Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Menschliche Anfechtungen

Von Karin Hoffsten

Zu den edelsten unter den ratgebenden Zeitungskolumnen gehören zweifellos jene, die sich Fragen des Stils und der gepflegten Lebensart widmen. So beantwortet im «Tages-Anzeiger» eine weltgewandte Journalistin regelmässig Fragen wie «Sind hautfarbene Strümpfe okay?» oder «Dürfen ältere Herren Klettsandalen tragen?», und auch in der «Stil»-Beilage der «NZZ am Sonntag» widmet sich eine kultivierte Kollegin Woche für Woche den Sorgen, die ihrer distinguierten LeserInnenschaft auf der Seele liegen: «Was trägt der ältere Mann bei eisigen Temperaturen auf dem Kopf?» oder «Muss ich bei der Arbeit meine Bluse in die Hose vom Hosenanzug stecken?» Man lernt auf jeden Fall immer etwas dazu, und die Frage «Wie spreche ich Transgender-Menschen richtig an?» dürften wir wohl alle nicht ganz spontan beantworten können.

Kürzlich wurde in beiden Zeitungen dieselbe Frage gestellt, da offenbar von universaler Bedeutung: Sehr wohlhabende Freunde wünschten sich zum 80. Geburtstag einen finanziellen Zustupf zu ihrer nächsten Reise. Man sei befremdet!

Während im «Tages-Anzeiger» empfohlen wurde, dem Wunsch «zähneknirschend» nachzukommen und dafür heftig am kalten Buffet zuzuschlagen, sah es die Dame in der «NZZ am Sonntag» milder: Es sei doch zu begrüssen, dass sich die Jubilare Reiseerfahrungen wünschten statt schnöder Gegenstände, aber man solle beim Geldsammeln «diskret!» vorgehen.

Wenn meine Millionärsfreunde mich wieder zum Geburtstag einladen, werde ich dran denken.

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