Nr. 20/2018 vom 17.05.2018

Fotografie in der Identitätskrise

Von Daniela Janser

«Glück» lautet das Thema der diesjährigen Bieler Fototage. Ein weites Feld, das die Programmverantwortlichen mutwillig gleich noch viel weiter gesteckt haben. Oder anders gesagt: Bei zahlreichen Exponaten bleibt der Bezug zum Thema unklar. Etwa bei einer Arbeit über die Gedenk- und Geisteraccounts, die Facebook für verstorbene UserInnen im Angebot hat – mit der Aussicht, dass Facebook im Jahr 2065 sowieso einem digitalen Friedhof gleichen werde. Nach der Trauer kehre meist das Glück zurück, argumentierte die neue Direktorin beim Presserundgang leicht verzweifelt. Da es eh eine Arbeit zum Vergessen ist, fragt man sich, warum sie es überhaupt in die Auswahl geschafft hat.

Hier sind wir beim Hauptproblem der diesjährigen Fototage: Über das Zusammengewürfelte und Untergejubelte könnte man glatt hinwegsehen, wenn die Arbeiten von sich aus überzeugen würden. Doch leider regiert Beliebigkeit – und oft auch das Lieblose. Geflüchtete aus Afrika, die verloren in österreichischen Landschaften fotografiert wurden, sehen aus wie Outdoorkleider-Models. Aufgeblasene, fein säuberlich aufgezogene Instagram-Screenshots sollen uns etwas über gekaufte FollowerInnen erzählen. SportlerInnen wurden in «flüchtigen Momenten» direkt nach dem Sport festgehalten, wirken aber steril und gestellt: Kaum ein Schweisstropfen ist zu sehen oder auch nur eine verrückte Haarsträhne.

Wer die Fotografie in einer Identitätskrise sehen will, kann nach Biel gehen. Ästhetisches Glück kommt ausgerechnet im Raum mit Wissenschaftsfotografien auf. Intellektuelle Spannung entsteht zwischen einem Beitrag zu Game-Fotografie und einem nostalgischen Stübli mit Teppichboden und Fotoschachteln, wo das Photoforum Pasquart eine Zeitreise in eine Vergangenheit der Fotografie inszeniert, die noch gar nicht so lang her ist. Da beginnt man zu sinnieren, welche Möglichkeiten und Leidenschaften in diesem unbewegten Viereck der Fotografie eigentlich schlummern würden.

2018 ist ein Übergangsjahr in Biel, die neue Direktorin präsentiert die Auswahl der ehemaligen. Es kann besser werden.

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