Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

Gefängnisse abschaffen?

«Einzelhaft: Ich werde keine Ruhe geben», WOZ Nr. 17/2018

Häftlinge müssten unter Tierschutzbestimmungen gestellt werden, wird in einer Petition gefordert. Die Forderung kommt gerade zu der Zeit, in der Bundesrätin Simonetta Sommaruga das Strafrecht verschärfen will. Statt nur mit Bussen sollen viele Delinquenten jetzt mit Knast bestraft werden. Gefängnisaufenthalte sollen auch verlängert werden. Bei dieser Verschärfung des Strafrechts ist nicht von primitiver Rache und mittelalterlichen Vergeltungsjustiz die Rede, «wie du mir, so ich dir», auch nicht vom Schutz der Reichen vor den armen Teufeln, die durch Diebstahl auch «reich» werden wollen.

Sind Gefängnisse so sinnvolle Einrichtungen wie Spitäler? Gefängnisse als Institutionen, die zur Zivilisation gehören? Gibt es wirklich keine Alternative? Wie es heisst, verfolgt das Einsperren zwei Ziele: Auf der einen Seite soll die Gesellschaft vor Wiederholungstätern geschützt werden und auf der anderen sollen Häftlinge zu Menschen erzogen werden, welche die Rechtsnormen achten und nach Verbüssung ihrer Strafe wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Kinder sperrt man zwar nicht mehr in den Wandschrank oder in den Keller, wenn sie die Suppe nicht essen wollen. Delinquenten hingegen schliesst man immer noch ein, um sie auf den rechten Weg zu bringen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist diese Gefängnistherapie kontraproduktiv, schadet.

In Gefängnissen soll die Selbstmordrate vier- bis zehnmal höher liegen als in Freiheit, die Nebenwirkungen von Haft sind oft depressive Verstimmungen und Haftpsychosen mit Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Bedrohungs- und Verfolgungsgefühle, schwere Ängste, Verwirrtheit und auch Suizidgedanken, wie der Psychologe Volkart in einer Studie herausfand – in den achtziger Jahren, wie die WOZ schreibt. Nicht verwunderlich sind diese Störungen, wenn man in der Untersuchungshaft oft 23 Stunden pro Tag in eine Zelle eingesperrt wird, manchmal oft allein während Monaten.

Heinrich Frei, Zürich

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