Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Desorientiert und freier

Hat 1968 die sexuelle Befreiung gebracht? Ja – aber es war kompliziert. Drei ZeitzeugInnen erzählen.

Von Bettina Dyttrich

St. Gallen, Sommer 1970

Sie sitzen zu dritt am Tisch: Barbara*, ihre Mutter und eine Freundin der Familie. «Ich finde, ich brauche jetzt dann die Pille», sagt Barbara. Sie ist vierzehn. Die Mutter ist entsetzt.

Barbara ist es eng. Der Vater arbeitet bei der Post wie fast alle Männer und einige Frauen im Quartier – die Siedlung gehört der PTT. Es herrscht eine klare Hierarchie unter den Hausfrauen: Je besser die Stellung des Mannes bei der Post, desto besser jene der Frau im Quartier. Hunde dürfen nicht auf die Wiese, Lärm im Treppenhaus ist verboten. Barbara testet kleine Rebellionen, geht ohne Schürze in den Kindergarten. Später flüchtet sie in die Schule, das Lesen ist eine Befreiung. Mit fünfzehn kifft sie, wird erwischt, die Mutter weint. Man macht noch keinen Unterschied zwischen Hasch und Heroin.

Die Pille winkt als Weg aus der Enge. In der Mädchensek dreht sich alles um die abwesenden Buben: Hast du einen Freund? Hast du mit ihm geschlafen? Dazwischen kommt es auch zu flüchtigen Berührungen zwischen Mädchen, aber sie enden sofort im Spott: Du bist vom anderen Ufer!

Etwa mit sechzehn beginnt Barbara dann wirklich, die Pille zu nehmen – die Mutter hat solche Angst, dass ihre beiden Töchter schwanger werden könnten, dass sie einwilligt. Barbara lernt Stefan kennen und meint es ernst. Der Mann fürs Leben? Aber Stefan will gar nicht heiraten, er hat Woodstock, Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno im Kopf. Auch Barbara stürzt sich in die St. Galler Gegenkultur. Aber sie ist bald enttäuscht: Immer sind es die Männer, die wissen, welche Musik man hört, welche Bücher man liest, die sich an Versammlungen zu Wort melden. Wenn eine Frau öffentlich etwas sagt, gilt das als nicht so sexy. Barbara begeistert sich für die Sängerin und Dichterin Patti Smith und die Schriftstellerin Kate Millett. Ihr Kopf ist in New York, nicht in den Gassen von St. Gallen. Nirgends steht hier eine Frau auf der Bühne.

Eifersucht, die blöde Kuh

Auf dem Weg in die Innenstadt geht Barbara immer durch das verrufene Linsebühlquartier. Eines Tages entdeckt sie an einer Hauswand ein Transparent: «Mein Bauch gehört mir». Sie ist fasziniert: Wer wohnt hier wohl? Inzwischen ist der Feminismus in den Mainstreammedien angekommen, auch Barbaras Eltern diskutieren über Alice Schwarzer. Bald lernt Barbara einige Aktivistinnen kennen, die in der geheimnisvollen Wohnung verkehren. Eine beeindruckt sie besonders: Marianne, zehn Jahre älter als sie. Marianne hat mit ihrem Mann in einer offenen Ehe gelebt, viel ausprobiert – und bei einem Dreier gemerkt, dass sie Frauen liebt. Barbara verliebt sich in Marianne. Um ihr nahe zu sein, sammelt sie eifrig Unterschriften für die Fristenlösung. Denn Marianne berät Frauen, die abtreiben wollen. Ein Hürdenlauf: Es gibt einen einzigen Arzt in St. Gallen, der bereit ist, zustimmende Gutachten zu schreiben, und für den Eingriff müssen die Frauen nach Genf. Aktivistinnen begleiten sie dabei.

Marianne und Barbara wollen zusammenbleiben – darum verliert Marianne das Sorgerecht für ihre beiden Kinder, als sie sich scheiden lässt. Auch manche Frauen hätten negativ auf lesbische Beziehungen reagiert, erinnert sich Barbara. Sie selbst ist jedoch überglücklich. Die Lesben vernetzen sich mit den St. Galler Schwulen, veranstalten gemeinsam mit ihnen Drag-Discos und setzen sich für Kulturräume ein.

Aber Anfang der Achtziger wird Barbara und Marianne die Stadt zu viel. Sie ziehen ins Appenzellerland, kaufen ein altes Häuschen in der Nähe von Trogen. Viele Linke zieht es aufs Land, für Barbara hat der Umzug mit dem symbolträchtigen Jahr 1984 zu tun: «Wir fragten uns: Was braucht es zum Leben? Ein Haus, eine Feuerstelle und eigenes Wasser. Unser Hüsli hatte tatsächlich eine eigene Quelle. Wir wollten alles selber machen – gebauert haben wir dann allerdings doch nicht.»

Aus dem ruhigen Leben auf dem Land wird nichts. Nach den ersten, sehr verliebten Jahren ist für das Paar klar: Sie wollen einander viel Freiheit geben. Auch andere sexuelle Beziehungen sollen Platz haben. «Wir haben uns mit unserem Begehren auseinandergesetzt, theoretische Texte gelesen, beide eine Psychoanalyse bei einer Frau gemacht. Den Psychoanalytiker Wilhelm Reich nahmen wir sehr ernst: Um ein gutes Leben zu haben, ist es wichtig, die Sexualität nicht zu unterdrücken. Es war nicht einfach. Die Eifersucht war lange meine Begleiterin. Diese unangenehme, blöde Kuh.»

Sie einigen sich, einander keine sexuellen Details aus der Begegnung mit anderen zu erzählen. Auch sind sie nicht verpflichtet, ihre Affären offenzulegen. Aber meistens merkt es die andere trotzdem.

Affären sind anstrengend – mit der Zeit werden die Aussenbeziehungen der beiden immer länger. Irgendwann in den Neunzigern hat Barbara genug: «Wir waren nur noch am Organisieren: Mit wem feiere ich Ostern, Weihnachten … Alles mussten wir mit den Aussenbeziehungen abmachen … Es hatte gar nichts Lebendiges mehr.»

Marianne und Barbara bleiben zusammen, nun monogam. Sie sind seit vierzig Jahren ein Paar. «Zuwendung, Interesse und Körperlichkeit sind uns wichtiger als der Orgasmus. Der ist schlussendlich immer wieder das Gleiche. Spielen ist wichtig – nicht im Sinne von Rollenspielen, sondern wir probieren gern Dinge aus. Ich beneide die Jungen von heute nicht. Sie sind mit so krassen Pornos konfrontiert, in denen es eben gerade nicht ums Spiel geht …»

Köln, Herbst 1967

Britta geht durch die Stadt, den Kopf in Aufruhr. Sie schaut den PassantInnen ins Gesicht, den Fünfzig-, Sechzigjährigen. Und fragt sich jedes Mal: Du auch? Warst du auch ein Nazi?

Sie ist zwanzig Jahre alt. Erst vor kurzem hat sie begonnen, Bücher über das «Dritte Reich» zu lesen, hat erstmals von Konzentrationslagern und Kriegsverbrechen erfahren. Im Geschichtsunterricht kam man nie bis zum Zweiten Weltkrieg, und ihre Mutter, eine überzeugte Nationalsozialistin, hat ihr ein ganz anderes Bild vermittelt. Als medizinische Assistentin diente sie im Krieg bei der Organisation Todt, der Bautruppe der Nazis, die in den eroberten Gebieten Befestigungsanlagen errichtete. Für Britta und ihre Brüder waren es Abenteuer, wenn ihre Mutter erzählte, wie sie mit der Wehrmacht in der Ukraine und der Normandie unterwegs war. Doch jetzt gibt es keine Gespräche mehr, denn als die Tochter zu verstehen beginnt, stirbt die Mutter an Krebs.

Saufen wie ein Mann

Britta hat zwei ältere Brüder, gezeugt in Fronturlauben. Sie selbst ist 1947 zur Welt gekommen, neun Monate nach der Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft. Die älteren Brüder sind es sich gewohnt, die Mutter für sich zu haben. Jetzt plagen sie die kleine Schwester. «Fast verreckt sind sie vor Eifersucht», sagt Britta heute. Oft zeichnen sie einen dicken Kreis, einen kleinen Kopf mit Wuschelhaaren obendrauf, und schreiben «Britta» oder «amorphe Masse» darunter. Britta rächt sich mit Petzen. «Du bist ja gar nicht so dick, wie der Clemens immer sagt», meint Jahre später eine Freundin des älteren Bruders im Schwimmbad verwundert. Da hat Britta schon eine Essstörung entwickelt und die erste Alkoholvergiftung hinter sich – mit zwölf. Die Familie gehört zum Bildungsbürgertum, Vater und Brüder sind in schlagenden Studentenverbindungen aktiv, zu deren «Tanzkränzchen» auch Britta darf. Mit sechzehn ist sie stolz, dass sie an den Verbindungstreffen saufen kann wie ein Mann. Doch vor allem für Mädchen besteht diese Welt aus festen Regeln, die sie mehr und mehr hasst.

Eines ist klar: Ein anständiges Mädchen geht jungfräulich in die Ehe. Britta träumt vom «Richtigen», fühlt sich hässlich und verabscheut die Kleider, die sie tragen soll – gediegen, bieder, gedeckte Farben. «Mein Selbstwertgefühl als Frau war total beschissen.»

Doch nicht alles ist so erstickend, wie es scheint. Die Rockmusik wird zum wichtigsten Lebensinhalt der Geschwister. Aus dem Radio dröhnen ständig amerikanische und englische Hits, von den Eltern toleriert, und die Mutter hört geduldig zu, wenn die Tochter von den Beatles und den Stones schwärmt. Auch Comichefte lesen die Eltern gern mit, und ab sechzehn darf Britta allein in den Ausgang. Doch sie verliebt sich immer in die Unerreichbaren. «Wenn einer interessiert war, dachte ich, der muss ja blöd sein, wenn er mich gut findet.»

One-Night-Stands sammeln

Zum Studium geht sie nach Köln, schliesst sich zeitweilig dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund an, gründet Frauengruppen mit, absolviert Marx- und Lenin-Schulungen. Sie plappere bloss nach, wirft ihr der Vater vor, insgeheim gibt sie ihm recht. «Eigentlich wollte ich vor allem fröhlich sein und bumsen.» Verkopfte Genossen bezeichnet sie als «Theoriewichser», und sie liebt die Kooperative Praxis am Freitag, kurz Kopaf: ausgelassene Partys, an denen meistens etwa hundert Leute teilnehmen.

Ihre Jungfräulichkeit ist sie irgendwann zwischendurch losgeworden. Einzig mit diesem Ziel hat sie an einem Fest einen Mann angemacht, der sie nicht weiter interessierte. Das erste Mal sei «weder erschreckend noch erhebend» gewesen, meint sie, aber die Freiheit danach grandios.

Britta und ihre Freundinnen sammeln One-Night-Stands. «Wir sollten Kerben in die Bettkante ritzen», scherzen sie, nach der Nummer 35 hört Britta auf zu zählen. Heimlich ist sie froh, dass ihre Mutter das nicht mehr erleben muss. «Ich war diesen One-Night-Stands psychisch gar nicht gewachsen. Aber ich war extrem stolz darauf.»

Als sie 1970 mit einer lebensgefährlichen Infektion im Spital landet, Folge eines unentdeckten Trippers – der klassischen Geschlechtskrankheit –, macht ihr das Angst. Doch ihr Vater bleibt gelassen: «Wenns nichts Schlimmeres ist …»

Dann kommt der Mann, in den sie sich richtig heftig verliebt. Für zwei Jahre wird er ihr Freund. Sie haben nicht nur Sex, sie lesen im Bett auch gemeinsam Sigmund Freud, Wilhelm Reich und «Sexfront» von Günter Amendt. Doch für Britta entwickelt sich die sexuelle Befreiung immer mehr zum Zwang. Die beiden leben in einer grossen WG, und ihr Freund lässt gern durchblicken, dass er es sich mit anderen Frauen genauso gut vorstellen könne. «Ich wurde fast wahnsinnig wegen der Ansprüche an mich selber. Ich war so eifersüchtig, und das durfte man doch nicht. Es war nicht gerade ein Zwang zum Partnertausch, aber es wurde erwartet, dass immer mal wieder mehr als zwei Leute im Bett sind. Ich traute mich nicht zu sagen: Ich will das aber nur mit ihm!»

Die WG berät über die Beziehungskrise der beiden und kommt zum Schluss, dass Britta und ihr Freund eine kleine Wohnung im gleichen Haus beziehen sollen. Für Britta bedeutet diese «kleinbürgerliche Zweierkiste» das totale Versagen. Bald trennt sie sich von ihm – in der Hoffnung, dass er nachkommt. Doch das tut er nicht. Britta denkt an Selbstmord.

«Meine Generation hat unterschätzt, was sie unbewusst alles mit sich schleppt», ist heute Brittas Fazit. «Man war der Meinung, man könne Eifersucht und andere Probleme überwinden. Ich merkte, ich konnte es nicht. Also dachte ich, ich müsse mir das abtrainieren.» Urschreitherapie, radikale Psychokommunen wie die Aktionsanalytische Organisation (AAO) von Otto Mühl in Österreich – viele AchtundsechzigerInnen sind in der Selbsttherapie rabiat geworden. Auch Britta landet in einer Psychosekte, wenn auch in einer mit sanfteren Methoden. Doch sie lernt zu merken, was ihr guttut. Und trifft den Mann, mit dem sie bis heute zusammen ist.

Meilen, Sommer 1970

Leo und Beat sitzen auf ihrem Bänkli hinter der Kirche. Immer wieder, stundenlang. Sie rauchen, reden über Mädchen, träumen vor sich hin. Sie sind sechzehn.

Beat mit seinen gelockten, bronzeroten Haaren hat Erfolg in der Liebe. Fast jeden Tag knutscht er mit einer anderen, aber weiter geht er nicht. Er drängt sie nicht zum Sex.

Leo dagegen ist viel zu schüchtern, um ein Mädchen auch nur anzusprechen. Er ist sich selbst peinlich. Und eigentlich sind Leo und Beat auch heimlich verliebt ineinander. «Wir küssten uns nie», sagt Leo heute. «Aber es hätte nur wenig gebraucht, und wir hätten uns in den Armen gelegen. Alles wurde möglich. Unsere Väter waren Kalte Krieger, wir waren desorientiert, neu orientiert, freier.»

1968 ist Leo erst vierzehn. Aber es ist das Jahr, in dem er die Politik entdeckt. Nicht der Pariser Mai, sondern der Prager Frühling packt ihn. Viele SchweizerInnen identifizieren sich mit den Aufständischen in der Tschechoslowakei – wie ein Jahr zuvor, während des Sechstagekriegs, mit Israel: Wieder ist ein Kleinstaat durch eine Übermacht bedroht. Leo fährt mit dem Transistorradio am Ohr von Meilen nach Zürich in die Schule, um ja nichts zu verpassen. An seinem Velo flattert ein Tschechoslowakeifähnchen.

Bald hält er es zu Hause kaum noch aus. Sein Vater ist ein grosser Schweiger – Leo wird erst mit dreissig erfahren, dass seine Grossmutter nicht die leibliche Grossmutter ist. Die Mutter kann ihre lebenslustige Seite nicht ausleben, ist depressiv geworden. Sie will sich scheiden lassen, aber sie schafft es nicht. In Schnürstiefeln und US-Army-Jacke streift Leo durch Zürich. Seine erste Demo fordert die Befreiung der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin Angela Davis. Das Bild dieser Frau mit ihrem kämpferischen Ausdruck beeindruckt ihn. Ein paar Mal wagt er sich in die Autonome Republik Bunker, aber dort behagt es ihm nicht: Rauch, Dreck, Löcher in den Matratzen. Besser gefällt es ihm an der «Riviera» am Ufer der Limmat: «Da war eine Zärtlichkeit in der Luft, da hängte niemand den Macker raus.» Aber auch dort beobachtet er die Mädchen nur von weitem. Er geht in ein Bubengymi, wo ihn schon die Russischlehrerin im kurzen Rock gehörig überfordert.

Zum Glück ist da Beat. In den Pausen und im Latein schnüffeln sie zusammen Typenreiniger für Schreibmaschinen, Trichloräthylen. Das wird Leos Lieblingsdroge, denn beim Kiffen spürt er beim besten Willen keine Wirkung. Beat kommt aus einer aufgeschlosseneren Familie als Leo, die haben sogar eine Stereoanlage. In voller Lautstärke hören die beiden Pink Floyd und tauchen ab. Die bestickten Baumwollhemden vom Hippieladen im Niederdorf und die Cola im «Blow Up» leistet sich Leo nur selten. Er spart, arbeitet in den Ferien in der Schoggifabrik. Er ist sich sicher: Wenn er erst einen grossen Töff hat, findet er auch eine Freundin. «Easy Rider» begeistert ihn und seine Mopedfreunde so, dass sie im Kinosaal auf den Sesseln herumhüpfen. Mit achtzehn kauft er seine erste Maschine – und vier Wochen später ist er Thereses Freund.

«Wir waren drei Jahre zusammen – aber ich traute mich nicht, mit ihr zu schlafen. Sie hatte schon Erfahrung, aber ich wusste das nicht. Wir haben nackt geknutscht, Petting, hatten tolle Orgasmen, das war alles. Ich erfuhr später, dass sie mehr gewollt hätte. Wir konnten beide nicht darüber sprechen.»

«Verkappte Homos»

1977 hat Leo die Ausbildung abgeschlossen und kann sich endlich leisten, von zu Hause auszuziehen, in eine WG im Kreis 4. Da lebt auch Beni, ein charmanter, blonder Berner. Er engagiert sich in der Schwulenbewegung, geht an Demos, bringt Flugblätter nach Hause. «Alle Heteros sind verkappte Homos», liest Leo. Das macht ihn nachdenklich. «Ich glaube, Beni war sofort in mich verliebt. Aber er hat mich auf Distanz gehalten. Doch geküsst haben wir uns, und das war schön.» Die Lippen, die Bartstoppeln – es kommt Leo ein bisschen vor, als begegne er sich selbst. Aber als er Beni einmal beim Baden an den Schwanz fasst, wehrt dieser ab.

«Die Frauen emanzipieren sich, wir Schwulen auch, wo bleibt ihr Heteros?», fragt Beni. Leo nimmt die Frage ernst. Er entdeckt ein Inserat im «A-Bulletin» und macht sich auf in eine Männergruppe. Als Erstes schreinern alle ihr eigenes Bett, als Akt des Selbstständigwerdens. Das überzeugt Leo, denn er schläft noch immer in seinem ehemaligen Kinderbett. Er fühlt sich unselbstständig, wie ein Landei, hat Angst vor Verantwortung.

«Die Männergruppen waren ein Versuch, auf den Feminismus zu reagieren. Die Frauen in unseren WGs waren frech, aufmüpfig, setzten sich bewusst mit ihren Körpern auseinander, liessen sich nicht alles bieten. Wir merkten, wir können nicht als entfremdete Machowaschlappen weiterexistieren. Die Frauen waren uns weit voraus …»

Für ein Wochenende reist die Männergruppe ins Tessin mit dem Vorsatz, Angst abzubauen und einander berühren zu lernen. Zu fünfzehnt schlafen sie auf dem Fussboden – das Berühren geht auch während der Nacht weiter. «Die einen hatten Angst, andere fanden es geil, aber wir konnten nicht darüber reden. Das war ein Grund, warum die Gruppe auseinanderfiel.» Auch im Militär, das er eigentlich hasst, bei einer Überlebenswoche im Jura, beim gemeinsamen Frieren und Hungern, erlebt Leo eine Nähe und Wärme unter Männern, die ihn überrascht. Verweigern wird er den Dienst erst später.

Leo erforscht sich in einer gemischten Therapiegruppe weiter. Dort geniesst er die vertauschten Rollen: Es sind nun meistens die Frauen, die die Männer auffordern, mit ihnen nach Hause zu kommen.

Die Therapiegruppe nimmt immer mehr Raum ein. Den Kontakt zu Beni und der WG-Szene bricht Leo ab. «Ich war ganz Teil der Psychologiewelle», sagt er heute. «Man konzentrierte sich auf die Arbeit an sich selbst. Etwa 1984 habe ich die WOZ abbestellt, weil sie mir zu negativ war. Irgendwann kam zum Glück die Repolitisierung.»

Wirklich gelernt, Verantwortung zu übernehmen, habe er erst später, als geschiedener Vater von zwei Söhnen, die als Teenager bei ihm lebten.

«Frauen ziehen mich sicher mehr an als Männer, aber manchmal sehe ich in der Stadt Männer, bei denen ich zweimal hinschaue: schöne Gesichter, Offenheit, Freundlichkeit. Männer, die abgerüstet haben – es scheint mir, sie sind nicht auf Konkurrenz, sondern auf Kooperation aus.»

Was bleibt?

Was ist geblieben von der sexuellen Befreiung nach 1968? Barbara zweifelt: «Ich weiss nicht, ob unsere Rebellion etwas gebracht hat. Ich habe das Gefühl, biologisch anpflanzen und essen hat mehr gebracht. Man kann die sexuelle Befreiung nicht konsumieren, das ist Arbeit, die auch wehtut.»

Die gesellschaftliche Grundstimmung habe sich dramatisch verändert: «In den neunziger Jahren ist die Angst gekommen. Zum Beispiel die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Diese Angst hatten wir nicht! Und das Geld ist viel wichtiger geworden.» Doch sie ist dankbar für ihre Erfahrungen: «Es war eine Superzeit, ich bin froh, sie erlebt zu haben. Sonst hätte ich ja gar nicht gemerkt, dass ich auch mit Frauen könnte. Und hätte das ganze Leben mit einem Mann streiten müssen …»

«Natürlich gab es eine sexuelle Revolution!», betont Britta. Das 1968-Bashing ärgert sie. «Dass ich als Individuum ein paar meiner Verklemmtheiten behalten habe, ist eine andere Sache. Ich wünsche niemandem die Atmosphäre, wie sie vorher war: die Verbote, die Frauenfeindlichkeit, die Enge – eine selbstbewusste Frau, die Sex hatte, galt als Hure.»

Wie sieht das Leo? «In den Beziehungen der Leute, die dabei waren, ist sicher etwas geblieben», sagt der 64-Jährige. «Die Männer gehen anders mit den Frauen um und umgekehrt. Man ist sensibler.» Wie gross die Veränderung darüber hinaus war, ist für ihn unklar: «Natürlich ist heute alles freizügiger, man geht schneller mit jemandem ins Bett. Aber das hat mit Konsum zu tun, nicht mit Befreiung. Jede Generation muss ihre Beziehungen neu erfahren und verhandeln. Befreiung muss immer neu erkämpft werden.»

* Namen geändert.

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