Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Haltung statt Gesinnung

Es gibt gute linke und gute rechte JournalistInnen und gute und schlechte Geschichten. Denn Journalismus ist der Versuch, sich der Wahrheit transparent und aus verschiedenen Perspektiven zu nähern.

Von Hansi Voigt

Vergangene Woche hielt ich vor der Generalversammlung der SRG Basel einen Vortrag. Im Anschluss fand die GV statt. Unter dem Punkt Programminputs forderte ein SRG-Mitglied, dass jede vierte «Rundschau» von einem der Herren Köppel oder Somm zu moderieren sei. Begründung: Bei siebzig Prozent linken SRG-JournalistInnen diene dies der Ausgewogenheit.

Der Antrag auf Gesinnungsparität wurde deutlich abgelehnt. Aber wie links oder rechts sind JournalistInnen wirklich? Und warum spielt diese Frage seit kurzem eine solche Rolle?

Gewissenhaft, engagiert, faul

Eine Studie ging diesen Februar und März der Frage nach, wie Schweizer JournalistInnen ihre KollegInnen charakterisieren würden: «gewissenhaft, couragiert/engagiert, dynamisch, zur Selbstinszenierung neigend, kompetitiv, unbestechlich, hart im Austeilen und schwach im Nehmen, eigenbrötlerisch, faul», antworteten 322 JournalistInnen in abnehmender Häufigkeit.

Niemand kam von sich aus auf die Idee, die KollegInnen politisch zu verorten. Das ist nicht überraschend, denn es spielt auf einer Redaktion keine Rolle. Das mag für Aussenstehende seltsam klingen. Aber Journalismus ist eine Frage der Haltung, nicht der Gesinnung, und immer nur der Versuch, sich der Wahrheit transparent und aus verschiedenen Perspektiven zu nähern.

Es gibt also gute rechte und schlechte linke JournalistInnen, und es gibt gute und schlechte Geschichten. «Gute linke Artikel» gibt es nicht. Erst auf die explizite Frage hin schätzten sich die Befragten zu 45 Prozent als «links», zu 32 Prozent als «Mitte» und zu 16 Prozent als «rechts» ein.

Man wird wohl eher Journalist, wenn man herrschende Machtverhältnisse infrage stellt. Linke WeltverbesserInnen halt. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der politischen Rolle des Bürgers und jener der professionellen Journalistin: Es gibt handwerkliche Regeln, publizistische Leitlinien und vor allem, bei offensichtlichen ideologischen Scheuklappen, schnell abspringende LeserInnen und wegzappende ZuschauerInnen.

Trotzdem hat es der Antrag des SRG-Mitglieds in seiner ganzen Unbedarftheit in sich. In unserer rationalen Welt ist die durch Fakten belegte Wahrheit die letzte unbestrittene Autorität. Religion, Staat, Familie, alles wurde von uns aufgeklärten BürgerInnen vom Podest geholt. Die Wahrheit nicht. Sie gilt als gesellschaftliche Richtschnur – noch!

Wieder bei der Glaubensfrage

Wir haben uns verblüffend schnell daran gewöhnt, dass Leute, die eben auf die Bibel oder die Verfassung geschworen haben, eine eigene, widerlegbare Wahrheit als Gegenwirklichkeit im Sinne ihrer Interessen präsentieren dürfen. «Alternative Facts» sind nichts anderes als die politische Behauptung, es gebe eine linke und eine rechte Wahrheit. Die Folge dieser Entrationalisierung ist drastisch: Wir sind wieder bei Glaubensfragen gelandet. Wenn es zwei Wahrheiten gibt, kann jeder glauben, was er will.

Dieses Denkschema ist in den Medien angekommen. «Fast drei Viertel aller SRG-Journalisten sind links», titelte die «SonntagsZeitung» im Vorfeld der No-Billag-Abstimmung. Die Zahlen waren so falsch wie die Suggestion des Frontaufmachers, dass bei der SRG «mehr Linke» JournalistInnen am Werke seien als anderswo.

Fast alle Zeitungen nahmen die brisante Falschinterpretation der Studie, die zwischen 2014 und 2016 erhoben wurde, auf. Die Botschaft von der linken Abbildung der Wahrheit hat bestens verfangen.

Wer hierzulande Gesinnungsjournalismus und alternative Wahrheiten sucht, muss seinen Blick, wenn schon, auf die Teppichetagen richten. Auch wenn «Super-Chefredaktoren» bei der eigenen Fusion den Einheitsbrei zur neuen Medienvielfalt hochschreiben, in Leitartikeln der vermeintlichen Konkurrentin SRG totalitäre Züge unterstellen oder zum SDA-Debakel kein Wort herausbringen, bedienen sie die gefühlte Wahrheit ihrer Eigentümerfamilien und Aktionäre.

Diese intellektuelle Reisläuferei hätte vor nicht allzu langer Zeit noch für Empörung gesorgt. Heute ist das der gleiche Courant normal, in dem auch der Meinungsmacher Christoph Blocher ankündigen kann, seine journalistisch gemachte Gratiswochenzeitung engagiere sicher keinen Linken als Chefredaktor. Aufregen muss sich darüber niemand mehr. Es zeigt aber: Verleger Blocher ist in der Mitte angekommen, und umgekehrt.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete beim Onlineportal 20min.ch und gründete «Watson» mit. Hier schreibt er zur Medienzukunft.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch