Nr. 18/2018 vom 03.05.2018

Kein Haus, um darin gross zu werden

Vom Erzählen erzählen: Yael Inokais zweiter Roman, «Mahlstrom», nimmt einen Selbstmord zum Anlass, um darüber nachzudenken, wer sprechen darf und wessen Geschichte wem gehört.

Von Nadia Brügger

«Mahlstrom» ist die Geschichte von einem verkehrten Dorf. Genauer: von einem Dorf, in dem Frauen wie Tiere ertrinken, Kinderkörper pflanzenartigen Gewächsen gleichen und Häuser ins Stolpern geraten. Nach der Selbsttötung von Barbara sucht eine Dorfgemeinschaft ihre Sprache neu und findet sie vorerst im Flüstern wieder. Barbaras Suizid ist das Erzählmotiv in Yael Inokais neuem Roman; Barbaras Geschichte erfahren wir aber nur bruchstückhaft und vor allem: über andere.

Weibliche Leidensgeschichten

Erzählt werden mindestens zwei Missbrauchsgeschichten: Yann wird elf Jahre vor Barbaras Suizid auf einem nächtlichen Schneefeld beinahe zu Tode geschlagen, und zwar von dem Kinderbund, zu dem auch Barbara und ihr Bruder Adam gehören. Diesem steht seine fragile Männlichkeit im Weg: Er schlägt auf Yann ein, weil der bei ihm homoerotische Gefühle auslöst, denen er nicht nachgeben kann. Nach ihrem Tod wird Barbara zwar nicht totgeschwiegen – wie zunächst Yanns Misshandlung, die erst Jahre später zum Thema wird –, droht aber hinter der Nachzeichnung von Yanns Leben im Dorf zu verschwinden. Die beiden Erzählstränge um die Geschichte von Barbara beziehungsweise Yann ringen miteinander und überschreiben sich gegenseitig.

Inokais zweiter Roman setzt ein Nachdenken über Perspektiven in Gang: Dabei geben Barbaras Freundin Nora, ihr Bruder Adam sowie Yann abwechselnd Einblick in die dörfliche Kindheit, die als eine von Gewalt durchzogene erkennbar wird. Weder Barbara noch Yann vermögen sich in die von den DorfbewohnerInnen erzählte Welt einzufügen, sie sind Unzugehörige: Barbaras Körper ist «unmöglich», in ihrem «Gedankenkarussell» sind jedes Wort und jeder Blick bedeutsam; Yann redet um sein Leben und erfindet eine neue Sprache, «Yannisch», die bei allen ausser Barbara, die sie auch spricht, auf Verachtung stösst.

Inokais AussenseiterInnen wird auf der Textebene verwehrt, was die Basler Autorin kürzlich als unabdingbar für die eigene Schreibarbeit benannte: Die Lebensgeschichten von Barbara und Yann kennen keinen Rahmen, innerhalb dessen sie gedeihen könnten; sie kriegen «kein Haus, um darin gross zu werden».

Man könnte den Schluss ziehen wollen, Barbara hätte sich aus Schuldgefühlen Yann gegenüber umgebracht: Ihrer feinfühligen Figur wäre es am ehesten zuzutrauen, an der vergangenen Gewalttat zugrunde zu gehen. Nur griffe das zu kurz – an Barbara lässt sich die Komplexität des TäterInnen- und Opferbegriffs zeigen und die Möglichkeit, beides zu sein. Barbaras Tod ist ein doppelter. Nicht nur sie selbst, auch die anderen haben zu ihrer Auslöschung beigetragen: So fehlt zum Beispiel Barbaras Name bei den Häusern mit den steilen Terrassen, an deren Konstruktion sie als Architektin massgeblich beteiligt ist. Dies steht als Symbol für die Auslöschung weiblicher Urheberinnenschaft. Und Barbara ist nicht die einzige Frauenfigur in «Mahlstrom», die vom Verschwinden bedroht ist: Annemarie wird kurzerhand übersehen, Astrid wird weggedrängt und hinterlässt ein «Loch in der Landschaft». Inokai bannt die Gefahr, weibliche Lebensgeschichten zu überschreiben, indem sie sie mit klarer Sprache ausstellt. So lässt sie Barbara in ihrem Abschiedsbrief die Worte schreiben: «Ich denke, es wäre mehr möglich gewesen.» Das kann nur sagen, wer weiss, dass Todesarten auch Ermordungsarten sein können.

Ertrinken wie ein Tier

«Tiere ertranken so», heisst es über Barbaras Todesart. Die Verbindung von Menschen zu ihren HündInnen durchzieht den ganzen Roman: Yann wird von Nora unter dem Vorwand, sie wüsste, wie dem kranken Hund Levin zu helfen sei, aufs unheilvolle Schneefeld geführt, wo bereits die anderen Kinder warten. Levin wird stellvertretend für die Gewalttat der Kinder erschossen, Yann bedauert, «dass es nicht Adam war, der wenig später begraben im Garten lag und ganz bestimmt nicht wiederkommen würde».

Hunde sind keine blossen Vermittlerfiguren zwischen entfremdeten Menschen. Inokai geht es vielmehr darum, Tiere als alternative Ausformungen von Sprache und Körperlichkeit zu denken und in ihrer Andersartigkeit ernst zu nehmen.

Über einzelnen Textpassagen ist es dort, wo sonst die Namen der ErzählerInnen Nora, Yann und Adam stehen, auffallend leer: Wer hier wohl spricht? Inokai ist ein Glanzstück der Perspektive gelungen.

Veranstaltungen mit der Autorin in Solothurn am Fr, 11. Mai 2018, um 11 Uhr, Sa, 12. Mai 2018, um 11 Uhr und am So, 13. Mai 2018, um 14 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch