist noch stärker als Gategroup verschuldet. Das Unternehmen muss hochverzinsliche Anleihen von über einer Milliarde Franken bedienen. Ratingagenturen haben diese Anleihen inzwischen auf Ramschniveau herabgestuft – es besteht für die Schuldner ein hohes Ausfallrisiko. Kommt dazu, dass HNA Swissport-Aktien zur Begleichung anderer Schulden verpfändet hat. Zudem musste Swissport seinem Mutterhaus selber einen Kredit von rund 380 Millionen Franken gewähren, damit HNA Schulden bei anderen Firmen begleichen konnte. Der Kredit wurde bereits zweimal verlängert, soll inzwischen aber nur noch rund 320 Millionen betragen. Am 7. Mai werde der Betrag zurückbezahlt, sagte ein Swissport-Sprecher.

Verlagerungen und Druck

Ein Verkauf von SR Technics ist derzeit offenbar nicht geplant. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass HNA das Management mit eigenen Leuten neu besetzt. Stellenstreichungen gibt es bei SR Technics dagegen seit Jahren, schon bevor HNA einstieg. Vor sechzehn Jahren zählte das Unternehmen in der Schweiz 4000 Beschäftigte, so Gewerkschaftssekretär Zurin, jetzt sind es nur noch 1500. Mit dem geplanten Stellenabbau verschwinden weitere 300 im Bereich Flugzeugwartung. 100 neue Stellen sollen dagegen im Bereich Triebwerkservice neu geschaffen werden, wie die Pressestelle von SR Technics am Montag mitteilte. «Grund für den Abbau sind primär die hohen Lohnkosten», sagt Firmensprecherin Janina Buss. Flugzeuge könnten überall auf der Welt gewartet werden. Dazu komme, dass in Kloten die Raumkosten für die grossen Hangars stark ins Gewicht fallen würden. Beim Service für Triebwerke seien dagegen nicht die Lohnkosten ausschlaggebend, sondern der Materialaufwand. Wie hoch SR Technics verschuldet ist, gibt die Firma nicht bekannt. Vor einer Woche hat sie von «führenden Schweizer Banken» einen Kredit im Umfang von über hundert Millionen Franken erhalten. Auch die Frage, ob das Unternehmen ans Mutterhaus Geld ausleihen musste, wird nicht beantwortet.

Behält HNA Gategroup und Swissport, ist dennoch nicht mit grossen Stellenstreichungen zu rechnen. Die anfallenden Arbeiten lassen sich, anders als bei SR Technics, nicht ins Ausland verlagern. Allerdings spüre die Belegschaft den Kostendruck, so Gewerkschafter René Zurin. Das Fluggeschäft sei angesichts der ständig sinkenden Ticketpreise nicht wirklich lukrativ. Dies bestätigt auch SP-Nationalrat Philipp Hadorn, der für die Gewerkschaft SEV das Flughafenpersonal betreut: «Es herrscht ein ruinöser Wettbewerb zwischen den Anbietern. Der Druck auf die Arbeitsbedingungen ist sehr gross.» Andernorts hat die Belegschaft auch schon mit Streik reagiert: So legten im Sommer letzten Jahres rund 700 Beschäftigte von Swissport in Toronto die Arbeit für achtzig Tage nieder, um höhere Löhne durchzusetzen und die Kürzung von Zulagen zu verhindern.

Und wieder: Die Rolle der UBS

Wie es mit HNA weitergeht, bleibt offen. Das angeschlagene Renommee macht es schwierig, an neue Gelder zu kommen. Diverse Grossbanken wollen nicht mehr mit dem Unternehmen zusammenarbeiten. Nicht so die Schweizer Grossbank UBS: Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg hat sie für HNA insgesamt 26,3 Milliarden Dollar an Krediten organisiert – mehr als jede andere Bank. Dementsprechend dürfte sie auch Gebühren im hohen zweistelligen Millionenbereich eingestrichen haben.

Die chinesischen Behörden haben inzwischen sieben Unternehmen, die mehrheitlich HNA gehören, vom Börsenhandel suspendiert. Offenbar übt der chinesische Staat Druck auf HNA aus, seine Beteiligungen schnell abzustossen. In der Finanzpresse heisst es, dass China alles tun wird, um einen Bankrott des Unternehmens zu verhindern. Allerdings bleiben das reine Spekulationen. Auch bei der Swissair glaubte bis zum Schluss niemand an ein Grounding.

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