Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

Arbeitsunfälle: 151 Tote in zwei Jahren

Um die Arbeitssicherheit beim weltgrössten Zementhersteller Lafarge-Holcim ist es schlecht bestellt. Am Dienstag protestierten GewerkschafterInnen an der Generalversammlung des Konzerns in Dübendorf.

Von Andreas Fagetti

Internationaler Protest gegen den französisch-schweizerischen Multi bei der Generalversammlun­g in Dübendorf am 8. Mai. Foto: Gewerkschaftsföderation Industriall Global Union

Bereits Anfang März berichtete die WOZ über tödliche Arbeitsunfälle im indischen Distrikt Chandrapur (siehe WOZ Nr. 9/2018). Betroffen sind vor allem LeiharbeiterInnen von Subunternehmen in den Ländern des Südens, neben Indien etwa auch Indonesien. Zu tödlichen Arbeitsunfällen kommt es aber selbst in Europa, so im vergangenen Jahr in Belgien. Um den skandalösen Arbeitsbedingungen etwas entgegenzusetzen, handelte die Gewerkschaftsföderation Industriall Global Union mit Lafarge-Holcim mit Sitz in Rapperswil-Jona im vergangenen Jahr ein globales Rahmenabkommen zum Schutz der ArbeiterInnen aus.

Doch dann kam der neue CEO Jan Jenisch (vom Sika-Konzern). Der als gewerkschaftsfeindlich bekannte Jenisch verweigerte Anfang 2018 die Unterschrift unter das Abkommen – und dies, obwohl die Konzernführung an der letzten Generalversammlung ihr Wort gegeben hatte, ein solches Rahmenabkommen zu unterzeichnen. GewerkschafterInnen aus allen Kontinenten demonstrierten am Dienstag in Dübendorf an der diesjährigen Generalversammlung für einen besseren Schutz. Ausserdem klärten sie die Aktionärinnen und Aktionäre über die herrschenden Missstände auf. Die Beschäftigten von Lafarge-Holcim und ihre Gewerkschaften verlangen von der Konzernspitze eine «substanzielle Verbesserung der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes für sämtliche Beschäftigten an allen Standorten der Welt, so wie es das von der Konzernspitze nicht unterzeichnete globale Rahmenabkommen vorsieht». Rolf Beyeler, Koordinator des Eurobetriebsrats Lafarge-Holcim, sagte gegenüber der WOZ: «Der Protest verlief ruhig, nach der Generalversammlung haben sich Aktionäre für unsere Informationen bedankt.»

Neue Opfer

Derweil geht das Sterben weiter. Die gefährlichen Arbeitsbedingungen forderten allein im neuen Jahr bereits 10 Todesopfer. 2016 waren es 86, im Jahr danach 65. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. In dieser Statistik tauchen die zahlreichen gravierend Verletzten nicht auf.

Der Konzern teilt allerdings tiefere Zahlen mit: Gemäss seiner Statistik kamen 2016 bei der Arbeit 47 zu Tode, ein Jahr später 31. Pressesprecher Eike Christian Meuter meint gegenüber der WOZ: «Diese Todesfälle sind inakzeptabel, wir werden alles daran setzen, unseren Mitarbeitenden einen sicheren, gesunden und ethischen Arbeitsplatz anzubieten. Denn sie sind es, die Mehrwert für unsere Anspruchsgruppen – darunter auch unsere Aktionäre – schaffen.» Gesundheit und Sicherheit seien «zentrale Werte für Lafarge-Holcim». Bis 2030 beabsichtige der Konzern, die Zahl der Todesfälle auf null zu senken. Dabei arbeite man in «voller Übereinstimmung mit den internationalen Arbeitsnormen und den Verordnungen über Menschen- und Sozialrechte».

Doch Papier nimmt bekanntlich alles an, Tote sind real. Das nicht gerade neue Argument, weshalb der Konzern das Rahmenabkommen nicht unterzeichnet hat und global agierende Gewerkschaften nicht mit im Boot haben möchte, lautet wie folgt: «Wir haben die Notwendigkeit für ein globales Rahmenabkommen im letzten Jahr eingehend geprüft. Die Baustoffindustrie ist ein fast vollständig lokales Geschäft mit lokaler Produktion und lokalem Vertrieb. Wir sind der Meinung, dass unser Ansatz dieser Besonderheit unseres Geschäfts am besten entspricht.»

Jenisch muss liefern

Eine seltsame Begründung für einen global geführten Konzern. Während er die Geschäfte global koordiniert, sollen sich die Gewerkschaften lokal und somit isoliert mit dem Konzern auseinandersetzen. Diese sind mit der Darstellung des Konzerns denn auch nicht einverstanden. Gewerkschafter Rolf Beyeler sagt dazu: «Diese Begründung hören wir seit Jahren. Das ist natürlich kein Zufall.» Er wiederholt, was er der WOZ bereits im März gesagt hatte: Jan Jenisch sei ein Manager schweizerischer Prägung. Und in der Schweiz sei man schlicht nicht gewohnt, auf die Belegschaft hören zu müssen. Dass es auch anders geht, sehe man beim zweitgrössten globalen Unternehmen im Baustoff- und Zementbusiness, dem deutschen Konzern Heidelberg Cement. Dort sitzen die Gewerkschaften mit im Boot. Und die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle sei dort deutlich tiefer.

Natürlich geht es dem Konzern nicht zuvorderst um Arbeitssicherheit und Arbeitnehmerschutz. Die kleinen, namenlosen LeiharbeiterInnen sind weit weg. Gegenwärtig zählt vor allem die Vermehrung des Unternehmenswerts. Die Aufgabe von CEO Jan Jenisch besteht darin, den Aktienkurs des 2014 fusionierten Konzerns mit über 100 000 MitarbeiterInnen in neunzig Ländern nach oben zu bringen. Das bedeutet unter anderem: Kosten senken. Grossaktionär Thomas Schmidheiny hat laut «Bilanz» das Ziel ausgegeben: eine Verdopplung des Aktienkurses. Den Finanzchef hat Jenisch schon mal ausgetauscht. Der wird, anders als rechtlose LeiharbeiterInnen, daran nicht zugrunde gehen.

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