Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Wer schon alleine ist, kann nicht mehr verlassen werden

In «Das Ende» durchmisst Attila Bartis eine ganz private ungarische Nachkriegsgeschichte.

Von Lennart Laberenz

«Wovor hast du am meisten Angst? Davor, verlassen zu werden. Davor musst du jetzt keine Angst haben. Jetzt habe ich auch keine Angst, sagte ich. Aber sei dir auch nicht so sicher.»

Man kann hier anfangen und ist bei der Angst: Der Ich-Erzähler Andras Szabad ist 52 und Fotograf. Seinen Lebensbericht hat er damit begonnen, dass ein Taxifahrer auf dem Weg zum Budapester Flughafen ein Stahlkabel aus seinem Blouson hervorzieht und einen überfahrenen, aber noch lebenden schwarzen Hund erschlägt. Ein Gnadenakt, ein Bild roher Gewalt, ein Kuriosum – warum trägt der Taxifahrer ein Stahlseil am Körper? Später wird der schwarze Hundekopf als Goya-Bild und bedrückender Traum wiederkehren.

Die Angst fährt mit auf dem Weg zum Flughafen, sie quillt aus vielen Szenen des ganz wunderbaren, bohrenden, mitreissenden Romans «Das Ende» des ungarischen Autors Attila Bartis. Tatsächlich sind wir im Taxi schon am Schluss seines Erzählbogens: Szabad ist auf dem Weg nach Stockholm, eine unklare Krankheitsdiagnose in der Tasche. Er erwähnt, dass die Brücke von Mostar zerbombt ist: Alle Illusionen über den Zusammenbruch des Realsozialismus sind rasch in gierigen Nationalismus umgekippt.

Die Angst ist Teil von Szabads ersten Kindheitserinnerungen. Ein Pfau wird in der Wohnung wild, nachdem sich dort ein deutscher Offizier und Ethikprofessor erschossen hat, das Tier droht dem Zweijährigen die Augen auszukratzen. Die Augen bleiben intakt; als Beitrag zur Familienhistorie und weil der Vater ihm den Weg bereitet hat, beginnt Szabad bald zu fotografieren.

Teller vor dem Panzer

Das Goya-Bild zeigt ihm dann Eva. Überhaupt hat vieles mit Eva zu tun. Szabad fürchtet nichts mehr, als dass sie ihn verlässt. Eva drängt ihn, seine Bilder zu zeigen. Doch in der Szene beim Flughafen ist Eva bereits tot, und Szabad, der sich als Fotograf einen Namen gemacht hat, hat seither kein einziges Bild mehr gemacht.

So sind hier längere Linien an ihr Ende gekommen, Szabad geht ihnen nach. Wie einer, der eine grosse Kiste Fotografien vor sich hat, blickt er auf sein Leben: Ab und an verrutscht die Chronologie. Szabad zieht jedes einzelne Bild hervor, erzählt aber nichts über die Fotografie selbst, nichts über den Moment, in dem eine genau gewählte Belichtungszeit für einen Bruchteil einer Sekunde einen Ausschnitt der Welt auf Film bannt, sondern über die Dinge drumherum, die sonst ins Dunkel der Erinnerung zurückfallen: Episoden, Fetzen, Kleinigkeiten, Anekdoten, die die Aufnahmen umkränzen, zu ihnen hinführen, von ihnen ausgehen, sie ausmachen. Der Autor Attila Bartis, der etwa eine Generation jünger ist als sein Protagonist, lässt diesen eine ganz private ungarische Nachkriegsgeschichte durchmessen, die Kamera wird dabei zum Notizbuch: «Was ich damit fotografiere, ist im Grunde mein Leben.»

Der zögerliche, verschlossene Erzähler ist der Sohn eines für drei Jahre Weggesperrten. Sein Vater hat zum ungarischen Aufstand 1956 in einer betörend einfachen Geste Teller vor die sowjetischen Panzer gelegt. Ob sie Angst vor Minen symbolisieren oder aktionistische Karikatur sein sollen, bleibt unklar. Szabad wächst auf in der Zeit des offenen stalinistischen Terrors, reift unter Ministerpräsident Janos Kadar, «der dahintergekommen war, dass man die Welt nicht mit Angst durchtränken musste. Sondern mit Grauheit. Das ist viel sicherer.»

Wurzeln der zynischen Politik

Als der Vater aus der Haft heimkehrt, stirbt die Mutter, nun ziehen zwei Andras Szabad nach Budapest. Sie haben sich wenig zu sagen. Bis der Krebs den Vater dahinrafft, entwickelt sich kaum etwas. Nur kommt der Sohn noch weniger zurande mit den unbehausten Beziehungen, in die er sich stürzt.

In diesem Roman scheint sich die Angst aus Spitzelsozialismus und aus dem triefenden Grau, das über Stadt und Land liegt, zu nähren. Auf dieselbe Zeit blickt immer wieder auch Bartis’ ungarischer Autorenkollege Peter Nadas zurück, zuletzt in seiner raumgreifenden Biografie «Aufleuchtende Details» (siehe WOZ Nr. 4/2018). Wie «Das Ende» spielt sie hauptsächlich in Budapest, durchstreift den Terror Stalins und den «Gulaschkommunismus». Rassismus, Homophobie, Antisemitismus aus der Perspektive von Nadas’ jüdischer Familienhistorie sind ständige Begleiter. Nimmt man noch den erschütternd poetischen Roman «Die Mittellosen» von Szilard Borbely dazu, das Porträt des brutalen Dorflebens in den siebziger Jahren, kann man die Wurzeln der zynischen Politik, die heute in Ungarn mit verfassunggebender Mehrheit aus dem Nationalparlament betrieben wird, gut überblicken: der Oligarchensozialismus als bittere Vereinzelungsmaschine, die den rabiaten Kapitalismus hervorragend vorbereitete; Nationalismus und Rassismus als Vergemeinschaftungsformen.

Neben Nadas’ komplexer, mäandernder Sprache und der fast autistisch-bitteren Poesie von Borbely wirkt Bartis’ Erzähler, als bediene sich da jemand beim kahlen, aber auch lakonischen Schwarzweissgrau der Fotografie. Darunter aber drückt, drängt, brodelt die Angst des Andras Szabad, sie zieht ihre Fäden durch den Roman, verwandelt sich in Scham und Scheu, platzt aus ihm heraus, entlädt und beruhigt sich fast nur noch im Beischlaf. Die Episoden sind schlicht und knapp, ohne literarische Metaphern, einzelne Motive kreisen darin wie dunkle Vögel. In vielen Dialogen verbeisst sich Szabad in die Kleinigkeiten, die einem die Laune verderben können. Eine seiner wenigen Gewissheiten wird, dass, wer schon alleine ist, nicht mehr verlassen werden kann.

Und natürlich hat da das Fotografieren eine eigene, frappierende Logik: Das distanzierte Betrachten funktioniert als Selbstgespräch, ähnlich dem Schreiben oder Klavierspielen. Als Szabad Eva trifft, verändert sich vieles. Allein, vielleicht schleppen da zwei schon zu viel Gepäck mit sich herum, jedenfalls behaupten sie bereits am Anfang der Liaison, dass sie nicht miteinander leben können – ohne die Behauptung noch einmal zu überprüfen. Durch diese Lücke kehrt bald die Angst zurück, das Gift sickert in die Beziehung: Szabad sieht in der Pianistin Eva bald nur noch eine, die Geheimnisse hütet, sich nie offenbart. An ihm nagt Eifersucht.

Das «zugige Alleinsein»

Als sie ihn verlässt, verändert sich der Roman, taucht plötzlich auf aus brodelnden Tiefen: Das Fegefeuer des Liebeskummers macht den Erzähler der Welt gegenüber gleichgültiger. Es ist, als wären da nun nur noch wenige Bilder in der Kiste, die Welt ringsum scheint ihn kaum zu interessieren. Kadars Tod, das Ende des Ostblocks, Ausstellungen: Die Episoden werden dünner, mit Eva ging auch die Intensität. Wir ahnen da schon einen dieser erschütternden Sätze voraus, den Szabad formuliert, nachdem er schliesslich doch noch einmal mit einer Frau zusammenkommt: ein fades Vergnügen, eigentlich der Abschluss aller Mühen, denn «je näher uns ein wildfremder Körper ist, umso mehr spüren wir, dass dieses zugige Alleinsein unser Leben ist».

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