Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Raus aus dem Poetenleben!

Restaurativer Mief und Achtundsechziger-Aufbruch: Der mittlere Teil von Christian Hallers autobiografischer Romantrilogie «Das unaufhaltsame Fliessen».

Von Hans Ulrich Probst

Zentralmotiv in Christian Hallers als Trilogie angelegtem Roman seines Lebens ist der Einsturz des auf den Rhein gehenden Balkons seines Hauses in Laufenburg. Von diesem «Nullpunkt der Existenz» aus hat Haller im ersten Band, «Die verborgenen Ufer», die Bruchlinien seiner Kindheit und Jugend vermessen. Er endet mit ersten gelungenen Gedichten, mit dem Finden einer eigenen Sprache.

Im zweiten Teil nun, «Das unaufhaltsame Fliessen», erkennt der ambitionierte Jungautor, dass er in seiner Mansardenexistenz literarisch nicht vorankommt: Er tritt hinaus in die Praxis. Dies ermöglicht den Lesenden reizvolle zeitgeschichtliche Ein- und Ausblicke in die Aufbruchsjahre um 1968: Der junge Haller setzt sich (erfolgreich) für die Rettung des gefährdeten Nachlasses von Adrien Turel ein, dem beinahe vergessenen Schweizer Dichter und Essayisten. Er schildert (ein Glanzstück!) die brutale Antwort der Zürcher Polizei auf den Jugendprotest beim Globuskrawall 1968 oder die friedliche Demonstration für kostenlosen ÖV beim Sit-in auf Basels Tramschienen.

Überraschend absolviert der stets Suchende dann ein Zoologiestudium. Als Studienleiter am Gottlieb-Duttweiler-Institut wird er in einem internen Richtungskampf selber mit den Mechanismen der Macht konfrontiert. An seinem 40. Geburtstag hat er genug: Er kündigt seine Stelle, nun erfahrungssicher genug für eine Schreibexistenz.

Noch immer zeigt sich der Protagonist erotisch und poetologisch unsicher; was ihm aus Nöten und Sinnkrisen hilft, ist die Liebe zur geerdeten Theaterfrau Pippa: Sie ist die heimliche Heldin dieses zweiten Bandes. Haller erzählt schnörkellos, mit manch eindrücklicher Miniatur, aber auch mit Mut zur Lücke. Am Ende stehen wir erneut in der Gegenwart: Der ruinierte Balkon über dem Rhein ist wieder aufgebaut – der Abschlussband wird von gesichertem Grund aus erzählt werden.

Veranstaltungen mit dem Autor in Solothurn am Fr, 11. Mai 2018, um 14 Uhr und 17.30 Uhr, am Sa, 12. Mai 2018, um 11 Uhr und am So, 13. Mai 2018, um 15 Uhr.

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