Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Wo ist der Faden, der aus dem Labyrinth führt?

In seinem neuen Roman, «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt», entwirft Peter Stamm ein faszinierendes Vexierspiel. Grossartig.

Von Franziska Meister

Das ist mir noch nie passiert: dass ich nicht am Ende eines Romans den Buchdeckel geschlossen, sondern gleich noch mal von vorne zu lesen begonnen habe. Mich auf die Suche nach der Stelle gemacht habe, an der ich zum ersten Mal hätte stocken müssen. Jetzt, wo ich zwar weiss, wie die Geschichte endet, aber nicht, wo sie eigentlich beginnt. Und dieser Anfang ist wichtig, ja entscheidend.

«Sie besucht mich oft, meist kommt sie in der Nacht.» Das ist der erste Satz im Buch. «Sie kommt fast jede Nacht, manchmal auch erst im Morgengrauen. Sie war nie sehr pünktlich», heisst es weiter. Sie, das ist Magdalena, die ehemalige Geliebte des Erzählers, der, so erfahren wir weiter, mittlerweile ein alter Mann ist.

Bruchstücke

Kapitel zwei setzt ein mit einer Rückblende, dem – vermeintlichen – Auftakt der Geschichte. Sie beginnt mit einer Nachricht, die der Erzähler Magdalena im Hotel in Stockholm hinterlässt: «Bitte kommen Sie morgen um vierzehn Uhr zum Skogskyrkogarden. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen.» Sie kommt tatsächlich, heisst Lena – «Magdalena? Niemand nennt mich so» – und ist zwanzig Jahre jünger als der Erzähler, der zu diesem Zeitpunkt fünfzig ist. Christoph, so heisst er, ist Schriftsteller und möchte Lena, die seiner Magdalena von früher aufs Haar gleicht, von jener seltsamen Begegnung berichten, die dazu geführt hatte, dass er das Schreiben aufgegeben hatte.

Im Verlauf eines langen, ziellosen Spaziergangs durch Stockholm erfahren wir Bruchstücke aus Christophs Leben: welchen Erfolg ihm sein erster Roman bescherte (es ist die Liebesgeschichte zwischen ihm und Magdalena) und wie er nach einer Lesung in seinem Heimatdorf zum ersten Mal das Spiegelbild eines jungen Mannes in der nächtlichen Hotellobby erhascht, der ihm als sein jüngeres Alter Ego erscheint. Wie er ihn an seinem Studienort Zürich erneut entdeckt, diesmal im Publikum, und sich dort an seine Spuren heftet – nur um herauszufinden, dass der junge Mann an denselben Orten verkehrt wie er damals. Später kreuzen sich ihre Wege in Barcelona, wo Christoph als Lehrer unterrichtet.

Ja, was dann?

Peter Stamm entwirft in seinem schmalen Buch über 37 Kapitel ein zunehmend atemloses Vexierspiel. Wir sind bereits in Kapitel achtzehn, als Lena endlich ihren (und unseren) Verdacht äussert: «Wenn er ist wie Sie und ich wie Ihre Magdalena, und wenn wir dasselbe Leben führen wie Sie beide vor fünfzehn oder zwanzig Jahren …» – Ja, was dann? «Es gibt Unterschiede, Abweichungen», so Christoph zu Lena, «aber Sie kommen immer wieder auf den richtigen Weg zurück. Als hätte, was Sie tun, keinen Einfluss auf das, was geschieht.»

Wo ist der Faden, der aus diesem Erzähllabyrinth hinausführt und die Geschichte entwirrt? Ich behaupte, sein Anfang ist in Kapitel dreissig zu finden – aber ganz sicher bin ich mir nicht.

Veranstaltungen mit dem Autor in Solothurn am Sa, 12. Mai 2018, um 17 Uhr und am So, 13. Mai 2018, um 16 Uhr. Am So, 13. Mai 2018, um 10.30 Uhr erhält Peter Stamm den diesjährigen Solothurner Literaturpreis verliehen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch