Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

Alles für 4.50 Franken

Nach der SDA die Publicitas: Tamedia weidet das nächste verlegerische «Gemeinschaftswerk» aus.

Von Hansi Voigt

Die einzige Konstante im permanenten Schweizer Medienwandel ist und bleibt die Zahl 4.50. Auf diesen Betrag beläuft sich die Dividendenauszahlung pro Tamedia-Aktie. Seit Jahren.

Auch dieses Jahr fliessen 48 Millionen Franken aus der Firma ab. Das bedingungslose Grundeinkommen der Coninx-Familie und der übrigen Tamedia-AktionärInnen beläuft sich damit seit 2007 auf rund 450 Millionen Franken. Damit kann man planen. Das kann man auch mal feiern.

«Für Lacher ist gesorgt», kann Familienoberhaupt Pietro Supino die Festlichkeiten zum 125-Jahr-Jubiläum von Tamedia ankündigen, das diese Woche gefeiert wird. Grosse Teile der journalistischen Belegschaft haben angekündigt, sie würden angesichts des erwarteten nächsten Sparmassakers fernbleiben. Viele wollen lieber an einer Gegenveranstaltung in Bern «Supinerli» verdrücken. Das ist letztlich gut für die Konstante von 4.50. Nur «natürliche» Fluktuation ist noch billiger als Entlassungen.

Trauerspiel um SDA

Die Umsätze der Zeitungstitel bei Tamedia sinken. Ein zukunftsfähiges publizistisches Businessmodell hat man nicht, und an Quersubventionierung glaubt man nicht. Doch der von anderen Verlegern immer unverhohlener geäusserte Ruf nach staatlicher Unterstützung ist bei Tamedia tabu. Logisch: Subventionsbetrieb und jährliche Ausschüttungen von fünfzig Millionen sind nicht vereinbar. Tamedia hat ein anderes Unterstützungsmodell entwickelt – eines auf Kosten der anderen Verlagshäuser.

Deutlich wird das beim Trauerspiel um die Nachrichtenagentur SDA. Im Geschäftsbericht schreibt Noch-VR-Präsident Hans Heinrich Coninx: «Wir sind die Schweizer Nachrichtenagentur, die nur dann genau den sich ständig verändernden Bedürfnissen und Anforderungen ihrer Kunden gewachsen ist, wenn sie mit diesen jederzeit Schritt halten kann. Mit hochwertigem Content in Text, (Bewegt-)Bild und Ton aus einer Hand. Für unsere multimedialen Kunden wollen und müssen wir eine multimediale Dienstleistung erbringen.»

Videoclips als Agenturkundenbedürfnis? Die kleinen Redaktionen brauchen möglichst viele ausführliche SDA-Texte, damit sie für die eigene regionale Berichterstattung den Rücken frei haben. Die SRG als weitere SDA-Grosskundin und Minderheitsaktionärin hat selber genug Videos, und bezüglich der Medienlandschaft insgesamt steht die umfassende regionale Abdeckung im Vordergrund.

Mehr Videos braucht niemand ausser Tamedia. Wir erinnern uns: Die «Tagi»-Herausgeberin hat kürzlich die Bewegtbildvermarktung Goldbach Media übernommen.

Publicitas: «Erste am Abzug»

Das andere Beispiel, wie Tamedia ein verlegerisches «Gemeinschaftswerk» zu ihren Gunsten ausweidet, ist die Werbevermarkterin Publicitas. Die «P» galt lange, positiv, als «Bank der Verleger» und als Garantin für Medienvielfalt, negativ als kartellähnliche Organisation. Zeitungen konnten ihre Inserateplätze an Publicitas «verpachten». Die füllte die Werbeseiten und kassierte dafür bis zu vierzig Prozent des Umsatzes. Tempi passati. Die grossen Häuser vermarkten ihre Werbeplätze längst selber. Doch für die letzten unabhängigen Zeitungstitel spielte die «P» immer noch eine Rolle, bis letzte Woche.

Sehr öffentlich «kommunizierte» Tamedia das Ende von Publicitas herbei. Es bestünden Zahlungsrückstände. Der Verlag beende deshalb die Zusammenarbeit per sofort. Man solle doch Inserate direkt bei Tamedia buchen. Ringier, AZ Medien und NZZ folgten einen Tag darauf. «Tamedia war die Erste, die den Abzug betätigte, dann feuerte das ganze Exekutionskommando im Minutentakt», fasst der Medienexperte Karl Lüönd in der «Medienwoche» unter dem Titel «Die öffentliche Hinrichtung der Publicitas» zusammen.

Für die letzten unabhängigen VerlegerInnen ist das ein herber Schlag: «Wahrscheinlich ist, dass einige einen P-Totalausfall nicht verkraften werden», schätzt Markus Knöpfli im Medienportal «Horizont».

Keine drei Tage nach der sofortigen Einstellung der Zusammenarbeit gaben Tamedia, NZZ, AZ Medien und der von Tamedia dominierte Verband Schweizer Medien (VSM) bekannt, selber eine Gesellschaft für die Abwicklung von Inseratekampagnen gründen zu wollen.

Kleine Zeitungen können sich bald direkt bei Tamedia oder bei ihrem VSM melden und nach den Bedingungen fragen. Publicitas hat inzwischen Nachlassstundung beantragt, und Tamedia hat einen weiteren Grund zu feiern.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete beim Onlineportal 20min.ch und gründete «Watson» mit.

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