Nr. 16/2018 vom 19.04.2018

Freisprüche für die «Tarnac-Gruppe»

Von Merièm Strupler

Fast zehn Jahre hatte das Verfahren rund um die «acht aus Tarnac» gedauert – nun wurden am vergangenen Donnerstag sieben der acht französischen AktivistInnen vollumfänglich freigesprochen. Weder hätten die beiden Hauptangeklagten eine «kriminelle Gruppe» angeführt, noch lägen genügend Beweise vor, dass sie 2008 eine TGV-Zugstrecke sabotiert hätten, so das Pariser Gericht. Lediglich einer der Beschuldigten – angeklagt wegen «versuchter Fälschung von Papieren» – wurde wegen «Hehlerei» zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt.

Die BewohnerInnen der Landkommune im französischen Dorf Tarnac und deren FreundInnen gerieten 2008 in die Fänge der Antiterrorpolizei und des Geheimdienstes. Wegen Aussagen des britischen Polizeispitzels Mark Kennedy, wegen des repressiven Klimas unter dem damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy, wegen der politischen Flugschrift «Der kommende Aufstand», die einem Berater des Innenministeriums in die Hände gefallen war.

Nachdem 2008 in Zusammenhang mit Protesten gegen den Atommülltransport Castor vier TGV-Zugleitungen sabotiert worden waren, stürmten 150 BeamtInnen das kleine Tarnac und verhafteten die Leute rund um die Landkommune. Die Behörden erklärten sie zur «unsichtbaren Zelle», zur «terroristischen Vereinigung». Obwohl das höchste französische Gericht die Anklage kippte, kratzte die Staatsanwaltschaft zusammen, was es noch zusammenzukratzen gab, und erhob erneut Anklage gegen die «acht aus Tarnac»: Den beiden Hauptangeklagten wurden nach wie vor die TGV-Sabotage vorgeworfen sowie die «Bildung einer kriminellen Vereinigung», den anderen sechs Angeklagten diverse kleinere Delikte. Doch das Verfahren war durchzogen von Ungereimtheiten seitens der Polizei.

In dieser Affäre sei «die Ehre der Polizei beschädigt worden», sagte einer der Anwälte im Schlussplädoyer. Nun liege es an den Richterinnen, «wenigstens die Ehre der Justiz zu retten». Zum Schluss räumte selbst der Staatsanwalt ein: «Eine ‹Gruppe Tarnac› gibt es nicht. Es handelte sich um eine Konstruktion der Polizei, und die Gesellschaft hat keinerlei Interesse, die Beschuldigten erneut einzusperren.» Das Finale fiel damit so skurril aus wie der Fall an sich.

Nachtrag zum Artikel «Der Aufstand, der nicht kam» in WOZ Nr. 12/2018.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch