Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

Verlorene Chancen

Mehr als ein nostalgischer Rückblick: Der brasilianische Autor Daniel Galera erinnert in seinem neuen Roman «So enden wir» an die Aufbruchstimmung der neunziger Jahre, als alles möglich schien.

Von Martina Farmbauer, Rio de Janeiro

Schriftsteller Daniel Galera: «Mein Buch kommentiert den aktuelle­n Zustand der brasi­lianischen Realitä­t.» Foto: Luiz Maximiliano, Laif

Porto Alegre, das 2001 das erste Weltsozialforum beherbergte, war, aus dem fernen Europa betrachtet, ein Symbol für neue Tendenzen in Brasilien und Lateinamerika. Die Region hatte die Diktaturen überwunden, die Wirtschaft boomte, Kultur und Literatur emanzipierten sich, das Selbstbewusstsein wuchs. In «Meia-noite e vinte» (2016), dem Roman Daniel Galeras, der soeben unter dem Titel «So enden wir» auf Deutsch erschienen ist, ist Porto Alegre 2014 gelähmt von der Hitze und dem Streik der BusfahrerInnen. Ein Autor wird erschossen, drei FreundInnen erinnern sich zurück.

Galera, der in eine aus dem Süden stammende Familie in São Paulo geboren wurde, verbrachte in Porto Alegre einen Teil seiner Jugend, gründete dort einen Verlag und lebt auch dort. «Das Buch ist eng an diese Stadt gebunden», sagt der 38-jährige Autor bei einem Treffen in Rio de Janeiro. Er ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Brasiliens, ein Star der jungen Literatur des Landes, und wird mit Grössen wie Jorge Amado und Chico Buarque verglichen.

Voller Gewalt und Zärtlichkeit

International bekannt wurde Galera mit «Barba ensopada de sangue» (2012) – unter dem Titel «Flut» von Nicolai von Schweder-Schreiner exzellent ins Deutsche übersetzt. Darin schickt er seinen Protagonisten auf die Suche nach etwas aus seiner Vergangenheit, um seine eigene Identität zu vervollständigen. Der Vater macht Andeutungen und nimmt sich das Leben; der Grossvater – so hat man es erzählt – ist verschwunden, der Erzähler begibt sich mit den neuen Informationen auf seine Spur.

Wie in «Flut», intensiv geschrieben, voller Gewalt und Zärtlichkeit, geht es auch in «So enden wir» um das Erinnern: In «Flut» dient das Erinnern zur Konstruktion der Identität, die Erinnerung wird als eine Fiktion verstanden. In «So enden wir» hat sie die Funktion eines, so Galera, «nostalgischen Rückblicks»: «Meine Generation nähert sich den Vierzigern und erinnert sich an die Jahrtausendwende. Diese sehnsuchtsvolle Vergangenheit, in der wir wichtige Dinge intensiv gelebt haben.»

«So enden wir» sei nicht autobiografisch, so der Autor, auch wenn es Parallelen zwischen dem Buch und seiner Biografie gibt: Die Protagonistin Aurora kehrt – wie Galera nach dem Aufenthalt im Küstenort Garopaba – nach Porto Alegre zurück, der getötete Freund Andrei war Schriftsteller, «eines der vielversprechendsten Talente zeitgenössischer brasilianischer Literatur». Während des Studiums schrieben die beiden für ein digitales Fanzine – auch Galera hatte in den Neunzigern mit FreundInnen ein Literaturportal gegründet.

Doch «So enden wir» ist weit mehr als eine historisch-persönliche Chronik. Die Nostalgie gilt vergangenen Zeiten und verlorenen Chancen. «Im Brasilien der neunziger Jahre hatte man eine gewisse finanzielle Sicherheit», sagt Galera. «Die Jugend träumte von allen möglichen Lebensprojekten.» Er selber verwirklichte diesen Traum mit der Realisierung seines Literaturportals. Im postolympischen Rio, im Brasilien nach der Fussball-WM ist wenig von dieser Stimmung übrig. Mit den Angriffen auf das World Trade Center 2001 sei dieses Träumen weltweit zu Ende gegangen.

«Rotznasen auf dem Pausenhof»

«Das Buch zieht einen historischen Vergleich und untersucht die Nostalgie meiner Generation. Das Durcheinander von Gefühlen, den fehlenden Glauben an die Zukunft», sagt Galera, in Bezug auf die politische und wirtschaftliche Krise in Brasilien, auf die weltweite Entwicklung. «So enden wir» fängt damit an, dass Aurora eine Existenzkrise erleidet, weil einer ihrer Freunde, der Autor Andrei, ermordet worden ist. Getötet bei einem Überfall, bei dem es darum ging, sein Handy zu klauen. Von Rio de Janeiro kennt man das eher. Für Porto Alegre hat es quasi apokalyptischen Charakter. Aurora, die fast zwei Jahre nicht in Porto Alegre gewesen war, wundert sich, «was (…) mit der Stadt passiert war. (…) In meiner Hilflosigkeit kam mir wahrscheinlich der Gedanke, dass die Zeit, in der wir lebten, der Auftakt zu einer langsamen, irreversiblen Katastrophe war.»

Der Untergang der Welt schwingt durch die Seiten, der Niedergang des öffentlichen und sozialen Lebens klingt zwischen den Zeilen durch. Daniel Galera sagt: «Als ich ‹Flut› geschrieben habe, war ich auf das Leben in der kleinen Stadt Garopaba fokussiert. Wieder zurück in Porto Alegre, haben sich all diese neuen Probleme Brasiliens bemerkbar gemacht.» So hätten ihn während der drei Jahre, in denen er «So enden wir» schrieb, politische und globale Ereignisse mehr betroffen denn je zuvor, Themen wie der Klimawandel hätten ihn beschäftigt.

Ist «So enden wir» ein politisches Buch? Darin heisst es: «die apathische Literaturszene Brasiliens (…), ein Pausenhof, auf dem (…) verhätschelte Rotznasen sich gegenseitig ihren entpolitisierten Narzissmus vorwarfen». Daniel Galera lässt das für sich nicht gelten. «Mein Buch kommentiert den aktuellen Zustand, weist subtil auf Krisen und Probleme hin, die mit der brasilianischen Realität verbunden sind», sagt er bestimmt. «Ich glaube nicht, dass das ein politisches Buch ist. Es ist eines meiner politischsten Bücher.»

Daniel Galera liest am Donnerstag, 17. Mai 2018, um 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich.

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