Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Schutz nur für die Reichen

900 Franken für dreissig Tabletten: Das Schweizer Patentrecht verhindert, dass ein Medikament, das vor HIV-Ansteckung schützt und auch die Verbreitung des Virus verhindert, für Normalsterbliche erschwinglich wird.

Von Daniel Ryser

Truvada-Tabletten der Firma Gilead: Was ist wichtiger, die Gewinne eines US-Unternehmens oder die Rettung von Menschenleben? Foto: Justin Sullivan, Getty

Wir sassen bei Benjamin Hampel, einem Arzt auf der Infektiologie am Universitätsspital Zürich. Eigentlich hatten wir den Arzt der HIV-Sprechstunde zu etwas ganz anderem befragt. Aber dann, als wir bereits in der Tür standen, begann Hampel im Stil von «Ach übrigens, wenn Sie schon mal hier sind …» eine unglaubliche Geschichte zu erzählen. Und die geht so: Gilead Sciences – der Konzern macht einen Jahresumsatz von etwa 25 Milliarden US-Dollar – verdient viel Geld, in erster Linie mit HIV-positiven schwulen Männern.

Heute können HIV-Positive in Hampels Büro kommen, und innerhalb von vier bis sechs Wochen ist der Virus in ihrem Körper nicht mehr nachweisbar. HIV ist nicht heil-, aber therapierbar – dank der regelmässigen Einnahme eines Medikamentenmixes, den unter anderen Gilead Sciences entwickelt hat. Eines der dafür zentralen Medikamente heisst Truvada, ebenfalls ein Produkt von Gilead. So weit, so nachvollziehbar.

In Deutschland und in der Schweiz bleibt die Zahl der Neuansteckungen seit zehn Jahren auf demselben Niveau. 500 pro Jahr sind es in der Schweiz (prozentual höher als in Deutschland), davon die Hälfte in der Hochrisikogruppe schwule Männer.

Hampel kann mit Studien belegen, dass es eine Möglichkeit gibt, die Zahl der Ansteckungen zu senken, also auf Dauer viel Leid zu verhindern und viel Geld zu sparen. Die Lösung heisst Prep. Vor einigen Jahren fand man heraus, dass das Medikament Truvada nicht nur als Teil der HIV-Therapie nützlich ist, sondern auch als Prophylaxe wirkt: Wer das Medikament nach einem bestimmten Schema einnimmt, steckt sich beim sexuellen Kontakt bei einer Person mit HIV nicht an.

In den USA zahlt die Krankenkasse

In den USA hat der Staat mehr Einfluss auf die Änderung einer Indikationszulassung bei einem Medikament als in der Schweiz. Also liess die Food and Drug Administration 2012 Truvada auch als Medikament zur Prävention zu – als sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz Prep. Prep kann über die Krankenkasse abgerechnet werden. «Die USA verzeichneten bis dahin einen Anstieg von HIV in fast allen Regionen des Landes», sagt Benjamin Hampel. «Es war letztlich ein pragmatischer Entscheid. Jemand, der in seiner wilden Lebensphase Prep nimmt und sich nicht mit HIV infiziert, spart der Versicherung auf lange Sicht Geld.»

Ein ähnliches Beispiel aus Britannien: Durch regelmässige kostenlose HIV-Tests – Voraussetzung für eine ärztliche Verschreibung von Prep – und dank der schnellen Verbreitung von Truvada als Prep-Medikament «erleben wir heute ein erstes Abflauen der Epidemie in England seit ihrem Ausbruch», schrieb der «Guardian» im Herbst 2017. Alle wesentlichen HIV-Forschungszentren schrieben Prep dabei eine substanzielle Rolle zu. Im Herbst 2015 fiel die Neuinfektionsrate in der Hochrisikogruppe der schwulen Männer im Vergleich zum Vorjahr um 32 Prozent, in der grössten HIV-Teststelle in London sogar um 80 Prozent zwischen 2015 und 2017.

«In San Francisco führte diese Politik zu einer Senkung der Ansteckungsrate um die Hälfte in den vier Jahren seit Einführung der Prep», sagt Hampel. Das Medikament wirkt im Übrigen nicht nur bei Männern: Eine grosse Studie zu heterosexuellen Paaren in Afrika zeigte einen Rückgang von HIV-Ansteckungen um 73 beziehungsweise 62 Prozent.

Beim Blick auf diese Studien gibt es keinen Grund, dieses Medikament nicht allen zugänglich zu machen, die es brauchen, am besten umsonst. Aber erklär das mal Gilead. Oder der Bürokratie. Ausnahmsweise nicht den BürokratInnen in Brüssel, die wir SchweizerInnen gerne beschimpfen, sondern denen in Bern. Denn Brüssel ist der Schweiz in dieser Sache voraus.

In der Schweiz unerschwinglich

Prep ist in der Schweiz für die meisten unerschwinglich. Eine Monatspackung kostet 920 Franken. Es hat sich in Hochrisikogruppen längst herumgesprochen, dass es diese Prophylaxe gibt. Also kamen Männer zu Benjamin Hampel in die Sprechstunde und fragten, was sie tun könnten. Länder in Asien und Afrika haben das Recht, Generika für bestimmte HIV-Medikamente wie Truvada herzustellen, ohne die hier bestehende Patentfrist einzuhalten. Onlineapotheken sprangen auf. Und so decken sich Menschen aus Europa dort mit Prep ein. Unsichere Anbieter, unsichere Wege – aber die Menschen nehmen das Risiko in Kauf, weil sie sich eine Monatspackung für dreissig oder fünfzig Dollar leisten können. «Zu unserer Beratung gehört deshalb, dass wir mit den Leuten besprechen, welche Anbieter in Thailand oder Swasiland aufgrund von Studien als sicher und seriös gelten», sagt Hampel. «Gleichzeitig müssen wir den Klienten und Klientinnen klarmachen, dass wir jede Verantwortung ablehnen, weil wir nicht wissen können, ob gerade dieser Klient womöglich der Erste ist, der ein gefälschtes Produkt erhält und sich dann trotzdem infiziert.»

In der EU sind Generika zugelassen

2017 verlor Gilead in Irland einen Rechtsstreit: Seither sind in der EU Generika für das Medikament zugelassen. In Deutschland kann man seit Herbst 2017 Generika für siebzig Euro beziehen. «Seither bestellen viel weniger Klienten das Medikament im Netz», sagt Hampel. «Wir können für den Off-Label-Gebrauch Rezepte ausstellen, mit denen sie dann in einer Schweizer Apotheke das Medikament aus Deutschland beziehen können. Das kostet zwischen 90 und 150 Franken. Trotzdem erreichen wir damit noch nicht alle: Für manche ist auch das noch zu teuer, und sie bestellen halt doch eine Drei-Monats-Packung für 78 Dollar in Thailand.»

Chemsex: Sex auf Drogen

Wer braucht Prep überhaupt? «Schwule Männer, die mit wechselnden Partnern Sex haben, gehören sicher zu jener Gruppe, bei der eine Abklärung Sinn ergibt», sagt Benjamin Hampel. «Eine Hochrisikogruppe sind schwule Männer, die Chemsex haben.» Chemsex: Sex auf Drogen wie Crystal Meth und GBL, die einen massiven Kontrollverlust zur Folge haben. Die Drogen versetzen einen in die Lage, stundenlang zu ficken, bis jedes Kondom längst gerissen ist. «Als Arzt kann ich mir Moral nicht leisten», sagt Hampel. «Sexualität und Emotionen sind hochkomplex. Mein Fokus als Arzt liegt pragmatisch auf einem Punkt: Wie kann ich die Klienten am besten schützen?»

Chemsex: Mitte der nuller Jahre hatten Kliniken in London einen Anstieg von HIV-Infektionen in der Schwulencommunity festgestellt. Studien kamen zum Schluss, dass eine veränderte Sexualität Ursache des Anstiegs war: «Mit dem Internet veränderte sich auch unsere Sexualität», sagt Hampel. «Mit der ständigen Verfügbarkeit von Pornografie und den Bildern, die damit vermittelt werden, steigt der Leistungsdruck. Das betrifft nicht nur die Gay-Community. Sex als Hochleistungssport. Öffne ich eine Dating-App wie ‹Grindr›, lachen mich fast ausschliesslich muskulöse Männer an. Gewisse Drogen sind eine Möglichkeit, sich besser zu fühlen, sein Selbstwertgefühl aufzupeppen. Das ist ein Grund, warum Chemsex so populär wurde. Gerade für diese Risikogruppe ist Prep ein Segen. Gleichzeitig ist es nicht so, dass wir die Leute dazu ermuntern. Die häufigsten Fragen, die wir in der Sprechstunde eigentlich diskutieren, sind andere: Welche Sexualität haben die Leute? Welche Sexualität wollen sie?»

Aber Prep allein genügt nicht. Wer Prep nimmt, muss sich davor zwingend testen lassen, ob er HIV-negativ ist. Denn wer Prep nimmt, ohne zu wissen, dass er positiv ist, riskiert, resistent gegen das Virus zu werden. Prep als alleinige Therapie dämmt in diesem Fall das Virus nicht ein, es wirkt nur mit einem entsprechenden Medikamentenmix. «Sonst riskieren wir, ein Land zu werden, das mit der Problematik von HIV-Resistenz konfrontiert ist.» Regelmässige Labortests auf Nebenwirkungen und andere sexuell übertragbare Krankheiten gehörten zwingend dazu.

Bundesgericht muss entscheiden

Anders als in der EU bleibt Truvada in der Schweiz unerschwinglich: Die Schweiz übernimmt zwar die EU-Patente, nicht jedoch die EU-Rechtsprechung. Das Schweizer Patentgericht kam 2017 zum Schluss, dass bis auf Weiteres keine Truvada-Generika erlaubt sind. Über den Einsatz des Medikaments zur Prophylaxe könnte aufgrund der aktuellen Schweizer Rechtsprechung nur Gilead entscheiden.

Der Ball in Sachen Truvada-Patent liegt jetzt beim Bundesgericht. Noch 2018 entscheidet es, was wichtiger ist: die enormen Gewinne eines US-Unternehmens oder die Rettung von Menschenleben.