Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Eine Schweizer Bank von vorgestern

Sechs indigene Frauen aus Nordamerika kritisieren die Grossbank Credit Suisse – mit einem fulminanten Auftritt an der Generalversammlung.

Von Daniel Stern

Sie lassen nicht locker. Vergangenen Mittwoch hatten sie aus Protest gegen die Credit Suisse ein Tipi auf dem Paradeplatz aufgestellt, am Freitag nahmen sie dann als kurzfristige Kleinaktionärinnen an der Generalversammlung der Schweizer Grossbank im Zürcher Hallenstadion teil. Die indigenen Frauen wehren sich gegen den Bau von Pipelines auf dem Land ihrer Stämme. Einige von ihnen sind bereits zum dritten Mal in Zürich. Denn die Pipelineunternehmen werden von der Credit Suisse mit Milliardenkrediten versorgt. Die Frauen wollen endlich klare Antworten von Verwaltungsratspräsident Urs Rohner und CEO Tidjane Thiam.

Alle sechs Frauen, teils mit Gesichtsbemalung und in traditionellen Kleidern, ergriffen das Wort. Wasté Win Yellolodge Young schilderte, wie sie und viele ihrer FreundInnen bei Standing Rock in Nord-Dakota mit Tränengas vollgesprüht wurden, weil sie sich mit friedlichen Mitteln gegen den Bau einer Pipeline des Unternehmens Energy Transfer Partners (ETP) wehrten. Monique Verdin aus dem Bundesstaat Louisiana erzählte, dass derzeit die sogenannte Bayou Bridge Pipeline durch das Mississippidelta geplant wird und dabei Sumpfgebiete und Wasserreservoirs für 300 000 Menschen bedroht werden. Auch hier will ETP bauen.

Charlene Aleck aus Westkanada sprach über eine Pipeline des Unternehmens Kinder Morgan, die durch das Land der Tsleil-Waututh-Nation führt, wo Öllecks das Land unfruchtbar machen. Nun will Kinder Morgan eine zweite Pipeline an der gleichen Route bauen, die dreimal so viel Erdöl transportieren soll. Die indigene Anwältin Michelle Cook sagte schliesslich: «Wir denken nicht daran, mit unserem Protest aufzuhören. Im Gegenteil, wir werden zum Boykott und zu Sanktionen gegen die Credit Suisse aufrufen.»

Es gab viele Fragen, die die Frauen stellten: Wieso finanziert die Credit Suisse weiterhin die grossen Pipelinegesellschaften in den USA und Kanada mit Milliarden von US-Dollar? Weshalb hält sich die Bank nicht an ihre eigenen Richtlinien, gemäss denen sich die CS zu den Rechten der Indigenen auf ihr Land bekennt? Was hat die Credit Suisse unternommen, dass ETP in Nord-Dakota aufhört, die Indigenen mit Privatpolizei einzuschüchtern? Aber auch: Wieso betreibt die Bank mit ihren Krediten eine Politik, die den Zielen des Klimaabkommens von Paris entgegenläuft?

Doch es kam, wie es kommen musste. Tidjane Thiam schwieg. Die Antworten von Urs Rohner fielen unverbindlich und nichtssagend aus. Er betonte, dass die Credit Suisse keine spezifischen Pipelineprojekte finanziere, sondern nur generelle Unternehmenskredite gebe. Als ob das eine Rolle spielen würde. Denn selbstverständlich können ETP oder Kinder Morgan auch mit diesen Krediten den Pipelinebau vorantreiben.

Rohner machte ganz den Eindruck, als ob er von den Gefahren des Klimawandels gar nichts begriffen habe. Dabei hat das Bundesamt für Umwelt gerade eben eine neue Studie zur Klimapolitik der Schweiz veröffentlicht. Darin heisst es: «Das Ziel des Übereinkommens von Paris lässt sich nur erreichen, wenn grosse Anteile der bekannten Öl-, Gas- und Kohlevorkommen im Boden bleiben. Darum ist es entscheidend, dass Geldanlagen nicht mehr in fossile Energieträger fliessen.»

Noch sieht es nicht so aus, als ob der Bundesrat griffige Gesetze ausarbeitet, um das durchzusetzen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Regierungen anderer Länder dies tun. Einige Grossbanken, wie die französische BNP Paribas, stellen sich bereits darauf ein und stoppen die Kredite – auch für Pipelineunternehmen. Urs Rohner dagegen wird für die Credit Suisse zu einer immer grösseren Belastung. Der Reputationsschaden für die Bank steigt weiter.

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