Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Katholische Zeichenmagie

Von Caroline Baur

In Greta Gerwigs Coming-of-Age-Film findet «Lady Bird» heraus, dass ihr «dry humping», also der masturbatorische Trockensex mit Partner, mehr Spass macht als die enttäuschende Entjungferung durch das bourgeoise Intellektuellenkid Kyle (Shootingstar Timothée Chalamet). Dieser hält kurz als sexy Ablenkung her, nachdem sich ihre erste grosse Liebe Danny als schwul geoutet hat. Hopfen und Malz sind ohnehin verloren, denn Sacramento, so die eloquente junge Frau, sei der «Midwest» Kaliforniens: In dieser intellektuellen Wüste kann es keine Zukunft für eine radikal flügge gewordene Persönlichkeit (souverän gespielt von Saoirse Ronan) geben. Ihre Mutter Marion (Laurie Metcalf), die am Stigma leidet, «auf der falschen Seite der Schienen zu leben», sieht das anders: Sie will ihre Tochter vor Enttäuschungen bewahren, die enorm sein würden, sobald die Illusion des sozialen Aufstiegs platzen werde. Ihre Schutzmassnahmen äussern sich in impulsiven Gemeinheiten.

Natürlich schafft es Lady Bird dann doch ans College ihrer Wahl, zum Stolz ihrer Underdog-Eltern, die eine Kultur des Sichniedermachens gleichwohl nicht durchbrechen können. Greta Gerwigs Debüt bedient sich beim grossen amerikanischen Narrativ: Lady Bird sind alle Mittel recht, um an ihren grossen Traum zu kommen. Die feinfühlige Erzählung, die sich geschickt hinter dem banalen Plot verbirgt, hat ZuschauerInnen in Rekordhöhe angelockt.

Bis zum Schluss wird nicht klar, warum Lady Bird – getauft auf den christlichen Namen Christine – so genannt werden will. Der Name ist ein subtiles Zeichen, so wie der Film überhaupt zu einer katholisch anmutenden Zeichenmagie neigt. Was für eine Gewalt, benannt zu werden – als wären Eltern Gott und der Eigenname Schicksal!

In der trägen Hitze Kaliforniens, wo einengende Verhältnisse das Leben verkomplizieren, ertastet der Film insbesondere die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung auf kluge Weise – und ist zu Recht ein gelobter Film zu weiblicher Freundschaft über Generationen und soziale Grenzen hinweg.

Jetzt im Kino.

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