Nr. 16/2018 vom 19.04.2018

Das «echte Leben» als Phantasma

Ein banaler Sprung von der Parkbank inszeniert als kosmischer Schicksalsmoment oder der Kampf gegen die Klischeebilder der «Flüchtlingskrise»: Vom Filmfestival Visions du Réel bleiben ganz unterschiedliche Dokumentarbilder hängen.

Von Lukas Foerster

Zwei alte Männer im Nirgendwo der Mojave-Wüste, umgeben von den Geistern der Vergangenheit: Aus «Barstow, California» von Rainer Komers. Still: Komers Film

Eine Handvoll Äste ist nicht genug. Das hat ein vierjähriges Mädchen beschlossen, und deshalb beauftragt es eine Gruppe von ebenfalls vierjährigen Mädchen und Jungen, weiteres Gestrüpp einzusammeln. Erst als beide Hände die grösstmögliche Anzahl Äste umklammern, ist es zufrieden. Dann allerdings wirft es sofort alle mit Schwung zu Boden – und die Helferinnen und Helfer kommen sich nicht etwa veräppelt vor, sondern freuen sich und machen sich sofort daran, das verstreute Kleinholz ein weiteres Mal einzusammeln.

Die Brüder des Dichters

Diese Szene aus Claire Simons «Récréations» zeigt, wie genial einfach dokumentarisches Kino im Idealfall sein kann: Genau wie die Kinder nur zwei Handvoll dünne, nasse, schmutzige Äste benötigen, um ein komplexes Spiel mit eigenen, für Aussenstehende verrückten Regeln zu erfinden, braucht Simon nicht mehr als eine kleine, billige Videokamera und einen gleichzeitig geduldigen und einfühlsamen Blick, um im grauen, fast zubetonierten Pausenhof einer Vorschule Dramen von epischem Ausmass zu inszenieren. Entscheidend ist, dass Simon sich komplett auf die Kinderperspektive einlässt. So ist in einer anderen Szene des 1993 entstandenen Films der Sprung über die Rückenlehne einer Bank nicht etwa eine banale Mutprobe, sondern ein kosmischer Schicksalsmoment, weil die Erwartungen des ganzen Universums auf die Schultern eines weinenden lockigen Mädchens zu drücken scheinen.

Im Alltag des Dokumentarfilmfestivals Visions du Réel wirkt die Vorführung von «Récréations» – Teil einer Hommage an Claire Simon, die dieses Jahr für ihr bisheriges Gesamtwerk mit dem «Maître du Réel»-Preis geehrt wird – selbst wie eine hochwillkommene Pause, eine Gelegenheit zum befreiten Durchatmen: Da ist einmal ein Film, der kein weltbewegendes Thema an einen herantragen will, der sich keine filmtechnischen Extravaganzen ausgedacht hat, aus dem nichts anderes spricht als ein aufmerksames Interesse für die Welt.

Dass sich die meisten Vorführungen in Nyon anders – nicht unbedingt weniger inspirierend, aber doch weniger frei – anfühlen, kann man weder dem Festival noch den einzelnen Filmen vorwerfen. Visions du Réel ist nun mal in erster Linie eine Leistungsschau des internationalen Dokumentarfilmschaffens. Fünf verschiedene Wettbewerbssektionen umfasst das Programm, eine Weltpremiere jagt die nächste. Insbesondere dieser Erstaufführungsfetisch ist ein Problem des gesamten Festivalbetriebs: Nicht nur in Nyon wird «das Neue» wie eine Währung gehandelt, was unter anderem im paradoxen Zwang resultiert, am Fliessband Originalität produzieren zu müssen. Als wäre es bereits ein Wert an sich, dass ein Film zum ersten Mal öffentlich auf eine Leinwand projiziert wird. Die Frage, was mit ihm hinterher passieren wird, rückt immer mehr in den Hintergrund.

Das heisst noch lange nicht, dass man in Nyon keine grossartigen Entdeckungen machen kann. Dass ein kleiner, verschrobener Film wie Rainer Komers’ «Barstow, California» sogar in den Hauptwettbewerb aufgenommen wurde, spricht zum Beispiel unbedingt für den Geschmack der KuratorInnen. Komers stromert durch eine ökonomisch abgehängte Kleinstadt im US-amerikanischen Westen, angeleitet nur von den Erinnerungen eines schwarzen Dichters, der über seine Jugend in Barstow schreibt. Der Dichter selbst sitzt eine lebenslange Haftstrafe im Gefängnis ab, aber Komers hat zwei seiner Brüder ausfindig gemacht. Mit diesen sucht er das ehemalige Grundstück der Familie auf, findet jedoch nur noch eine von dürren Gräsern überwucherte Brache. Das ist eines der Bilder, das bleiben wird vom diesjährigen Visions du Réel: zwei alte Männer im Nirgendwo der Mojave-Wüste, umgeben von den Geistern der Vergangenheit.

Anarchischer Wirbelwind

Genauso eindrücklich ist ein anderer US-Film mit ganz anderer, fast entgegengesetzter Tonlage: In Nicolas Peduzzis «Southern Belle» scheint so etwas wie eine Vergangenheit gar nicht zu existieren, das Einzige, was zählt, ist die fiebrig überhitzte Gegenwart. Der Film folgt einer (nicht mehr ganz) jungen Millionärstochter, die in einem absurd ausladenden Schloss aufgewachsen ist, sich aber inzwischen lieber mit tätowierten Jungs, Waffen und Rauschmitteln aller Art zu umgeben scheint. Peduzzis Regie baut keinerlei Distanz zu seiner Hauptfigur auf, tatsächlich scheint er ihr – und insbesondere ihrer in der Tat spektakulären, voluminösen blonden Lockenfrisur – hoffnungslos verfallen zu sein. Aber das ist gerade die Stärke des Films: Ebenso wie seine Protagonistin ist er vollkommen unberechenbar, ein hysterischer und anarchischer Wirbelwind, irgendwo zwischen White-Trash-Epos, bizarrem texanischem Familienmelodram und eindringlicher Charakterstudie.

Ganz nebenbei zeigt ein Film wie «Southern Belle» auch, dass harte Grenzziehungen zwischen dokumentarischem und fiktionalem Kino unsinnig sind: Das «echte Leben», dem das Erstere angeblich auf der Spur ist, besteht nun einmal zu einem grossen Teil aus Fabulationen und Phantasmen. Hybride Docu-Fiction-Formate, auf die die neue Festivalleiterin Emilie Bujès besonders Wert legt und die vor allem die ebenfalls neue Sektion «Burning Lights Competition» prägen, legen in diesem Sinne nur offen, was in guten Dokumentarfilmen immer schon angelegt war.

Die Handschrift der neuen Leiterin dürfte eher in den Sonderprogrammen zu suchen sein, die, abseits des Premierendrucks, herausragenden Persönlichkeiten des Dokumentarfilmschaffens gewidmet sind. Neben dem Claire-Simon-Programm gehört insbesondere das «Atelier Philip Scheffner» zu den Höhepunkten des Festivals. In Nyon sind alle fünf langen und zwei selten gezeigte kurze Arbeiten des Berliner Dokumentar- und Experimentalfilmers zu sehen. Gerade in der konzentrierten Überblicksschau fügen sich diese Filme zu einem Schlüsselwerk des politischen Kinos der Gegenwart. Scheffners Filme arbeiten sich, auf die eine oder andere Weise, stets an den Bildern ab, die sich die europäischen Mehrheitsgesellschaften vom Fremden machen; insbesondere von jenem Fremden, das gar nicht fremd, sondern längst zu einem Teil Europas geworden ist.

Temporäres Refugium

In der kurzen, noch deutlich einem aktivistischen Gestus verpflichteten Videoarbeit «Juristic Bodies» aus dem Jahr 1995 geht es zum Beispiel, dem Titel gemäss, um die Konstruktion eines «juristischen Körpers», um eine schon damals weitgehend computerisierte Vermessung von Menschen, die automatisch eine Norm und deshalb auch eine mindestens implizit rassistisch gedachte Differenz von der Norm produziert. Scheffners neuste Arbeit «Havarie» (2016) ist sozusagen das Komplementärwerk: Der Film besteht, zumindest was die visuelle Ebene angeht, fast komplett aus grob verpixelten Fernsehaufnahmen, die ein winziges Schiff zeigen, auf dem sich afrikanische Flüchtende befinden – mitten im Mittelmeer, in Seenot und akuter Lebensgefahr. Es ist nicht möglich, auch nur die Anzahl der Passagiere zu ermitteln, geschweige denn, einzelne Gesichter zu erkennen.

Nimmt man beide Filme zusammen, so zeigt sich, dass sich MigrantInnen in einer bildpolitischen Kneifzange befinden: Die erkennungsdienstlichen Massnahmen reduzieren sie auf eine absolute, vermeintlich objektivierbare Differenz, die Bildklischees der sogenannten Flüchtlingskrise verwandeln sie in undifferenzierte Verfügungsmasse. Scheffner – dessen Werk nicht zu trennen ist von dem seiner Produzentin und Koautorin Merle Kröger – begnügt sich allerdings nicht mit der Kritik des Bestehenden. Er setzt den falschen Bildern andere, eigene entgegen. In «Juristic Bodies» sind das die Bilder dreier Frauen, die ohne Papiere in Deutschland leben. Scheffner filmt sie in einem Park, auf der Wiese sitzend. Das friedliche, fast idyllische Setting wird zu einem temporären Refugium. Allerdings sind die Frauen nur bis zur Schulter im Bild – die Köpfe, also jene Körperteile, die auf Reisepässen und Ausweisen das Individuum dingfest machen, bleiben unsichtbar.

Das Dokfilmfestival Visions du Réel läuft noch bis am Samstag, 21. April 2018. www.visionsdureel.ch

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