Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

«Menschen sind Sinnwesen, Bedeutungstiere, sie haben ein Bedürfnis, sich selbst zu verstehen, nicht nur aus der Vergangenheit heraus, sondern im Hier und Jetzt und im sozialen Zusammenhang»

Von der «reflexiven Moderne» über die «Angstgesellschaft» bis zum «erschöpften» Selbst: Zeitdiagnosen boomen. Sie sind populäre Versuche, die gegenwärtigen Verhältnisse auf einen Begriff zu bringen. Kann das funktionieren?

Von Andrea Roedig (Text) und Serafine Frey (Illustrationen)

Müdigkeitsgesellschaft, Wissensgesellschaft, Informationsgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Abstiegsgesellschaft, Risikogesellschaft, McDonald’s-Gesellschaft, Multioptionsgesellschaft, vollmobile Singlegesellschaft.

Die Gegenwart ist voll von Zeitdiagnosen. Mehr oder weniger deutlich sind all die Labels, die diverse InterpretInnen dem 20.  und 21. Jahrhundert verpassen – Globalisierung, Digitalisierung, Individualisierung, Hybridisierung –, zeitdiagnostisch inspiriert: Wir wollen verstehen, was vor sich geht, indem wir die Gegenwart in ihren wesentlichen Zügen auf den Begriff bringen. Zeitdiagnosen sind Reflexionsinstrumente, sie sind der Versuch einer Selbstverständigung über den Zustand der Gesellschaft, sie sind Ausdruck eines tiefen kollektiven, aber auch individuellen Bedürfnisses. Denn schliesslich sind wir alle, frei nach Hegel, immer nur «Söhne unserer Zeit» – wir stehen nie ausserhalb. Wie aber funktioniert Zeitdiagnostik, und was kann sie ausrichten in ihrem doch sehr heiklen Wunsch, in der Zeit etwas über die Zeit auszusagen?

In gewisser Hinsicht scheint die vor rund 150 Jahren aus der Taufe gehobene Soziologie aus nichts anderem zu bestehen als einer Analyse der eigenen Zeit. Bereits die Klassiker Max Weber, Émile Durkheim, Georg Simmel und Karl Mannheim denken über die Gesellschaft als Gegenwartsphänomen nach. Wer sind wir als Gesellschaft? Wie lassen sich deren Strukturen beschreiben? Gibt es gar eine Logik ihrer Entwicklung, wie dies Norbert Elias mit dem «Prozess der Zivilisation» annahm, Max Weber mit der «Entzauberung der Welt» durch Rationalisierung, Niklas Luhmann mit der Ausdifferenzierung der Systeme oder viel stärker noch Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, als sie von der «Dialektik der Aufklärung» sprachen?

Man könnte, wenn auch nicht ganz trennscharf, Gesellschaftstheorie von der Zeitdiagnose unterscheiden. Letztere wirkt leichtfüssiger und flüchtiger, weil sie nicht auf die träge Struktur gesellschaftlicher Formen, sondern auf deren Wandel zielt. Alles ändert sich ja. Der Soziologe Uwe Krähnke vermutet, dass die Zeitdiagnosen erst richtig Aufwind bekamen, als die grossen soziologischen Gesellschaftstheorien erlahmten, der Boom habe in den achtziger Jahren eingesetzt. Im Gefolge vermehrten sich dann ab den neunziger Jahren auch die Generationen – also die Alterskohorten und Erfahrungsgemeinschaften – und ihre Labels in immer schnellerer Folge.

Generation X … Generation Golf … Generation Reform … die Millennials … Generation Praktikum … Generation Porno … Generation Y … Generation doof.

Soziologie mit beschränkter Haftung

Obwohl Zeitdiagnostik zum Kerngeschäft der Soziologie gehört, geniesst sie innerhalb der akademischen Zunft keinen besonders guten Ruf. Sie sei, so ist man sich einig, ein hybrides Gebilde mit bedenklich feuilletonistischer Schlagseite. Über ihre Zeitdiagnosen gewinnt die Soziologie zwar an Popularität, ja, eigentlich kann sie meist nur über starke Thesen zur Gegenwart und als «public sociology» das Interesse einer breiten Öffentlichkeit gewinnen. Aber genau deshalb bleibt sie auch wissenschaftlich ein Schmuddelkind oder, wie Hans-Peter Müller es in einem Aufsatz von 1997 formuliert: «Zeitdiagnostik ist und bleibt Soziologie mit beschränkter Haftung.»

So verschieden sie im Einzelnen sind, gemeinsam ist allen Zeitdiagnosen, dass sie wie unter «der Kraft eines Brennglases» (Jürgen Habermas) fokussieren, Beobachtungen bündeln und auf wenige Merkmale oder sogar nur einen wesentlichen Aspekt reduzieren. Man kann dabei recht intuitiv und beliebig vorgehen wie etwa der Philosoph Byung-Chul Han, der mal die Müdigkeit als wesentliches Zeitmerkmal hervorhebt, dann wieder die Transparenz. Man kann genauer und mit mehr empirischem Material arbeiten wie Gerhard Schulze in seiner Analyse der «Erlebnisgesellschaft» von 1992 oder Manuel Castells mit der dreibändigen Studie «Das Informationszeitalter». Oder man kann die eigene Untersuchung mit einem absoluten systematischen Anspruch versehen, wie Hartmut Rosa es tut, wenn er in der Temporalstruktur der «Beschleunigung» nicht bloss ein äusserliches Merkmal sieht, sondern die immanente Logik der Moderne, auf die im Grunde alle gegenwärtigen Phänomene des sozialen Wandels zurückzuführen seien. Rosa vertritt daher in eleganter Rhetorik die These, dass «adäquate sozialwissenschaftliche Zeitdiagnosen in der Tat Zeit-Diagnosen im Wortsinn sein sollten».

Woher wir nun aber wissen sollen, dass ausgerechnet dieses oder jenes Merkmal – Beschleunigung, Individualisierung, Globalisierung, McDonaldisierung – das relevante und absolut wesentliche sein soll, ist nicht leicht zu begründen. Ausgewählt wird ein Merkmal, weil es hervorsticht, weil es vermehrt auftritt und ein Muster zu ergeben scheint, als symptomatisch auffällt. Es geht schliesslich darum, die Zeichen der Zeit zu lesen.

Man müsse bei diesem Geschäft auch überzeichnen, schreibt der Politologe Herfried Münkler in seinem Buch «Kriegssplitter», denn ohne Überzeichnung könne man Veränderung nicht rechtzeitig wahrnehmen. Das Brennglas ist ja eine Lupe. Münkler reüssiert seit vielen Jahren mit der These, die Ära der grossen Staatenkriege sei vorbei, doch Krieg damit keinesfalls überwunden. In den «neuen Kriegen» habe er nur seine Formen und Akteure gewechselt, die «Grammatik des Krieges» habe sich grundlegend verändert.

Grammatik, Brennglas, Kriegssplitter: Ob eine Theorie plausibel ist oder nicht, ob sie wirksam wird oder nicht, liegt oft daran, ob die zugehörige Metapher gut gewählt ist – etwa «Gutenberg-Galaxis» oder «stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit» – und ob sie zur rechten Zeit kommt. Als im April 1986 der Kernreaktor Nr. 4 in Tschernobyl explodierte, hatte Ulrich Beck sein Buch «Risikogesellschaft» gerade geschrieben. Es erschien im September desselben Jahres und war mit der These über die Unberechenbarkeit der Technikfolgen das Buch der Stunde. Wenn sie Glück hat, wird die Zeitdiagnose nachträglich zur Prophetie.

Henne, Ei oder einfach Salat

Was heisst es nun aber, eine Zeit, seine Zeit, die Gegenwart zu verstehen? Und was kommt zuerst, das Verstehen oder die Empirie? «Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an.» Meinte Hegel. Schön wärs!

Jedes Erkennen ist verstrickt ins Henne-Ei-Problem oder, akademischer gesagt, in einen hermeneutischen Zirkel. Wer etwas finden will, muss wissen, was er sucht; wer erkennen will, was eine Gegenwart ausmacht, muss ungefähr schon eine Vorstellung davon haben, was der Fall ist und wohin die Reise gehen könnte; Idee und Beobachtung gehen eine nicht zu entwirrende Allianz ein. Das ist auch das Problem der Zeitdiagnosen. An ihrem Anfang steht vielleicht eine Irritation, eine Beobachtung über die Wirklichkeit, etwas, das nicht ins alte Bild passt beziehungsweise ein neues ergeben könnte. Einmal zur zeitdiagnostischen These geronnen, finden sich für das Behauptete dann auch die entsprechenden Bestätigungen in der Wirklichkeit: «Coffee to go», «Speed-Dating» und «Power-Naps» beweisen die Beschleunigung; Computerisierung und Digitalisierung die These von der «Netzwerkgesellschaft»; Warlords regieren an den Randzonen der geordneten Welt, Terrormilizen besetzen aus dem Nichts heraus Gebiete in Syrien und organisieren weltweit Attentate – da sind sie doch, die neuen «hybriden Kriege». Perfekt. Nur leider auch tautologisch. «Wenn jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es ebendort wieder sucht und auch findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen», schreibt Nietzsche verächtlich über die Prozesse der Wahrheitsfindung.

Trotzdem lässt es sich gar nicht anders als im hermeneutischen Zirkel, der im besten Fall eine Spirale ist, denken. Der Soziologe Jo Reichertz behauptet – in Anlehnung an eine Theorie von Charles Sanders Peirce –, Zeitdiagnosen seien «abduktiv»: «Die Abduktion ist gedankliches Schlussfolgern in einer bestimmten, auch logisch beschreibbaren Form, die etwas Überraschendes und somit Problematisches durch die Erfindung einer neuen Regel erklärt.» Klassischerweise verfahren Schlüsse entweder deduktiv, das heisst, sie leiten eine Folgerung aus logischen Prinzipien ab; oder sie sind induktiv, das heisst aus der Erfahrung abstrahiert und damit jederzeit falsifizierbar. «Abduktion» wäre eine dritte Erkenntnisweise, die zwischen Deduktion und Induktion angesiedelt ist.  Peirce selbst nannte die Abduktion einen «einzigartigen Salat (…), dessen wichtigste Ingredienzien in seiner Grundlosigkeit, seiner Allgegenwart und seiner Zuverlässigkeit bestehen».

Das Abduzieren ist sozusagen ein «informiertes Raten» und nicht ganz rational einzuholen. Natürlich finden sich zu jeder Zeitdiagnose auch die sie entkräftenden Gegenbeispiele. Trotzdem behält sie, wenn sie gut ist, für eine gewisse Weile als Modell ihr Recht und ihre Plausibilität. Irgendetwas an Zeitdiagnosen ist nämlich wahnsinnig aufregend: Sie haben einen Thrill und scheinen doch wirklich etwas zu erklären. Intuitiv erfassen sie, was vielleicht schon da, aber noch nicht sichtbar ist. Etwas, das aber sicher da sein wird, wenn die zugehörige Diagnose erfunden ist. Noch ein Zirkel. Zeitdiagnosen erfassen ihren Gegenstand divinatorisch.

Hegels ungezogene Töchter

Wirklich sicher weiss man natürlich erst im Nachhinein, was der Fall gewesen ist und ob eine Zeitdiagnose passte. Nicht nur für Hegel fliegt die erkenntnisbringende Eule der Minerva erst in der Dämmerung, sondern auch für weniger metaphysisch eingestellte Langfristdiagnostiker wie den Historiker Reinhart Koselleck: «Jede Geschichte (…) ist eine logificatio post festum», schreibt er. «Das aber setzt denknotwendig voraus, dass jede Geschichte in ihrem Vollzug selbst sinnlos ist. Die wirkliche Geschichte zeigt sich in ihrer Wahrheit erst, wenn sie vorbei ist.»

Warum beschäftigen wir uns eigentlich so sehr mit Zeitdiagnosen? Vielleicht – so lautet eine selbst zeitdiagnostische Vermutung – weil wir nicht mehr historisch denken. Das Genre der Geschichtsphilosophie jedenfalls, das mit Hegel erst richtig anfing und in ihm auch schon fast wieder zu Ende ging, ist kaum neu zu beleben. Hegel glaubte, Philosophie sei ihre «Zeit in Gedanken gefasst», was eben heisst, dass sie die Gegenwart in ihrem allgemeinen, Sinn generierenden Bewegungsgesetz versteht. Woher kommen wir, wohin gehen wir, und warum nimmt die Geschichte diese bestimmte Richtung? Ohne die Vorstellung eines Ziels, die sie aus der jüdisch-christlichen Heilsgeschichte entlehnt und zum Fortschrittsgedanken umformuliert, macht Geschichtsphilosophie wenig her.

Genau diese grosse Richtung der historischen Gesamterzählung ist aber nicht mehr glaubwürdig, weder nach hinten gesehen noch nach vorne. Spätestens gegen Ende des 20. Jahrhunderts verdunkelte sich der Fortschrittshimmel endgültig, es war sogar eine Zeit lang Mode, von «Posthistoire» zu reden. Francis Fukuyamas Bestseller «Das Ende der Geschichte» oder Jean-François Lyotards Diktum vom «Ende der grossen Erzählungen» gehört hierher.

«Wenn Geschichtsphilosophie nicht von einem letzten Ziel ausgeht, wird sie häufig zu dem Versuch, die Tendenzen einer Epoche, einer Kultur zu rekonstruieren, um die eigene Gegenwart zu verstehen», schreibt Matthias Schlossberger in seinem Buch «Geschichtsphilosophie». Das hiesse, dass Zeitdiagnostik die Geschichtsphilosophie beerbt, sie saugt das historische Denken in die Gegenwart hinein, und das ist vielleicht selbst symptomatisch. Der Boom der Zeitdiagnosen liesse sich jedenfalls als eine Bestätigung für die These von der «Posthistoire» lesen. Zeitdiagnosen wären also nichts anderes als die ungezogenen, zur Kleinwüchsigkeit verdammten Töchter der hegelschen Idee von Geschichtsphilosophie.

Im Auge des Hurrikans

Es verändert sich etwas. Ich spüre es genau. Ich sehe es täglich, und die anderen bemerken es auch. Was geht hier vor? Wenn ich es nur begreifen könnte.

Menschen sind Sinnwesen, Bedeutungstiere, sie haben ein tiefes Bedürfnis, sich selbst zu verstehen, nicht nur aus der Vergangenheit heraus, sondern im Hier und Jetzt und in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang. Das Gefühl, es gebe Zeichen der Zeit, die wie Orakel zu uns sprechen und den Sinn der Gegenwart offenlegen, macht die Zeitdiagnose als Genre so spannend. Man liegt am Puls der Zeit, dort, wo das Blut pocht, und die gedeuteten Zeichen sind Symptome, deren Auslegung nicht bloss Analyse ist, sondern zugleich ein Befund: Die Zeit ist krank, ganz klar, und wir sind beim Arzt: «Es wird und kann nicht so weitergehen wie bisher, das wollen die Gegenwartsanalysen sagen», schreibt der Soziologe Uwe Schimank.

Verstehen heisst immer einen Zusammenhang herstellen. Muster und Strukturen zu erkennen, gibt uns das Gefühl, wir hätten eine Sache begriffen. Zeitdiagnosen leisten diese ordnende Funktion am Faden einer Erzählung und mit den immer gleichen rhetorischen Figuren: Etwas wandelt sich, bricht um, etwas Altes wird durch etwas Neues ersetzt, oder etwas überwunden Geglaubtes kehrt wieder; an die Stelle von X tritt Y.

Wie jede gute Novelle konstruieren Zeitdiagnosen einen Umschlagpunkt, einen «turning point», um den herum sie sich situieren. Sie selbst sehen sich auf einem Gipfelpunkt von etwas oder im Auge des Hurrikans Veränderung. Ein angeblich qualitativer Umschlag ist ihr Anlass, ihre Legitimation und ihre Spannung. Dabei sind Zeitdiagnosen oft auch mit einem gewissen Drohszenario verbunden: Die neuen Kriege sind unbeherrschbar, die Beschleunigung wird uns auslaugen bis zur endgültigen Erschöpfung, oder wir erliegen der Gier nach Intensität, sie ist nämlich ein «unbesiegbares, am Grund unseres Empfindungsvermögens halb verborgenes Ungeheuer, das die Moderne gegen ihren Willen geweckt hat» (Tristan Garcia: «Das intensive Leben»).

Es sind auch ihre Elemente von kriminalistischer Logik, die den Zeitdiagnosen öffentliches Interesse sichern: Eine verborgene Gefahr wird aufgedeckt und etwas Erstaunliches ans Licht gehoben. Gleichzeitig gibt es eine hohe Wiedererkennbarkeit wie in jedem «Tatort». Schliesslich handeln die Zeitdiagnosen von einem Hier und Jetzt, das wir nur allzu gut kennen und das uns alle angeht. Als Drama mit offenem Ausgang bleibt die Zeitdiagnose jedoch weiterhin spannend. Denn die Zukunft ist ja ungewiss, und niemand weiss, was wohl noch wird aus der ungeheuren Akkumulation des Kapitals im 21. Jahrhundert, der zunehmenden Ungleichheit, dem Schrumpfen der Mittelschicht, der bevorstehenden Erderwärmung, den sich radikalisierenden Religionen, den geschwächten Demokratien und den globalen Migrationsströmen.

Bruno Latour: «Wir sind nie modern gewesen» – 1991; Francis Fukuyama: «Das Ende der Geschichte» – 1992; Pierre Bourdieu: «Das Elend der Welt» – 1993; Giorgio Agamben: «Homo sacer» – 1995; Samuel Huntington: «Kampf der Kulturen» – 1996; Alain Ehrenberg: «Das erschöpfte Selbst» – 1998; Zygmunt Bauman: «Unbehagen in der Postmoderne» – 1998; Richard Sennett: «Der flexible Mensch» – 2000; Anthony Giddens: «Der dritte Weg» – 2000; Jeremy Rifkin: «Access. Das Verschwinden des Eigentums» – 2000; Antonio Negri und Michael Hart: «Empire. Die neue Weltordnung» – 2000; Luc Boltanski und Ève Chiapello: «Der neue Geist des Kapitalismus» – 2000/03; Colin Crouch: «Postdemokratie» – 2005; Claus Leggewie und Harald Welzer: «Das Ende der Welt, wie wir sie kannten» – 2009; Thomas Piketty: «Das Kapital im 21. Jahrhundert» – 2013; Andreas Reckwitz: «Die Gesellschaft der Singularitäten» – 2017.

Auffällig ist, wie viele Zeitdiagnosen seit den neunziger Jahren und vor allem um die Jahrtausendwende herum erschienen sind und dass dieses Genre mit seinem Hang zur grossen These eine fast ausschliesslich männliche Domäne zu sein scheint. Autorinnen sind hier jedenfalls extrem rar gesät, allenfalls könnte man an Eva Illouz mit ihren Büchern über die Veränderung der Liebe und der «Gefühle in Zeiten des Kapitalismus» denken.

Dass Zeitdiagnosen immer an einem Umschlagpunkt siedeln, in der Nähe einer Krisis als der absoluten Gegenwart, wird ihnen – wen wunderts – zum Verhängnis. Zeitdiagnosen verbrennen sich selbst. Auch wenn Etiketten wie «Erschöpfung», «Risiko», «Erlebnisgesellschaft» durchaus später noch passen und etwas erklären könnten, sind sie, einmal in der Welt, auch schon veraltet. Das Publikum möchte zugleich erstaunt werden und nicken können. Es will Neues hören oder zumindest – wenn es nichts Neues gibt – Altes im neuen Gewand.

Auf Zeitdiagnosen scheint die Beschleunigungsthese von Hartmut Rosa perfekt zuzutreffen und auch der Gedanke der Ausdifferenzierung von Niklas Luhmann: Ihre Zyklen werden kürzer und ihre Thesen kleinteiliger. Während die neunziger Jahre im Rückblick lange am Gedanken der Risikogesellschaft und der sogenannten «zweiten Moderne» knabberten, sind jetzt – vom Akzelerationismus (Armen Avanessian) bis zur Angstgesellschaft (Heinz Bude) – viele kleine Diagnosesnacks im Handel, die sich vermutlich nur schwer werden halten können. Denn: «Wer den Zeitgeist heiratet, ist schnell verwitwet» (Hans-Georg Soeffner).

Jenseits der Gegenwart

Es gibt gute Zeitdiagnosen und schlechte, solche, die mit ihrem Erscheinungsdatum Glück haben wie Ulrich Becks «Risikogesellschaft» oder Pech, solche, die vorauseilen, und solche, die hinterherhinken wie die der «Multioptionsgesellschaft» von Peter Gross, die allzu Offensichtliches nur noch einmal bündelte. Gut sind Zeitdiagnosen, wenn sie eine gewisse Beständigkeit aufweisen, systematisch tief gehen, ihren Zentralbegriff sorgfältig wählen und auch nicht den eigenen Metaphern aufsitzen. Denn Zeitdiagnosen funktionieren grossenteils über Bilder, die sich aber mitunter ins mystisch Unbestimmte verquirlen. Begriffliche Klarheit, schlüssige theoretische Grundlagen, systematische Erfassung des Faktenmaterials, überzeugende Formulierung und interessante Einsichten – diese Aspekte nennt Walter Reese-Schäfer als Kriterien für eine gute Zeitdiagnose. Interessant soll sie sein, plausibel, solide recherchiert und stringent argumentiert.

Bleibt zum Schluss nur die Frage, ob Zeitdiagnostik im eigentlichen Sinn überhaupt möglich ist. Können wir unsere Gegenwart wirklich begreifen? Jedes Individuum ist mit seiner Gegenwart verbunden und wird tiefe Einsichten haben, weil es ja gewissermassen aus ihrem Holz geschnitzt ist. Zugleich hat es aber auch zu wenig Distanz, um in der Zeit über die Zeit etwas Wesentliches aussagen zu können.

Vielleicht ist es das Geheimnis wirklich guter Zeitdiagnosen, dass sie gar nicht auf die Gegenwart schauen, sondern in die Zukunft oder in die Vergangenheit. Das Jahr 1984 ist zwar schon lange vorbei, aber George Orwells gleichnamiger dystopischer Roman ist in Teilen immer noch aktuell. Dasselbe gilt für Aldous Huxleys «Schöne neue Welt». Beide Werke werden immer noch oft zitiert, so als habe die Zukunft sie nie ganz einholen können.

Als grosse Prophetien kann man auch manche Werke von Michel Foucault ansehen, der sich vor der Welt in die Archive flüchtete. «Archäologie» und «Genealogie» nannte er seine Methoden, mit denen er nach der Herkunft, dem Gewordensein suchte. Denn das Heute hat nicht heute angefangen, der Wandel ist nicht jetzt, er war schon viel früher. Erstaunlich ist jedenfalls, wie hellsichtig manche von Foucaults Begriffen im Nachhinein erscheinen und wie enorm produktiv sie wurden: «Biopolitik» etwa oder «Gouvernementalität». Wenn jemand den «Salat» der Abduktion, der intuitiv geleiteten Hypothesenkunst, beherrschte, dann war es Foucault. Er war ein Wünschelrutenmeister par excellence.

Die Begriffe der Zeitdiagnose dürfen nicht zu konkret sein, wenn sie das Konkrete erfassen wollen. Zudem wandelt sich die Welt in ihren Strukturen vielleicht gar nicht so schnell, wie wir ungeduldigen Menschen glauben. Die Eule der Minerva jedenfalls lässt sich viel Zeit, und manche ihrer Weisheiten kehren immer wieder. Daher muss das Denken langsam werden, wenn es das Schnelle ergreifen will, und vermutlich muss es ein bisschen von gestern sein, um die Gegenwart und einen Zipfel der Zukunft erfassen zu können.

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