Nr. 16/2018 vom 19.04.2018

Die solidarische Grossbürgerin

Von Brigitte Matern

Sie haderte gewaltig mit ihrem Gott, nannte ihn «Lover of Death» und «Zerstörer», weil er ihr eine «Geistseele» gegeben, sie aber gleichzeitig den frauenfeindlichen familiären Beschränkungen unterworfen habe. Was nutzte ihr Denkvermögen, wenn sie weder studieren noch einen Beruf ergreifen durfte? Damals, mit knapp vierzig, war die fest im christlichen Glauben verankerte Patriziertochter so verzweifelt über ihr «nutzloses Leben», dass sie ernsthaft erkrankte.

1850 in Bern geboren, hatte sie wohl früh geahnt, dass sie nicht «zum nützlichen Küchenkraut» taugte. Musizieren, Handarbeit, Hauswirtschaft, Bibel- und Geschichtsstunden genügten der wissbegierigen jungen Frau nicht. Und so erforschte sie selbst die zeitgenössische gesellschaftskritische Literatur, entdeckte die Philosophie und mit der Soziologie ihre Umwelt, besuchte theologische Vorlesungen, fand ihren eigenen, feministischen Glaubensansatz. Ende der 1880er Jahre, inzwischen verlobt, sah sie sich in einer Sackgasse und gab sich selbst die Schuld: Hätte sie nicht für ihr Recht auf Selbstentfaltung kämpfen, gegen die reaktionär-patriarchalen Strukturen rebellieren müssen? Doch dann begegnete sie Emma, und alles bekam Richtung und Sinn. Fasziniert von der vier Jahre jüngeren Medizinstudentin und deren Erfahrungen mit der US-amerikanischen Frauenbewegung, löste sie die Verlobung und startete neu durch. Im Visier: die Schweizer Gesetzbücher. Bald organisierte sie gut besuchte Kurse über «Die verheiratete Frau im Zivilrecht», rief die Berner «Frauenkonferenzen zum Eidgenössischen Kreuz» ins Leben, war Mitinitiantin des Zusammenschlusses fortschrittlicher Schweizer Frauenvereine zu einem starken Dachverband (dessen Präsidentin sie wurde).

Unermüdlich lancierte sie Petitionen und vernetzte sich, setzte sich für Gütertrennung in der Ehe ein, für Gleichbehandlung bei den Krankenkassen, straffreie Prostitution, den Schutz von Dienstmädchen, Heimarbeiterinnen und werdenden Müttern. Und sie warb für das Frauenstimmrecht, als dessen Türöffner sie den Einsitz von Frauen in staatlichen Expertenkommissionen, in Schulbehörden, Gerichten und Kirchengremien forderte. Einiges gelang, vieles nicht. Doch das Fundament für einen langen Kampf um Gleichberechtigung war gelegt.

Wie heisst die 1924 verstorbene Exponentin der Frauenbewegung, die sich von einem Theologen anhören musste, dass «ein tüchtiger Klaps zur rechten Zeit und die (…) Bilderbibel» auch zur Lösung der Frauenfrage führten?

Wir fragten wir nach der Berner Frauenrechtlerin und Publizistin Helene von Mülinen (1850–1924). Ihre Lebens- und politische Weggefährtin war Emma Pieczynska-Reichenbach. In Berlin ehrte man sie mit dem Helene-von-Mülinen-Weg, in Bern mit einer Treppe.

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