Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Die Schweiz ein Schlachtfeld

Die Schweizer Waffenlobbyorganisation Pro Tell kämpft gegen die neuen EU-Waffenrichtlinien, gleichzeitig kaufen immer mehr SchweizerInnen Waffen. Aus einer Welt voller Misstrauen gegen «die da oben».

Von Sarah Schmalz (Text) und Milad Ahmadvand (Fotos)

Ich habe Marcel Thalmann auf Facebook gefunden. Zwischen Ferienfotos inszeniert er sich dort mit seinen Waffen: Thalmann mit Revolver, Thalmann, wie er kniend ein grosses Geschoss abfeuert. Am Telefon wimmelte er mich zuerst ab: «Schlechte Erfahrungen.» Dann holt er mich doch vom Bahnhof ab. Thalmann ist Mitglied der Swiss NRA, und er hat wenig Vertrauen in JournalistInnen – aber offenbar eine kleine Resthoffnung darauf, dass ihm doch einmal jemand ernsthaft zuhört.

Wir fahren im Geländewagen zu einem Einfamilienhaus, das hinter einem Werkareal liegt, an der Hauptstrasse von Sitterdorf, Kanton Thurgau. Am Haus weht eine US-Flagge. Im Keller betreibt Thalmann ein lizenziertes Waffengeschäft: ein kleiner Raum mit Efeu an der Decke und weinroten Samtvorhängen vor den Fenstern. An den Wänden Waffen aller Art: hier das Sturmgewehr, mit dem die Amerikaner im Vietnamkrieg kämpften, dort die ausgemusterte Waffe der Thurgauer Polizei. Thalmann ist gelernter Büchsenmacher, er restauriert Waffen, macht Sonderanfertigungen. Er habe ein bis zwei Kunden pro Woche, sagt er. «Nur auf Voranmeldung.»

Wenn Marcel Thalmann keine Waffen restauriert, fährt er Leichenwagen, in der sechsten Generation. Gerade hat er Pikettdienst, die Sonne scheint, niemand stirbt. Wir sitzen im Garten, neben mir lässt sich eine Dogge nieder, Thalmann bietet mir eine Zigarette an, er wirkt netter als auf seinen Bildern, denke ich. Irgendwie weicher. Er erinnert mich an die gemütlichen Hardrocktypen, mit denen ich früher in den Kleinstadtbars meiner Ostschweizer Heimat Bier trank. Dann sagt Thalmann: «Das mit dem Waffengesetz, das wird eine richtige Schlacht.»

Ballern wie die amerikanischen Cops

Erlinsbach im Kanton Solothurn: Friedlicher kann sich die Welt nicht präsentieren als in diesem dörflichen Idyll an einem sonnigen Frühlingstag. Im Garten eines Einfamilienhauses machen rund ein Dutzend Männer und Frauen gerade Pause, in ihren Händen Schutzbrille und Gehörschutz. Sie sind fürs Spring-Break-Turnier gekommen, das der Schweizer Verband für dynamisches Schiessen organisiert hat. Der Sport boomt: Bald soll er olympisch werden. Einst zielte man bei der Disziplin auf menschliche Silhouetten. Das ist inzwischen verboten. Mit den Sheriffs und den bewaffneten zivilen Verbänden, die in den USA der fünfziger Jahre die Trainingsmethode erfanden, will hier auch niemand in Verbindung gebracht werden. Wer Degenfechten betreibe, trainiere schliesslich auch nicht für den Nahkampf, sagt der Veranstalter, der mir eine Ausrüstung in die Hand gedrückt hat und mich in die unterirdische Schiessanlage in seinem Keller begleitet. Da mache niemand so ein Tamtam wie bei den Schusswaffen. «Die Leute verstehen nicht, dass Schiessen auch nur ein Sport ist.»

Der Turnierveranstalter hat in seinem Schiesskeller einen Parcours aufgebaut: Stellwände, Kartonzielscheiben, Markierungen auf dem Boden. Ich schaue einem Teilnehmer zu, der durch den Parcours rennt und auf die Zielscheiben ballert. Eine freundliche Frau mit gut gebräuntem Gesicht, Pferdeschwanz und Dächlikappe gesellt sich zu mir. Das hier mache halt schon mehr Spass, sagt sie, «als einfach ruhig im Schützengraben liegen und auf 800 Meter Entfernung zielen». Doch die klassischen Schützenvereine hätten den Trend verpasst. «Sie sind allem Neuen gegenüber skeptisch, halten das für Geballer», sagt sie. «Aber dann müssen sie sich auch nicht wundern, wenn ihnen die Mitglieder ausgehen.»

Zum Mittagessen gibts Spaghetti bolognese. «Pol Pot», sagt ein Teilnehmer, der mir erklären will, dass WaffenbesitzerInnen nicht Teil des Problems sind, sondern Teil der Lösung. «Denk nur an Pol Pot. Oder an Stalin.» Es komme gar nicht drauf an, welchen Diktator man nehme. Sie alle hätten schliesslich ihre Bevölkerung entwaffnet, bevor sie ihre Regime installierten. «Jetzt wollen sie das auch mit uns machen», sagt er. «Dagegen müssen wir uns wehren.» Die Welt ist erstaunlich klar in diesem Erlinsbacher Garten: hier die unbescholtenen BürgerInnen, dort die Verbrecher. 200 Schusswaffentote pro Jahr in der Schweiz, eine der höchsten Raten an Schusswaffensuiziden der Welt: Das sind für die Spring-Break-SchützInnen nur Randnotizen, die den Gesamteindruck nicht zu trüben vermögen. Mit ihnen hat das alles nichts zu tun. Das sieht auch die Frau mit dem Pferdeschwanz so: «Die EU will Magazine mit mehr als zehn Schuss verbieten», sagt sie. «Aber die Kriminellen interessiert das doch einen Feuchten, wirklich einen Feuchten.» Pol Pot, Stalin, die EU, denke ich.

Man solle die Waffenbesitzer doch einfach in Ruhe lassen, sagt einer der Schützen und beginnt, über «die da oben in Brüssel» zu wettern. Er hat längst alles Vertrauen in die Bürokraten verloren: Bürokraten, die irgendwelche Regeln erfinden – und ihm damit in sein beschauliches Leben pfuschen. «Wie diese lächerlichen Waffenrichtlinien», sagt er. Der Mann zeigt auf meine Turnschuhe. «Das werden sie irgendwann auch noch verbieten», sagt er, «grüne Turnschuhe. Die schreiben dir doch am Ende noch vor, wie du dich anziehen darfst.»

«Ein bisschen was von allem»

Marcel Thalmann lädt einen Koffer nach dem anderen auf dem Parkplatz ab. Sie erinnern an Musikinstrumente: Gitarren, Trompeten, Geigen. Doch was mein neuer Bekannter auf dem Parkplatz abstellt, ist eine kleine Auswahl aus seinem Waffenarsenal. Ein Revolver, zwei Pistolen, eine Selbstladebüchse, eine Kalaschnikow. «Ein bisschen was von allem», sagt er. Er hat seine Freundin mitgebracht. «Nervös wie ein Sausiech?», fragt er mich, als er den Kofferraum seines Autos zuschlägt. Zu dritt tragen wir die Waffen in den Keller des Schiesszentrums Ostschweiz in Weinfelden. Ein Mann wischt Hülsen vom Boden, Thalmann macht den Revolver für mich bereit. «Eine Smith & Wesson», sagt er. Thalmann füllt Munition in die Trommel, erklärt mir mit sanfter Stimme, was ich tun muss. Finger an den Abzug, Beine breit, Oberkörper nach vorne, langsam durchdrücken. Ruhe bewahren. Durchdrücken. Ich schwitze. Der Revolver liegt schwer in meinen Händen, Finger auf den Abzug, durchdrücken. Es knallt. Der Schuss landet auf dem Pappkarton hinter der Zielscheibe. «Gar nicht so schlecht», sagt Thalmann.

Er hofft, dass ich wenigstens ein bisschen Spass habe am Schiessen, verstehen kann, was er daran findet. Es trifft mich unvermittelt: das Gefühl der Macht. Ich könnte mich nun einfach umdrehen, denke ich, als ich den Revolver in den Händen halte. Umdrehen und auf ihn schiessen. Einfach so. Bumm! Mein Verstand weiss, dass ich das nicht tun werde, trotzdem fühle ich mich nicht ganz sicher vor mir selber. Es ist ein Gefühl, wie wenn man an einem Abgrund steht und einem plötzlich eine innere Stimme zuflüstert: Spring! Mir kommt eine Studie in den Sinn: Die AutorInnen fanden heraus, dass Menschen (zumindest Männer) in einer Konfliktsituation aggressiver reagieren, wenn eine Schusswaffe in ihrem Blickfeld ist. Allein der Anblick einer Waffe löste bei den Studienteilnehmern einen Testosteronschub aus.

Nach dem Revolver gibt mir Thalmann die Pistole. Ich befolge seine Anweisungen, versuche, die Hände still zu halten, diesmal knallt der Schuss in die Mitte der Zielscheibe. Ich habe immer noch weiche Knie, als Thalmann die halbautomatische Kalaschnikow für mich vorbereitet. «Damit du merkst, dass die nur halb so wild ist.»

Der Geländewagen hält vor dem «US-Mex» in Weinfelden. Ich brauche ein Bier, Thalmann bestellt ein Wasser, seine Freundin einen gespritzten Weissen. Ich versuche, in Worte zu fassen, was ich eben gefühlt habe, es gelingt mir nur unzureichend. Ich sage, dass mich der Gedanke ans Töten erschreckt habe. Dass das alles doch nicht so einfach sei mit den Guten und den Bösen. Dass jeder Mensch das Potenzial habe, in einer Krise durchzudrehen, dass man die Waffen deshalb aus den Häusern verbannen müsse.

Aufwachen

Thalmann und seine Freundin, die er beim Schiessen kennengelernt hat, sehen das ganz anders. Der Schweizer lasse sich ja schon von seinem Naturell her nichts von aussen diktieren, sagt er. Nun komme die EU und wolle unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung die Bürger Schritt für Schritt entwaffnen. Darum gehe es doch hier, nicht um die harmlosen legalen Waffenbesitzer, die in der Schweiz noch nie Probleme bereitet hätten. Wehret den Anfängen. «Die EU», sagt sie, «ist doch mittlerweile fast ein totalitäres Konstrukt.»

Die Swiss NRA hat auf Facebook über tausend Mitglieder. Man unterstütze den Kurs der offiziellen Schweizer Waffenlobby Pro Tell, sagt Thalmann. Dort seien jetzt endlich Kräfte am Werk, die verstanden hätten, worum es gehe. Die traditionellen Schützenvereine und ihre Vertreter hätten in der Vergangenheit doch geschlafen, man habe eine Verschärfung nach der anderen geschluckt. Immer in der Hoffnung, dass irgendwann Schluss sei mit neuen Gesetzen. «Ich hoffe wirklich, dass jetzt alle mal aufwachen.»

Geht es nach meinen Begleitern, müssten die Schweizer überhaupt langsam aufwachen. Pressefreiheit? – gebe es vielleicht bald nicht mehr, sagt sie. Das sehe man doch beim Syrienkrieg. «In Deutschland ist es am schlimmsten, wenn wir nicht aufpassen, haben wir in der Schweiz bald die gleichen Zustände.» Ob ich mich denn nachts noch alleine auf die Strasse traue, fragt sie. Das sei doch heute an vielen Orten gar nicht mehr möglich. Im Thurgau gebe es einige solcher Hotspots. «Zum Beispiel den Bahnhof Weinfelden, da traut sich nach zehn Uhr Abends doch keine Frau mehr alleine hin. Frag mal die Leute, ob sie nachts an den jungen Männern vorbeigehen wollen, die dort herumlungern. Es braucht immer mehr private Sicherheitskräfte, die patrouillieren und für Ordnung sorgen.»

Sie könnte noch lange so weitermachen, tausend gefühlte Wahrheiten. Dass die Schweiz statistisch gesehen immer sicherer wird, die Kriminalität abnimmt: Das sind laue Fakten, die dagegen nicht ankommen. Man hat schliesslich Augen im Kopf. Sie sagt: Die kleinen Übergriffe würden halt oft gar nicht angezeigt. In ihrer Jugend habe sie noch unbeschwert einen Minirock tragen können. Heute traue man sich das doch kaum noch, weil man immer Angst haben müsse, von irgendeinem Typen begrabscht zu werden. «Die Einwanderung», sagt sie. Man könne leider nicht leugnen, dass das alles auch damit zu tun habe.

Bewaffnete Lehrer

Ein Schiesszentrum irgendwo im Kanton Zürich, es liegt unterhalb eines grossen Waffengeschäfts. Der Mann, der mich hier empfängt, nennen wir ihn Christian Keller, will nicht erkannt werden. Er arbeitet für eine Firma, die Selbstverteidigungskurse anbietet, auch mit der Waffe. Keller ist ein Profi auf seinem Gebiet: Früher war er Berufsmilitär, heute ist er in der Sicherheitsbranche tätig, Genaueres solle ich nicht schreiben. Das Geschäft mit den Waffenkursen ist erfolgreich: Früher habe er vielleicht ein, zwei Mal im Monat ein Training gegeben, sagt er. «Heute ein, zwei Mal in der Woche.» Keller trainiert sowohl PolizistInnen als auch Privatpersonen. Kürzlich war eine Gruppe Lehrer da. Fast alle hätten sich nach dem Kurs eine Waffe gekauft, sagt er. Das sei sowieso meistens so: «Etwa vier von fünf Kursteilnehmern entscheiden sich nach einem Training bei mir für eine Waffe, obwohl ich ihnen das immer ganz selber überlasse.»

Keller nimmt seinen Job ernst. Er hat die Wände seines Trainingsraums mit Papier zugepflastert: Blätter, die mir seine Trainingsmethode erklären sollen. Auf ein grosses Blatt Papier hat er eine Kurve gemalt, sie fällt irgendwann steil ab. Das symbolisiere den Kontrollverlust, sagt er. Die Eskalation, das Adrenalin. Er bringe seinen KursteilnehmerInnen bei, vorher zu reagieren, sagt Keller. Konzentriert zu bleiben, nüchtern zu handeln. Er wolle Fehlverhalten verhindern. Nach ein bis zwei Stunden habe ein Waffenneuling die wichtigsten Regeln gelernt. Danach müsse er selber entscheiden, ob er noch einmal ein Training buche.

Auf dem Boden des Kursraums liegt ein durchlöcherter Torso. Keller arbeitet nicht mit Trockenübungen, sondern mit realistischen Szenarien. Möglichst plastisch. Seine TeilnehmerInnen müssten eine realistische Vorstellung davon entwickeln, wie sich das anfühle, «wenn ein Einbrecher dein Kind als Geisel genommen hat und ihm eine Pistole an den Kopf hält». Sonst könnten sie in einer solchen Situation nicht angemessen reagieren.

Laut Statistik haben die Waffenkäufe in der Schweiz in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Im Kanton Zürich etwa stieg die Anzahl ausgestellter Waffenscheine zwischen 2007 und 2017 von rund 3000 pro Jahr auf über 7000, andere Kantone weisen ähnliche Zahlen aus. Keller wundert das nicht: Die Leute hätten zunehmend Angst, sagt er. Das erlebe er in seinem Job täglich. Den Statistiken traut der Schiessprofi nicht: Die würden doch gefälscht, sagt er. «Bei der Polizei wird so einiges gewurstelt, glaub mir. Die Behörden haben doch ein Interesse daran, den Leuten ein gewisses Sicherheitsgefühl zu vermitteln, aber die Realität ist eine andere.» Ich frage ihn, ob sein Job nicht einfach eine gewisse Déformation professionnelle mit sich bringe: dieses ständige Üben mit Bedrohungsszenerien, die Einsätze an der Front – das sei doch nicht die Realität des Durchschnittsschweizers.

Keller malt zwei Inseln auf ein Blatt Papier. Das sei eben seine Welt, die zweite Insel sei meine Welt. Er zieht mit Rotstift eine Verbindung zwischen den Eilanden: «Wenigstens reden wir miteinander.» Am Schluss gehe es halt um die gefühlte Realität, das eigene Erleben. «Heute gibt es so viele Medien, die Leute verlieren den Überblick. Sie werden von allen Seiten mit schrecklichen News konfrontiert, das überfordert die Menschen. Sie fühlen sich bedroht, und am Ende kaufen sie sich eine Waffe.»

Die Welt, ein gefährlicher Ort

Trotz dieser Einsicht: Es ist nun mal nicht Kellers Job, Ängste zu entkräften. Er trainiere Leute für den Notfall, sagt er. Mehr nicht. Und jeder habe das Recht, sich selbst in den eigenen vier Wänden zu schützen.

Marcel Thalmann geht noch einen Schritt weiter. Auf seinem sonnigen Sitzplatz beschwört er eine martialische Welt herauf. «Überall um uns herum chlöpfts», sagt er, der Mensch sei nun mal ein gewalttätiges Subjekt. «Irgendeinen Irren gibt es immer.» Die Welt ein Schlachtfeld, wir mittendrin. Es dürfe doch nicht sein, dass nur Terroristen Waffen hätten, sagt Thalmann. «Im Bataclan konnten sie nur deshalb Dutzende Menschen erschiessen, weil keiner der Konzertbesucher bewaffnet war.» Man müsste deshalb allen legalen, von den Behörden geprüften Waffenbesitzern erlauben, ihre Waffen auch zu tragen, «wenn sie zusätzlich noch ein Schiesstraining absolviert haben». Wir rauchen noch ein paar Zigaretten. Dann fährt mich Thalmann im Leichenwagen zurück zum Bahnhof Sitterdorf.

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