Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Von Caroline Baur

Über dem Regenbogen

In einen glänzenden, knackigen Apfel zu beissen und den Saft etwas spritzen zu lassen, kann etwas Erotisches haben. Das schwullesbische Filmfestival Pink Apple bekam seinen Namen allerdings vom Geburtsort Frauenfeld im «Apfelkanton» Thurgau, wo vor 21 Jahren eine Handvoll Filmbegeisterter die «homosexuelle Emanzipation und Akzeptanz» fördern wollte.

Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt des schweizweit bedeutendsten Festivals seiner Art auf Queerem aus Finnland, schwulen Männern mit Kinderwunsch und dreissig Jahren HIV/Aids-Prävention. Die Bandbreite reicht darüber hinaus von mittlerweile zu Klassikern avancierten Spielfilmen wie der Liebesgeschichte «Carol», dem herzzerreissenden Biopic «Boys Don’t Cry» oder der schrillen Musicalverfilmung «Hedwig and the Angry Inch» (der wütende eine Zoll im Titel ist der Überrest einer misslungenen Geschlechtsumwandlung der Transfrau Hedwig) bis zu Aktuellem wie dem Dokumentarfilm über die mexikanische Sängerin Chavela Vargas mit der rauchigsten Stimme aller Zeiten, die aus ihrer Liebe zu Frauen nie einen Hehl machte.

21. Pink Apple – schwullesbisches Filmfestival in: Zürich Mi, 2., bis Do, 10. Mai 2018; Frauenfeld Fr–So, 11.–13. Mai 2018. www.pinkapple.ch

«Sanfte» Metamorphosen

Biegt man aus der hitzigen Langstrasse ins Serrat(u)s Bodywork Studio ab, findet sich eine versteckte kleine Wohlfühloase, in der zwar auch Sex für Geld angeboten wird, jedoch nicht zum leichtfertigen Konsum. Hier bietet Luhmen D’Arc allerlei Workshops zur japanischen Fesseltechnik Shibari, zu Tantra und BDSM (Bondage and Discipline, Dominance and Submission, Sadism and Masochism) an.

Wem das zu brutal klingt, der sollte sich überraschen lassen: Die Workshops sind darauf ausgelegt, in geschütztem Rahmen unkonventionelle Formen von Begegnung und Intimität auszuprobieren. Im Workshop «On Silly Play» wird allen noch so beknackten Fantasien freien Lauf gelassen, Albernheit wird zur Strategie erklärt, um durch absurde Spielideen zu verrückten Höhepunkten zu gelangen.

«On Silly Play» in: Zürich Serrat(u)s Bodywork, Sa, 5. Mai 2018, 14–22 Uhr, Anmeldung via info@luhmendarc.de; www.luhmendarc.de. Kosten 150 Franken; für Menschen mit geringerem Einkommen gibt es auf Anfrage unter Umständen günstigere Preise. Menschen aller Gender und sexuellen Orientierungen sind herzlich willkommen.

Schwule Geschichtsstunde

Röbi und Ernst treten in diesem warmen Mai im einstigen Saal zur Eintracht in Zürich auf. Im Niederdorf, dort, wo heute das Theater Neumarkt logiert, hatte das berühmteste Schweizer Schwulenpärchen in der Nachkriegszeit lange Ballnächte durchgefeiert, bis der Stadtrat 1960 ein Tanzverbot für Männer mit Männern erliess. Damit verlor die bis weit über die Landesgrenzen bekannte und abonnierte homoerotische Zeitschrift «Der Kreis» ihre wichtigste Geldquelle – der Todesstoss nach einer über Jahre anhaltenden, unerbittlichen und politisch motivierten Polizeikampagne gegen die schwule Szene rund um die Zeitschrift.

Vier Jahre nach der Verfilmung der Liebesgeschichte zwischen Röbi und Ernst im Kontext der «Kreis»-Gesellschaft ist das Paar nun in einem Reenactment des Theaters Neumarkt zu Gast, wo Travestiekunst der Gegenwart auf einen Chor aus Stimmen, Zeitungsnotizen und Kommentaren trifft und die behördliche Überreaktion jener Zeit collagiert.

«Im Sumpf der grossen Stadt» in: Zürich Theater Neumarkt, Sa, 5. Mai 2018, 11 Uhr und 20 Uhr. www.theaterneumarkt.ch / www.warmermai.ch