Nr. 20/2018 vom 17.05.2018

Ein Comic wie in Stein gemeisselt

Von Sonja Galler

Der Berliner Zeichner Jens Harder liebt Herausforderungen: Von seiner Geschichte der Menschheit liegen bereits die Bände «Alpha ...directions» und «Beta …civilizations» vor. Mit «Gilgamesch» hat er sich nun eine Pause von seiner monumentalen, vier Millionen Jahre umfassenden Weltgeschichte gegönnt. Dass dabei aber nicht eine locker-leichte Fingerübung herauskam, sondern ein Werk mit Anspruch – an Zeichner und LeserInnen gleichermassen –, merkt man schnell.

In unaufgeregten Sandfarbtönen gehalten, orientiert sich die Comic-Adaption des 5000 Jahre alten Stoffs um den sagenhaften, despotischen Gottkönig Gilgamesch von Uruk auch visuell an längst vergangener Zeit. Gilgamesch und sein dunkler Gegenpart und Freund Enkidu, der geschaffen wurde, um Gilgamesch zu zügeln, scheinen einem Steinrelief entstiegen. Hier hat einer sein Auge an der Antike geschult und deren Statuen und Reliefe mit Konventionen des Comicerzählens in eine aufregende Verbindung gebracht.

Gilgamesch und Enkidu bezwingen den schrecklichen Chumbawa, töten den Himmelsstier und müssen dafür mit dem Tod Enkidus bezahlen. Verzweifelt zieht Gilgamesch los, um das ewige Leben zu suchen. Bei aller Action umgibt die meist in Frontal- oder Seitenansicht dargestellten Figuren eine eigentümliche visuelle Ruhe. Auch sprachlich verweigert sich Harder einer an Höhepunkten orientierten Dramaturgie. Bewusst habe er sich für eine ältere, sperrige Übersetzung des ursprünglich auf Steintafeln festgehaltenen Epos entschieden und nicht etwa für eine moderne, verschlankte Übertragung, so Harder im Nachwort.

Das macht es nicht immer einfach, am Ball zu bleiben. Doch lässt man sich erst auf den Rhythmus dieser ungewöhnlichen Graphic Novel ein, wächst die Faszination für die Fremdartigkeit der sumerischen Götter- und Gedankenwelt. Wie Gilgamesch prahlt, sich verschwendet, wie er sich fürchtet, leidet und liebt – das ist eben kein schablonenhafter Urheld, sondern das frühe Porträt eines Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit.

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