Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Feier der Uneindeutigkeit

Von Noëmi Landolt

Die Argonauten, so der Mythos, hatten auf ihrer langen Reise irgendwann jedes Einzelteil ihres Schiffs ausgetauscht. Trotzdem behielt das Schiff seinen Namen: «Argo». Ähnlich verhalte es sich in einer Liebesbeziehung, in der die Bedeutung der Worte «Ich liebe dich» jedes Mal erneuert werde, zitiert Maggie Nelson zu Beginn von «Die Argonauten» Roland Barthes. Ihr Buch selbst ist nichts weniger als eine grosse, grossartige Liebeserklärung.

In Fragmenten erzählt Nelson von ihrer Beziehung zu Harry Dodge, genderfluide*r Künstler*in, «Butch auf Testosteron», der als Mann durchgeht, wenn nicht gerade ein Führerschein verlangt wird. Von ihrer unglaublichen sexuellen und intellektuellen Anziehung. Wie sie nur Stunden bevor die gleichgeschlechtliche Ehe in Kalifornien (zwischenzeitlich) verboten wurde, überstürzt heiraten: in einer trashigen Kapelle, mit einer Dragqueen als Empfangsdame und Trauzeugin. «Arme Ehe! Da waren wir losgezogen, um sie zu vernichten (unverzeihlich). Oder sie zu stärken (unverzeihlich).» Ihre Hochzeit ist subversiv und zugleich das Gegenteil davon. Es sind diese Ambivalenzen jenseits von Entweder-oder, die Nelson in «Die Argonauten» feiert.

Sie beschreibt den «Sommer unserer veränderten Körper»: Harry, seit sechs Monaten auf Testo, lässt sich die Brüste entfernen, Maggie ist nach unzähligen, nervenzehrenden Inseminationsversuchen endlich im fünften Monat schwanger, beide schwimmen «in Hormonsuppe». Eine Erfahrung, die literarisch höchst eindrücklich die Geburt ihres Sohnes Iggy mit Harrys Schilderung des Sterbens seiner krebskranken Mutter verschränkt.

Nelson bricht uralte Krusten auf: Sie schreibt über die Radikalität des Mutterseins, die Queerness der Schwangerschaft, die Freude an Analsex – furchtlos, intim, explizit. (Harry, eine sehr private Person, verglich die Beziehung mit Nelson einmal mit jener eines Epileptikers mit einer Strobo-Künstlerin.)

«Die Argonauten» verströmt eine Art von Romantik, die mir auf diese Weise literarisch noch nicht begegnet ist. Es gab eine Zeit, als ich in der Buchhandlung wöchentlich eine Bestellung aufgab, um den Roman noch jemandem zu schenken. «Die Lektüre hat mir so gut getan, die Queerszene kam mir eine Zeit lang so engstirnig vor», sagte mir eine Freundin. «So vieles, was über Mutterschaft geschrieben wurde, lässt die Welt enger und kleiner erscheinen», schrieb die «New York Times», «Nelsons Buch macht genau das Gegenteil.» Es ist ein Buch über Liebe, Sex und Zärtlichkeit, Familie, Ehe und Identität, das alles durchschüttelt, was wir uns darunter vorstellen.

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