Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

Hexensatire auf Sambisch

Von Caroline Baur

Wir fahren durch eine dürre Landschaft. Der «Winter» aus Vivaldis «Vier Jahreszeiten» dröhnt als Ouvertüre, bricht abrupt ab, der Bus steht still. Wir könnten in Ghana oder in Kenia sein, nie taucht im Film eine Flagge oder ein Ortsname auf. Nur wer die sambische Sprache spricht, wird wissen, wo diese Geschichte spielt.

Jetzt steigen wir aus und blicken mit den weissen und schwarzen Touristinnen durch eine eiserne Absperrung. Dahinter sitzen Dutzende alte Frauen im Staub. Sie stöhnen, brabbeln Flüche vor sich her, haben tiefe Runzeln und schwarze oder keine Zähne. Um sie herum wirbeln weisse Bänder im Wind, an einem Ende befestigt an den Rücken der Hexen, am andern aufgewickelt auf überdimensionalen Holzspulen. «Damit sie nicht davonfliegen»: Wären sie nicht befestigt, würden sie nach Europa fliegen und auch dort morden und Unheil verbreiten.

Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Shula (Maggie Mulubwa) aus armen Verhältnissen. Die Waise spricht nicht und wird von der Dorfgemeinschaft der Hexerei bezichtigt. Ihre Augen sind immerzu weit aufgerissen – ohnmächtige Beute für eine Gemeinschaft im Wahn. Der kleine Körper bleibt trotzdem ruhig, sie streitet nicht ab, die Brunnen vergiftet oder den Arm des Mannes abgehackt zu haben. Die Offizierin fragt den Zeugen auch nicht, warum denn dann wieder beide Arme heil gestikulieren. Eifrig freut sich auch der Regierungsabgeordnete und gliedert die Überführte sofort ins Hexenarbeitslager ein. Wie jede Staatssklavin darf Shula eine Nacht lang darüber nachdenken, ob sie Hexe sein will oder doch lieber Ziege, in die sie sich verwandeln würde, sobald sie das Band durchschneidet.

«I Am Not a Witch» ist eine poetische Satire, ein Drama und eine Liebeserklärung an das Herkunftsland der jungen Regisseurin Rungano Nyoni. Ihr Humor bewegt sich nie auf ein europäisches Publikum zu. Die fiktiven Elemente entlarven auf magische Weise reale Verhältnisse eines patriarchalen Glaubenssystems, das in politische Machenschaften verstrickt ist.

Jetzt im Kino.

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