Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Der gefürchtete Denker

Von Daniela Janser

Eigentlich ist er ein Überlebender. Nach einem tumult- und folgenreichen Jahrzehnt der Bürgerrechtskämpfe in den USA waren drei seiner Mitstreiter tot – ermordet von Reaktionären und Rassisten. 1970 begab sich der Gesuchte erneut ins Pariser Exil, wohin er bereits mit 24 Jahren geflohen war, weil er schon damals den Rassismus in New York nicht mehr ertragen konnte.

Er war schwarz, schwul und stammte aus armen Verhältnissen. Seine Wahrnehmung wurde durch diese dreifache Diskriminierung und Randstellung weit überdurchschnittlich geschärft, seine wichtigste Waffe im Alltag war die Sprache. Autor zu sein, war für ihn eine höchst leidenschaftliche Angelegenheit, gerade weil eine Bücherexistenz für ihn nicht selbstverständlich war. Schon als Arbeiterkind in Harlem hatte er sich lesenderweise am eigenen Zopf aus Öde und Elend in andere Dimensionen gezogen. In seinen autobiografischen Notizen erklärt er aber auch, dass wohl jedeR AutorIn die Welt, in die er oder sie geboren wurde, als Verschwörung gegen das eigene Talent betrachte. Das FBI hat ihn jahrelang überwacht. Seine Texte und Reden waren scharf und gefürchtet, aber auch umjubelt – und oft getragen von einer wuchtigen Rhetorik, deren Ursprünge womöglich in seiner Jugend als Stiefsohn eines rabiaten, besessenen Predigers zu finden sind. Er selber fiel nach einer kurzen eigenen Predigerphase mit siebzehn vom Glauben ab.

Einer seiner bekannteren Essays entstand nach mehreren Schreibaufenthalten in Leukerbad. Man erfährt darin viel über die Erfahrung als Aussenseiter in einem kleinen, abgeschiedenen Schweizer Dorf in den anbrechenden fünfziger Jahren: Rassismus in durchmischten oder segregierten Gesellschaften waren dem Schriftsteller aus Paris und New York wohl vertraut. Komplett neu war jedoch das Erlebnis, in einen Mikrokosmos geworfen zu werden, wo man überhaupt noch nie einen Schwarzen gesehen hatte und wo man ihn wie ein Alien behandelte. Das erstaunliche Verhalten der Einheimischen seziert er präzise – und leise belustigt.

Wie heisst der 1987 Verstorbene, der in einem legendären TV-Interview den Rassismus auf folgenden, bestechend einfachen Punkt brachte? «Die Frage, die ihr euch stellen müsst – die Frage, die sich alle Weissen stellen müssen –, ist, warum sie überhaupt je einen Negro brauchten. Ich bin nämlich kein Nigger, ich bin ein Mann. Falls ihr denkt, ich sei ein Nigger, heisst das, dass ihr einen braucht. Und es liegt an euch herauszufinden, warum das so ist.»

Wir fragten nach dem afroamerikanischen Schriftsteller und Bürgerrechtskämpfer James Baldwin (1924–1987). Raoul Pecks Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro» von 2017 (nach einem unvollendeten Manuskript Baldwins) ist nicht nur eine eindringliche politische und biografische Skizze, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die Ermordung von Baldwins Freunden Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Baldwins Essay über seine Aufenthalte in Leukerbad trägt den Titel: «Stranger in the Village».

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