Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Tierischer Sex

Von Franziska Meister

Sie wollen das Fürchten lernen? Dann werfen Sie mal einen Blick ins Liebesleben der Tiere. Das Breitfuss-Beutelmaus-Männchen etwa wird mit der Geschlechtsreife zum total hormonübersteuerten Wesen: Tagelang hetzt es durch den Wald, um möglichst viele Weibchen zu begatten – bis es vor Erschöpfung stirbt. «Qualvoll», wie Sachbuchautorin Katharina von der Gathen anmerkt. Überhaupt endet Sex im Tierreich oft tödlich. Da kann sich der Wespenspinnerich noch so Mühe geben, wenn er sich unter das viel grössere Weibchen schiebt. Hat er seinen Penis erst einmal eingehakt, ist es um ihn geschehen. Manchmal kommt er mit dem Leben, aber ohne Penis davon – meist aber frisst ihn die Spinne mit Haut und Haar. Auch auf dem Hochzeitsflug der Bienen geht es wenig romantisch zu und her: Im Moment der Ejakulation «explodiert» das ganze Hinterteil der Drohne.

Nicht dass Sie jetzt denken, der Liebesakt sei nur für Männchen fatal. Stürzt sich ein Rudel rammeliger Erpel auf eine Ente, endet die Gruppenvergewaltigung mitunter damit, dass die Ente ertrinkt. Und weil dies im Kapitel «Wenn Liebe wehtut» abgehandelt wird, ahnt die geneigte Leserin: Es kommt noch schlimmer. Tatsächlich, als Kugelbauchmilbe will Frau auf gar keinen Fall geboren werden. Kaum sind ihre Söhne nämlich geschlüpft, stürzen sich diese fiesen Vampirlinge auf die Mutter und saugen ihre Körpersäfte aus. All das nur, damit sie stark genug sind, um ihre danach schlüpfenden Schwestern mit den Hinterbeinzangen aus dem Körper der sterbenden Mutter zu zerren und gleich darauf zu schwängern – auf dass diese dasselbe Schicksal ereile wie ihre Mutter.

Mit etwas mehr Köpfchen lässt sich dem Schicksal durchaus ein Schnippchen schlagen. Um an die begehrten Steinchen für den Nestbau zu kommen, legen sich Adéliepinguindamen auch mal in ein fremdes Nest und lassen sich besteigen. Als Bezahlung nehmen sie ein Steinchen mit. Schwule Delfine dagegen halten sich unbedingte Treue. Zur Zeugung von Nachwuchs wählen sie gemeinsam ein Weibchen aus, nach vollbrachter Tat suchen sie ohne Frau zusammen das Weite. Die oberste Harmoniestufe der Zenleiter aber gebührt den Bonoboaffen, die untereinander kaum je Streit haben – dank Sex, ganz viel Sex: vom Zungenkuss übers Streicheln bis zum Geschlechtsakt treibens dabei alle mit allen. «Manchmal», so die Autorin, «reiben Weibchen so lange ihre Vulva (…), bis sie unter lautem Quietschen einen sexuellen Höhepunkt erreichen.»

Alle Beispiele aus Katharina von der Gathens «Liebesleben der Tiere». Das Buch richtet sich an Kinder ab acht Jahren und ist von Anke Kuhl liebevoll illustriert.