Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?

Ein Film und viele Fragen: «Pre-Crime» fokussiert auf Technikkritik. Doch was wäre, wenn der wirkliche Skandal der mathematischen Berechnung künftiger TäterInnen nicht in den Algorithmen stecken würde, sondern in unser aller Vorurteilen?

Von Monika Dommann

Alles erfasst: Neuste Apps liefern Daten zu sozial beeinflussten Kriterien wie Vorstrafen oder Kriminalitätsraten. Stills: Rise and Shine Cinema

Der Sonnenuntergang lässt den Lake Michigan im Abendrot erleuchten. Doch düstere Wolken brauen sich derweil über Chicago zusammen. Die Kamera nähert sich der Millionenstadt und nimmt bald jene Position ein, die den Film während der folgenden 88 Minuten beherrschen wird. Die Perspektive eines technisch aufgerüsteten und alles erfassenden Blicks und der allwissenden Instanz, vor der es selbst in der düsteren Nacht kein Entrinnen gibt.

Weit entfernt von kreisenden Helikoptern und den vielen Überwachungskameras in Chicago hat sich Regisseur Matthias Heeder an einer einsamen Küste in die Natur zurückgezogen. Von der digitalen Welt abgewandt und bloss mit seinem Reportermantel und Stift und Papier ausgerüstet, führt er die ZuschauerInnen auf seinem Zeichenblock in die ungemütliche Welt des «Predictive Policing» ein.

Ein Subjekt auf der Liste

Heeder und Monika Hielscher haben für ihren Film «Pre-Crime», der vom WDR und von Arte in Kooperation mit Amnesty International produziert wurde, mit potenziellen Opfern und Tätern, PolizistInnen, Sozialarbeitern, Journalisten, Menschenrechts- und Netzaktivistinnen und Natur- und Sozialwissenschaftlern in den USA, in Frankreich, Britannien und Deutschland gesprochen. «Pre-Crime» handelt vom Einsatz von Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Algorithmen in der Strafverfolgung und vom Versprechen, Straftaten vor der Tat zu prognostizieren. ProgrammiererInnen und PolizistInnen preisen solche Softwareapplikationen (wie «PredPol», die «Gangs Matrix»-Datenbank aus London oder «Dyrias», das auch in der Schweiz von der Polizei verwendete «Dynamische Risiko-Analyse-System») als Gewaltpräventionsprogramm, mittels dessen künftige TäterInnen und Opfer frühzeitig aus der Masse herausgefiltert werden könnten, bevor ein Verbrechen überhaupt erst stattfindet. Pre-Crime eben.

Das Chicago Police Department hat bereitwillig mit dem Filmteam kooperiert. Man ist stolz auf die modernsten Gadgets der Verbrecherjagd mittels algorithmisch gestützter Prognosen. Man erklärt ohne Scheu die Produkte jener Firmen, die auf dem boomenden Markt für Sicherheitstechnologien das Geschäft mit der Angst betreiben.

Was es für das Leben der potenziell verdächtigen Opfer oder Täterinnen bedeutet, auf der Strategic Subject List (SSL) des Chicago Police Department zu landen, zeigt eindrücklich das Porträt von Robert McDaniel, einem Bewohner von Austin, einem Viertel in der überwiegend schwarzen West Side von Chicago. McDaniel trägt eine rote «Pelle Pelle»-Lederjacke mit Detroit-Street-Credibility und arbeitet als Angestellter des Eckladens Express for Less. Er kam als Schulabbrecher und Arbeitsloser auf die Liste des Chicago Police Department, weil er Marihuana rauchte, sich auf illegale Würfelspiele einliess und das Opfer eines tödlichen Gewaltdelikts näher kannte. Wer auf die Liste kommt und wie weit oben jemand auf einer Liste klassifiziert wird, hängt nicht zwingend von einem strafrechtlich relevanten Vorstrafenregister ab, sondern kann das Ergebnis zufälliger Korrelationen sein.

Gefahr der Vereinfachung

«Pre-Crime» ist ein Aufklärungsfilm, der im Genre der Dystopie eindringlich vor den Gefahren der Anwendung von Digitalisierung in der Polizeiarbeit warnt. Im Vorgehen von Monika Hielscher und Matthias Heeder liegt allerdings auch die Gefahr einer Vereinfachung, insofern als der Film die längst überfällige Kritik einer mit Algorithmen ausgerüsteten Polizeiarbeit im Modus der Technikkritik formuliert.

Denn was wäre, wenn der wirkliche Skandal von Pre-Crime nicht in den Algorithmen, sondern in unser aller Vorurteilen und Rassismen stecken würde? Und damit auch in den Vorstellungswelten jener WissenschaftlerInnen, die die Codes schreiben? Der ProgrammiererInnen, die die Profiling und Predicting Applications entwickeln, und der PolizistInnen, die diese Software anwenden? Was wäre, wenn wir die dystopischen Szenarien von Pre-Crime nicht einfach als Folge digitaler Technik kritisieren könnten, sondern als ein Ergebnis vernachlässigter Stadtteile und heruntergesparter Bildungssysteme bekämpfen müssten? Wäre es letztlich nicht noch viel unangenehmer, wenn wir uns eingestehen müssten, dass in diesen neuen Methoden die uralten und immer wieder aufs Neue geschürten Ängste vor den anderen stecken könnten? Etwa den Arbeitslosen, den Spielern, den Drogenkonsumentinnen, den Migranten, und insbesondere die Furcht vor dem schwarzen Mann?

Offene Fragen gibt es viele

Die ZuschauerInnen von «Pre-Crime» werden mit vielen Fragen in die Gegenwart entlassen. Und das ist gut so. Denn offene Fragen gibt es viele: Sind die Computerprogramme genauso rassistisch wie die Menschen, die sie entwickelt haben, und die Daten, auf denen die Algorithmen beruhen? Könnten grosse Datenbanken, die die Verarbeitungskapazitäten von Menschen übersteigen und an eine Maschine delegieren, die Verzerrungen durch soziale Stereotype verringern, wie die Digitalisierungs-EuphorikerInnen argumentieren? Könnten die Interpretationen der Datenanalysen mittels Maschinen allenfalls wertneutraler ausfallen als die Urteile von Menschen? Doch wie erklärt es sich dann, dass für bestimmte Verhaltensweisen prognostische Algorithmen entwickelt werden und für andere nicht?

Wir sollten uns vermehrt fragen, für welche gesellschaftlichen Konflikte sich ein Markt für Sicherheitstechniken und Vorhersageszenarien entwickelt hat und für welche eben nicht. Wir müssen uns nämlich vom Sozialarbeiter aus London in «Pre-Crime» die Frage gefallen lassen, warum bislang keine Software für Steuerhinterziehung auf dem Markt ist.

Ob man als kriminell klassifiziert, verfolgt und bestraft wird, hängt nicht bloss von der Anwendung von Algorithmen in der Polizeiarbeit ab, sondern von der sozialen, politischen und ökonomischen Position eines Individuums in der Gesellschaft. Eine als Technikkritik gegen unser aller neuen Bad Guy Silicon Valley formulierte Anklage allein wird die Ausschliessungsmechanismen in Gesellschaften nicht wirksam verändern können. Hierfür braucht es mehr kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Digitalisierung und eine beständige politische Diskussion über Diskriminierung und Rassismus. Auch bei uns.

Jetzt im Kino.

Spezialvorführung am Mittwoch, 23. Mai 2018, 18 Uhr, im Kino Odeon in Brugg, mit anschliessendem Filmgespräch mit Monika Dommann.