Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Keine Angst vor Porno

Von Susan Boos

Das ist ein Buch, das man seinem Göttikind auf den 14. oder 15. Geburtstag schenken soll. Ein Reclam-Bändchen, hundert Seiten schlank. Vorne steht «Sex» und etwas kleiner Wörter wie «Lust», «SM», «Libido» oder «Orgasmus» und «Erotik». Die versammelte Familie wird sich darauf stürzen: Die Jüngeren kichern, die Älteren geben sich abgeklärt oder zischen: «Das kannst du doch nicht machen!»

Warum nicht? Noch nie waren Kinder so früh mit Sex konfrontiert. Sie schauen sich im Netz Dinge an, von denen man gar nicht wissen will, dass es sie überhaupt gibt. Gleichzeitig haben junge Leute heute statistisch gesehen weniger Sex als früher. Die deutsche Journalistin Katrin Rönicke beschäftigt sich mit dem Thema Sex so fröhlich direkt wie Jamie Oliver mit dem Kochen. Man kann den Starkoch doof finden, aber er nimmt der Fastfoodgeneration die Angst vor dem Herd. Und Rönicke packt die Angst vor dem Sex an: «Wir haben alle einen kleinen Knacks, wenn es um Sex geht. Ich glaube fest, dass es nur ein paar wenige Glückselige gibt, die mit einem blauen Auge davongekommen sind. Persönlich kenne ich aber keinen.» Also stellt sie die Fragen, die einen umtreiben. Aber sie fragt nie, ist das nun richtig oder falsch – sie versucht nur herauszufinden, was uns guttut und was nicht.

Wunderbar das Kapitel über Pornografie. Es gibt unendlich viele grässliche Pornos, die glauben machen, es ginge beim Sex nur um ficken, stöhnen und ins Gesicht ejakulieren. Rönicke schreibt, sie möge die meisten Pornos nicht, weil sie nicht nur sexistisch seien, sondern auch die eigene Fantasie beleidigten. Guter Porno geht anders. Rönicke bringt eine Liste ihrer Lieblingsseiten: MakeLoveNotPorn.tv oder LucieMakesPorn.com von Lucie Blush. Die dreissigjährige Pornoproduzentin lebt in Berlin und macht Filme, die Kopf wie Körper erregen und Lust auf Sex mit Liebe machen. Blushs Pornos sind aber nicht gratis zu haben. Oder wie es Rönicke auf den Punkt bringt: «Kostenlos ist in der Branche ohnehin weitestgehend ein schlechtes Merkmal, denn wer gute Arbeit will, muss eben auch bezahlen.»

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