Nr. 16/2018 vom 19.04.2018

Welt ohne Zufall

Zwei aktuelle Sachbücher widmen sich dem Phänomen der Verschwörungstheorien: Sie erscheinen als Ursache und Symptom von demokratisch zersplitterten Gesellschaften.

Von Philippe Wampfler

Eine Wolke? Eine von dunklen Mächten gesteuerte Wolke? Kommt ganz darauf an, was man weiss – und was man wissen will. Foto: Kike Calvo, Redux / Laif

Von Verschwörungstheorien zu reden, ist knifflig. Der Begriff ist mit einer Wertung verbunden, die richtiges Wissen von paranoidem trennt. Versucht man, diese Wertung zu vermeiden, erscheinen Verschwörungstheorien als Denkbewegung, die kollektive Erfahrungen als Resultat einer geheimen Absprache interpretiert. So können Menschen Erlebtes mit einem Sinn versehen.

Von dieser neutralisierenden Perspektive grenzen sich zwei aktuelle Publikationen deutlich ab: Der deutsche Professor Michael Butter und der Schweizer Journalist Roger Schawinski interpretieren in ihren Büchern Verschwörungstheorien als defizitäres, gefährliches Wissen. Rund um die Trump-Wahl und die Ausbreitung digitaler Informationskanäle beschreiben sie eine Krise und Zersplitterung der demokratischen Gesellschaften. Verschwörungstheorien sind Symptom und Ursache zugleich: Sie kommen auf, weil es keine verbindlichen Werte gibt, die die Gesellschaft einen – und treiben diese Trennung gleichzeitig voran.

Butter verwendet eine griffige Formel: Verschwörungstheorien reduzierten politische Komplexität, indem sie Geschehnisse auf wenige mächtige VerursacherInnen zurückführten. Gleichzeitig steigern sie die Komplexität der Zeichen: Sein Buchtitel «Nichts ist, wie es scheint» verweist auf das Phänomen – bei Schawinski «Decodierungssucht» genannt –, alles als mögliches Zeichen für die Verschwörung zu deuten. Wer sich für einen aktuellen Zugang zu Theorie und Praxis von Verschwörungstheorien interessiert, ist mit beiden Titeln gut bedient: Schawinskis Buch ist klar schweizbezogen, Butters stärker in der Primärforschung verankert.

Einst ein Instrument der Eliten

Verschwörungstheorien beziehen sich immer auf Machtverhältnisse, mit denen bestimmte Formen von Wissen als richtig durchgesetzt werden. Folgerichtig verorten beide Autoren Verschwörungstheorien in einer historischen Entwicklung. Bis zu den sechziger Jahren galten sie oft als legitimes Wissen, das von den Eliten gegen Verschwörungen «von unten» vorgebracht wurde. Angebliche sozialistische und kommunistische Verschwörungen waren etwa eine Sorge von Behörden in den USA und in Europa. Diese wurden mit wissenschaftlichen und politischen Mitteln bekämpft.

Danach folgte eine Phase, in der Verschwörungstheorien von Medien und Wissenschaft ignoriert wurden und sich als marginalisiertes Wissen meist gegen die Machthabenden richteten, die etwa die Mondlandung fingiert haben sollen. Die Bedeutung dieses Wissens änderte sich 2004 mit der Kritik am Abschlussbericht der 9/11-Kommission. Verschwörungstheorien gewannen an Einfluss, auch weil Internetkommunikation die Vernetzung ihrer VertreterInnen vereinfachte. Dieser Wandel war Voraussetzung für den Wahlerfolg von Trump, der Verschwörungstheorien und ihr Publikum strategisch nutzte.

Die Kommunikation Trumps steht auch für die Weiterentwicklung von Verschwörungstheorien: Handelte es sich früher um Erzählungen, die aus einer Sammlung von Details Belege für eine Theorie konstruierten, kommen neuere Verschwörungstheorien ohne eine zusammenhängende Geschichte aus. Die Behauptung, Barack Obama sei nicht in den USA geboren, nährt sich beispielsweise wie Trumps Twitter-Botschaften aus verschiedenen dubiosen Quellen, die nicht widerspruchsfrei sind. So bedienen sie verschiedene Fraktionen innerhalb der Verschwörungscommunity und einen eine heterogene Bewegung. Das ist auch deshalb entscheidend, weil im Netz mit Verschwörungsbotschaften viel Geld verdient wird. Entsprechende Kanäle aktivieren die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums, die dann im Netz und an Veranstaltungen monetarisiert wird.

Bescheidenheit ausstrahlen

Während Schawinski über die «extrem militante Gemeinde» beunruhigt ist, «die sich den führenden Verschwörungstheoretikern bedingungslos ausgeliefert hat», sieht Butter die Gruppen vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Untersuchungen. Sie seien weder in Bezug auf die politische Haltung noch auf das Geschlecht eindeutig zu beschreiben. Als Gemeinsamkeit sieht Butter ein überholtes Menschenbild: Anfällig seien Leute, die nicht verstehen (wollen), dass materielle und ideologische Zwänge Subjekte beeinflussen. Verschwörungstheorien fixierten die Vorstellung, Menschen würden mit ihren Handlungen klare Absichten in die Tat umsetzen. Tatsächlich handeln Menschen unter dem Einfluss komplexer Gegebenheiten, die Ergebnisse ihrer Aktionen sind zudem einer Reihe von Zufällen unterworfen. In Verschwörungstheorien werden diese Einsichten ausgeblendet.

Was kann man gegen die starke und manipulative Wirkung der VerschwörungstheoretikerInnen tun? Butter fordert kulturwissenschaftliche und historische Bildung. Sie hinderten Menschen daran, einfachen Schuldzuweisungen Glauben zu schenken. Schawinski geht von seiner beruflichen Funktion als Talkshow-Moderator aus und schlägt vor, Bescheidenheit auszustrahlen: zugeben, dass Probleme und Politik zu komplex sind, um von wenigen Eingeweihten steuerbar zu sein. Lösungen müssten vor- und umsichtig gesucht werden – Verschwörungstheorien hälfen dabei nicht. Deshalb sollten die VordenkerInnen der Verschwörungstheorien keine Bühne mehr erhalten: weder in den Medien noch in der Politik. Wer so starke Haltungen eingenommen habe, lasse sich durch Argumente nicht mehr überzeugen.