Nr. 16/2018 vom 19.04.2018

Eine deutsche Tragödie

Der Echo-Preis für Kollegah und Farid Bang sorgt für maximale Empörung. Der Kampf gegen Antisemitismus wird für einige Leute offenbar erst dann interessant, wenn andere damit ausgeschlossen werden können.

Von Marcus Staiger

Nein, er kenne keine Tabus, sagte Oliver Polak vor vier Jahren in einem Interview, darauf angesprochen, dass bestimmte Personen die Vergewaltigungswitze in seinem Stand-up-Comedy-Programm nicht lustig finden würden – zum Beispiel Frauen, aber die würde er halt zum Lachen zwingen. Vor ein paar Tagen war dann auf einmal alles anders. In einem Tweet erklärte der Comedian: «Ich weiss, was Satire ist, ich weiss, was Stand-up ist, und ich verstehe auch die künstlerische Funktionsweise von Battle-Rap» – aber so, wie das bei Farid Bang und Kollegah nun ablaufe, gehe es halt nicht, denn das sei «Antisemitismus (…), das Protegieren von Judenhass».

Tote-Hosen-Sänger Campino, nach eigenen Worten ebenfalls Fachmann in Sachen Provokation, erklärte bei der Echo-Verleihung vor laufender Kamera, wo die Grenzen der Sittlichkeit verlaufen, und erntete dafür stehende Ovationen vom Publikum, das froh war, dass wenigstens einer was sagte. Empfindsame PolizistInnen würden das mit der Grenzziehung übrigens vielleicht anders sehen und an Textzeilen wie «Wir schiessen zwei, drei, vier, fünf Bullen um» erinnern, die aus dem Track «Bonnie und Clyde» von den Toten Hosen stammen, der ja immerhin auf einer wahren Geschichte beruht und in diesem Sinne vielleicht auch das Moralempfinden bestimmter Personenkreise verletzt.

Aber so ist das halt mit der Moral, sie ist sehr flexibel und hängt vom jeweiligen Standpunkt ab. Mal gilt sie, dann wieder nicht, insofern ist sie ein bisschen so wie das Völkerrecht, das herhalten muss, wenn man mal wieder einen Krieg führen will, und ansonsten nicht beachtet wird, weil es eher nervt.

Doch moralischer Standpunkt hin oder her: Farid und Kollegah wollten mit ihrem Album «Jung Brutal Gutaussehend 3» die grösstmögliche Provokation absetzen. Punkt. Und offensichtlich scheint ihnen das gelungen zu sein – herzlichen Glückwunsch!

Gewinn über alles

Das Establishment steht kopf. Aber stimmt das Gerücht, dass Farid und Kollegah darum gewettet haben sollen, wer die Line auf dem Album schreibt, die den grössten Wirbel verursacht, so geht der Sieg eindeutig an Farid Bang. Der hat auf dem Album allerdings mit Geschmacklosigkeiten sowieso nicht gespart, oder wie mein Kollege Juri Sternburg in einem Kommentar zum Album richtig festgestellt hat: «Zeilen wie ‹Denn du wachst auf in ’ner Garage in Derendorf / Und als Erstes nimmt dich ein Schwarzer aus Kenia durch› sind nichts anderes als offener und plumper Rassismus unter dem Deckmantel eines Youtube-Pranksters.»

Dass man bei einer Veranstaltung wie dem Echo nun den moralischen Motor angeworfen und der Ethikbeirat bedenklich den Kopf gewogen hat – geschenkt. Der Echo richtet sich nämlich genauso wenig nach moralischen Kriterien wie die Reimeschmiede mit dem groben Werkzeug selbst, sondern lediglich nach Verkaufszahlen und monetärem Gewinn. Ein Wert, der in dieser Welt einfach über allem steht. Und nach dieser Art der Bewertung haben sie gewonnen. Alles andere ist Heuchelei.

Dass die Gegenseite dann Werte wie Kunstfreiheit und freie Meinungsäusserung in die Waagschale wirft, darf nicht verwundern, kein Geschütz ist zu gross, um in dieser Schlacht der Titanen ungenutzt zu bleiben. In pathetischen Statements rief Kollegah seine Fans dazu auf, die Freiheit der Kunst und vor allem die ewig währenden Battle-Rap-Werte des Hip-Hop, ja Rap an sich zu verteidigen. Das ist lächerlich. Entweder kack ich jemandem auf den Teppich und akzeptiere dann, dass er mich rausschmeisst, oder ich lass es sein. Dieses Erzwingen von Anerkennung aus der Popwelt, das Betteln darum, auch mal auf dem roten Teppich stehen zu dürfen, ist anbiedernd.

Schlampige Recherchen

Bei ihrem Album handelt es sich um eine kalkulierte Provokation, bei der man sich eigentlich nur die Frage stellen muss, warum diese Art der Flachheit, Geschmack- und Humorlosigkeit überhaupt so erfolgreich ist. Denn um wirklich Kunst zu sein, fehlt irgendwie der Witz, die Leichtigkeit, der doppelte Boden, die Ironie.

Dazu gehört übrigens auch, dass einem Farid Bang die Tragweite seiner Auschwitz-Zeile vielleicht wirklich nicht bewusst war, weswegen er sich auch bei der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano entschuldigt hat. Ob aus Taktik oder aus echter Reue, lässt sich aus der Ferne schwer beurteilen. Das öffentliche Urteil aber, das mit dieser Zeile den Antisemitismus der beiden Rapper als bewiesen sehen wollte, geht in die verkehrte Richtung. Die Zeile taugt dafür nicht, selbst wenn sie an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten ist.

Doch die Öffentlichkeit ist heiss darauf, vor allem Kollegah Antisemitismus nachzuweisen, was in der Vergangenheit zu schlampigen Recherchen und überhasteten Unterstellungen führte und zu einigermassen absurden Reaktionen. So wurden ihm mehrmals Textzeilen vorgehalten, die letztlich gar nicht von ihm stammten, woraufhin er gebetsmühlenartig betonte, dass er auch jüdische FreundInnen habe, Hip-Hop per se antirassistisch sei (ein frommes Wunschdenken) und ihm das Wohl seiner jüdischen Fans so sehr am Herzen liege, dass er ihnen auf Lebenszeit freien Eintritt zu seinen Konzerten verspreche. Wobei die Frage im Raum steht, wie sich diese am Einlass als JüdInnen kenntlich machen sollen – vielleicht mit einem gelben Stern auf der Brust?

Ob in Kollegahs Weltsicht wirklich die JüdInnen kollektiv für alles Übel dieser Welt verantwortlich sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen – manches deutet darauf hin. Zumindest spielt er in seinem Werk mit antisemitischen Klischees, was dem Boss des Alpha Music Empire dank seiner übermenschlichen Intelligenz eigentlich auch bewusst sein müsste. Man fragt sich schon, warum er nicht einfach mal einen Strich zwischen sich und seiner Rap-Persona zieht und zum Beispiel ein Statement veröffentlicht, in dem er sich hinstellt und die antijüdischen Beschimpfungen und Angriffe verurteilt, die es ja durchaus auf deutschen Schulhöfen gibt. Stattdessen scheint sich die klassische Gut-Böse-Erzählung der Kunstfigur Kollegah immer mehr mit dem Politikverständnis des Privatmanns Felix Blume zu mischen.

Tatsächlich sieht es so aus, als glaube der eine wie der andere an eine okkultistische, pädophile Satanistenverschwörung der Eliten. Das legt eines seiner letzten Videopostings nahe, in dem er einem Reporter 25 000 Euro bar auf die Hand verspricht, wenn der sich endlich einmal «objektiv» mit der Pizza-Gate-Verschwörung beschäftige. Während er in seinem Song «Apokalypse» eine Welt beschreibt, die von Satan beherrscht wird und in der im Ostteil von Jerusalem ein Endkampf um die Weltherrschaft stattfindet.

Kollegah stellt sich in diesem Zusammenhang gerne als Aufklärer und Motivator dar, der sich seiner Vorbildfunktion für die jungen Fans durchaus bewusst und auf die er auch stolz sei. An dieser Stelle trifft aber die comichafte Erzählung des allmächtigen Alpha-Mannes auf die Realität. Und die Frage muss erlaubt sein, wohin das Ganze führen soll. Denn an einer Änderung der Dinge, wie sie sind, scheint dem «Deus Maximus» (so der Name seiner Klamottenmarke) nicht unbedingt gelegen zu sein. Stattdessen verbreitet er die Botschaft, dass alles gut und richtig sein könnte, wären gerechtere Herrscher am Werk (zu denen er sich wahrscheinlich auch zählen würde) statt gewisser Geheimbünde, die alles kaputtmachten.

Praktizierte Bewusstseinsspaltung

Kollegah erklärt sich mit so ziemlich jedem Scheiss einverstanden, den diese Welt so bietet: mit dem Konkurrenzdenken, dem Gewinnstreben, der Selbstoptimierung, der Härte zu sich selbst und gegenüber anderen. Er geht bei seiner Jagd nach dem geschäftlichen Erfolg über jede (lyrische) Leiche, fickt jede Mutter und betont in seinen privaten Postings, dass er nichts von emanzipierten Frauen halte. All das Dinge, die zu Unterdrückung, Kriegen und Leid führen – Themen, denen er sich in seiner Musik ja ebenfalls zuwendet, für die er aber eine kleine, korrupte Machtelite verantwortlich macht. Das ist bürgerliche Doppelmoral at its best. Praktizierte Bewusstseinsspaltung.

Der Skandal hat ein Ausmass erreicht, von dem die Rechtsrockband Frei.Wild nur träumen kann, selbst Aussenminister Heiko Maas greift mittlerweile aktiv in die Diskussion ein. Dieser schreibt auf Twitter, dass antisemitische Provokationen keinen Preis verdient hätten und wir uns wie Campino «schützend vor jüdisches Leben stellen» müssten. Kollegah wiederum entdeckt die scheinbare Lücke in der Argumentation des Aussenministers und greift das rechtspopulistische Schlagwort der «Masseneinwanderung von (…) antisemitisch geprägten Menschen» auf, die von der deutschen Regierung unterstützt werde.

Man muss diesen argumentativen Salto ein bisschen auf sich wirken lassen, um die ganze Tragweite zu verstehen: Da mischt sich ein Aussenminister, der im realen Leben für einen Teil der Ungerechtigkeiten dieser Welt verantwortlich ist, in eine popkulturelle Diskussion ein, um dann vom Künstler eine Kritik entgegengeschleudert zu bekommen, die normalerweise von weit rechts kommt. Diese Denunziation verfängt dann auch noch, was die zahlreichen Kommentare beweisen, die auf Kollegahs Seite hinterlassen werden und die aus einem AfD-Thread stammen könnten. Diese schliessen nämlich aus den Lippenbekenntnissen eines Teils der neuen Regierung, die sich immer noch zu ihren Statements aus dem Flüchtlingssommermärchen von 2015 bekennt, darauf, dass der massenhafte Zustrom von Geflüchteten und somit artfremden Individuen inszeniert und die «grosse Umvolkung» gewollt sei.

Es spricht Bände, dass sich Kollegah ausgerechnet dieses Arguments bedient, gleichzeitig aber Maas vorwirft, dass er diese Menschen pauschal als AntisemitInnen bezeichnet. Während Kollegah versucht, die herrschende Politik mit einer Art AfD-Rhetorik zu entlarven, setzt AfD-Frau Alice Weidel mit echter AfD-Rhetorik den vorläufigen Schlusspunkt in dieser Diskussion.

Sie stellt klar, worum es in der Antisemitismusdebatte nämlich auch geht: In Anspielung auf Farid Bangs Frühwerk «Asphalt Massaka» bezeichnet sie den Rapper als «asozialen Marokkaner», der «unsere Werte und Kultur nicht teilt» und deshalb ausgebürgert und ausgeschafft werden solle. Das ist irre und kommt von einer Frau, in deren Partei echte Holocaustleugner wie Wolfgang Gideon sitzen oder ein Björn Höcke, der das Holocaustmahnmal als nationale Schande bezeichnet hat.

Der Kampf gegen Antisemitismus wird für einige offensichtlich erst dann interessant, wenn er als Ausschlusskriterium für Leute herhalten muss, die man sowieso nicht im Land haben will.

Endlich kann man unter dem Deckmantel der Antisemitismusbekämpfung seinen Ressentiments freien Lauf lassen und aus vollem Herzen die ganzen Schwarzköpfe hassen, die einem sowieso schon die ganze Zeit auf die Nerven gehen.

Insofern: Alles kaputt hier.

Marcus Staiger ist Journalist in Berlin. Bis 2008 betrieb er das legendäre Rap-Label Royal Bunker. Dieser Text ist bei «Noisey» erschienen, dem Musikmagazin von «Vice».

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