Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Düster anfangen mit Marie

Judith Keller erzählt in ihrem Debüt «Die Fragwürdigen» Geschichten, die sich von Tramhaltestelle zu Tramhaltestelle hangeln.

Von Nadia Brügger

Judith Keller ist eine Meisterin der Kürze. In ihrem Erstling erzählt sie, über sieben Zürcher Tramhaltestellennamen verteilt, 84 Geschichten – die kürzesten gerade einen Satz lang. Sie stellt ihre LeserInnen in Textwelten, in denen schon vor deren Anwesenheit etwas passiert ist, und pflückt sie vor der Auflösung der Geschichten wieder heraus. So schafft sie lauter literarische Kunstwerke der Offenheit.

Da gehts um Marie, deren Geschichte damit beginnt, dass sie sich vor Schmutz zu fürchten beginnt und den Zug nicht verlassen kann (dafür müsste sie den Türknopf betätigen), um Frau März, die die Fehler aus den Diktaten ihrer SchülerInnen entfernt, oder um Anatol, der einer Arbeit nachgeht, die ungerührt vor ihm davonläuft. Mit ihrer präzisen Sprache betreibt Keller Spiele, die nie Gefahr laufen, zu Kalauern zu verkommen. Nur weil sie die Sprache beim Wort nimmt, können Sätze entstehen wie: «Seit das Unternehmen mehr Profit machen will, wird Marthas Abwesenheit gebraucht. Ihre Arbeit besteht jetzt darin, abwesend zu sein.» Kellers Misstrauen längeren Texten gegenüber hält sie nicht davon ab, sich dennoch an ihnen zu versuchen. Darüber kann man nur froh sein: In «Eine lange Nacht» reist eine Tochter mit ihrer Mutter durch die Wohnung im Altersheim, in der Sessel plötzlich zu «dunklen, schlafenden Tieren» werden. In der Dunkelheit, die die Körper ununterscheidbar macht, stirbt wider Erwarten niemand mehr.

Kellers Figuren mit den überdeutlichen Namen an den überdeutlichen Orten sind Verkörperungen von Schwierigkeiten, von denen wir manchmal nicht wissen, wo sie herrühren. In diesem Raum des Halbwissens sind sie uns sehr nah: So warten wir mit der «weit hergeholten Frau», die den ganzen Erzählband abschreitet, auf die «höchste Zeit».

Veranstaltung mit der Autorin in Solothurn am Do, 10. Mai 2018, um 18 Uhr, am Fr, 11. Mai 2018, um 14 Uhr, am Sa, 12. Mai 2018, um 13.30 Uhr, und am So, 13. Mai 2018, um 12 Uhr.

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