Nr. 16/2018 vom 19.04.2018

Individuelle Leistung ist ein Mythos

Die Historikerin Nina Verheyen zeigt den Wandel des Leistungsbegriffs und erinnert an sein politisches Potenzial – gerade für die angeblich leistungsgeplagte Gegenwart.

Von Tobi Müller

Leistungskritik muss man sich leisten können: Die Jury der Fernsehtanzshow «Let’s Dance». Foto: Andreas Rentz, Getty

Wer irgendetwas mit Kunst oder Medien macht und auf Facebook besonders viele FreundInnen hat, rechnet mit geschäftlichen Vorteilen. Und wer die Finanzmärkte von innen kennt, kann mit geringem Arbeitsaufwand viel Geld verdienen. Lohn ist Lohn, doch geht er auch auf eine besondere Leistung zurück? Gehört selbst der spätnachts gepostete Verweis auf die eigenen Kunstwerke in diese Kategorie oder die mit einem Klick verschobenen Wertpapiere?

Verinnerlichte Ideologie

Nina Verheyen, Historikerin an der Universität Köln, schreibt sinngemäss: Nein, das ist nicht Leistung, die zum berühmten Leistungsdruck in der noch berühmteren Leistungsgesellschaft führt. Das Börsenbeispiel sagt vielmehr etwas aus über Profitdenken, die Dauerwerbung der Kulturschaffenden auf Facebook zeigt unsere Selbstoptimierung. Auch den daraus resultierenden Stress sollte man nicht diffus der Leistungsgesellschaft anlasten. «Könnte der Ruf nach Leistung im konventionellen Sinne, also nach Wertschätzung gezielter individueller Anstrengungen hier womöglich sogar Entlastung schaffen?», fragt Verheyen provokant. In ihrem Buch kommt sie zum Schluss: Stress hat viele Ursachen, Leistungsdruck gehört nicht unbedingt dazu.

«Die Erfindung der Leistung» gibt einen angenehm lesbaren Überblick über die Diskurse zu diesem Begriff in den letzten 200 Jahren. Die Zugänglichkeit sowie die ausgreifende historische Geste sind nicht selbstverständlich für eine Wissenschaftlerin, die für dieses populäre Sachbuch ihre Habilitationsschrift unterbrochen hat. Denn noch heute sieht es die akademische Welt nicht immer gern, wenn angehende ProfessorInnen aktuelle Begriffsfelder beackern. Obwohl Verheyen nicht nur den Leistungsbegriff in seine historischen Facetten auffächert, sondern auch sozialpolitisch für seine Schärfung plädiert.

Verheyen will einen normativen Leistungsbegriff retten, gerade für die Linke. Sie erinnert an das emanzipatorische Potenzial des Leistungsgedankens, das ehemals Marginalisierten tatsächliche Aufstiegschancen ermöglichte – Frauen, Arbeitern, MigrantInnen. Doch Verheyen zeigt ebenso, wie der meritokratische Gedanke, dass sich Leistung sozial lohne, zunehmend zur Behauptung wurde, während viel stärker Herkunft und Netzwerke über Erfolg entschieden. Sie hat ihren Bourdieu gelesen, und sicherlich den späten Foucault, der mit seinem Begriff der Gouvernementalität den Leistungsbefehl als eine Form der Selbstregierung verstanden hätte: Wir denken zwar, wir entscheiden selbst, was wir mit unseren Körpern anstellen, dabei ist das verinnerlichte Ideologie, ein Trugbild bloss des freien Willens.

Doch die Ideologiekritik an der Leistung ist ihrerseits undialektisch geworden. Erstens blende sie oft aus, so Verheyen, dass die Kritik meistens aus einer Warte ökonomischer Sicherheit erfolgte: Im Wochenendhaus lässt sich gut über Widerstand sinnieren, Leistungskritik muss man sich leisten können. Zweitens leide diese Kritik an einer Unschärfe des Begriffs, die Verheyen als Chance zur Neubestimmung nutzt: «Individuelle Leistung gibt es nicht, sie ist ein soziales Konstrukt, oder anders ausgedrückt: Sie ist eine Leistung von vielen.» Die Ehrenrettung des Leistungsbegriffs gelingt demnach nicht trotz, sondern genau wegen der willkommenen Unschärfe dieser Kategorie.

Aber wie wäre nun mit einem kollektivierten Leistungsbegriff umzugehen? Sollen wir mehr oder weniger Trinkgeld geben, je nachdem, wie wir die Leistung bewerten? Können wir als Jurymitglieder oder in Bewerbungskommissionen lernen, darauf zu achten, auch soziale Qualifikationen in den Blick zu bekommen, etwa ob jemand zu Hause drei Geschwister zu managen hatte? Mutig von Verheyen, auch kontroverse Vorschläge zu machen, zumal diese eine privilegierte Perspektive verraten, die davor bereits problematisiert wurde. Schade, dass es bei so wenigen Vorschlägen bleibt und das Buch bald zu Ende ist.

Das Crystal Meth der Nazis

Aber der historische Abriss zeigt spannend, wie die Verhältnisse verändert werden konnten, gerade weil der Leistungsbegriff ernst genommen wurde. Die Gründe dazu müssen nicht menschenfreundlich sein, wie die Einführung des Achtstundentags zeigte. Im kapitalistischen System merkte man, dass die ArbeiterInnen an Zwölfstundentagen zu viele Fehler machten, dass Qualität und Effizienz zu leiden begannen. Bei acht Stunden war die Leistung besser. Hier zeigt sich auch eine Begriffsgabelung: Leistung ist das eine, Leistungssteigerung das andere. Letztere tritt historisch spät in Erscheinung und kulminiert im sogenannten Dritten Reich mit dem Körper, der zu Übermenschlichem fähig sein soll, auch mittels der Droge Pervitin, einer Art Crystal Meth von gestern.

Der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler schuf sich viele Feinde, als er behauptete, die Naziideologie der Leistungssteigerung sei der «mentale Treibstoff» für das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik gewesen. Heute könnte Wehler wieder helfen. Denn gerade in digitalisierten und kreativwirtschaftlichen Lebensentwürfen spielt zeitlich entgrenzte Arbeit und somit auch Leistungssteigerung einmal mehr eine unrühmliche Rolle.

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