Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

Letzte Runde im Monopoly

Der Bundesrat ist auf der Höhe der Zeit: Gegen die Medienkonzentration hilft nur Medienförderung.

Von Hansi Voigt

Egal was die Ereigniskarte in der Medienbranche derzeit anzeigt, ob «Publicitas», «Goldbach Media» oder «Basler Zeitung» – die Gewinnerin heisst immer Tamedia. Die Schweizer Verlegerlandschaft gleicht zunehmend einer Partie Monopoly nach der fünften Spielstunde. Eine freudig erregte Spielerin besitzt sämtliche Hotels und fast alles Geld. Die anderen warten missmutig auf ihr Ende.

Druck aus den Regionen

Die Einheit im bis anhin so stolzen Verlegerverband bröckelt entsprechend gewaltig. Bis die Ersten einknicken und offen Unterstützung verlangen, ist angesichts der aktuellen Geschäftszahlen nur eine Frage der Zeit. Selbst im Zeitungsbereich wird inzwischen über Fördermodelle geredet. So arbeitet Tamedia erfolgreich gegen alle anderen – aber die Zeit arbeitet gegen Tamedia.

Der grösste Druck kommt wohl aus den Regionen. In den Kantonen finden sich immer öfter RegierungsrätInnen an Medienkonferenzen zum faktischen Selbstgespräch ein. Alle sind da – nur keine MedienvertreterInnen. Die Reporterin der Regionalzeitung muss für einfachere Klicks sorgen, und der SDA-Journalist wurde weggespart. Da können die «Super-Chefredaktoren» in Zürich noch lange von der Qualität ihrer Mantelangebote aus Sicht der LeserInnen schwadronieren. Aus Sicht der Regionen ist die fortschreitende Medienkonzentration eine Katastrophe. Das hat auch der Bundesrat begriffen. Inzwischen ist klar, wie man Gegensteuer und Zugang zu direkter Medienunterstützung geben will: «Künftig soll es also weniger entscheidend sein, auf welchem Kanal Service-public-Angebote erbracht werden, sondern dass sie produziert werden und es in allen Sprachregionen ein vielfältiges Angebot gibt. Dies soll im Rahmen bestehender Mittel erfolgen.»

Dies bedeutet zunächst, dass die konzessionierten Lokalradio- und TV-Stationen bald mit Onlinekonkurrenz um die zur Verfügung stehenden 68 Millionen Franken Fördergelder rechnen müssen. Was angesichts des kargen publizistischen Mehrwerts der meisten Privatsender zu begrüssen ist. Darüber hinaus sollen laut NZZ gemäss dem nicht veröffentlichten Vorentwurf zum neuen Mediengesetz «regionale Kommunikationsräume definiert werden», aber auch «innovative IT-Lösungen» und «partizipative Medienangebote» unterstützt werden.

Damit zeigt sich das Medienministerium auf der Höhe der Zeit. Und die Chancen zur Umsetzung stehen angesichts der sich rasant auflösenden Medienlandschaft und der zerstrittenen Verleger gut. Selbst die staatlicher Lenkung selten zugeneigte NZZ attestiert: «Wenn nun der Verlegerverband weiterhin allein an der indirekten Presseförderung festhalten will, gerät er selber in die Rolle des Strukturkonservativen.» Verteilung der Mittel und Einhaltung der Leistungsaufträge sollen von einer neuen Kommission für elektronische Medien (Komem) kontrolliert werden.

So eine Superbehörde klingt erst mal grauenvoll. Verpflichtet sie sich aber der Transparenz und einer öffentlichen Debatte, kann das den Schrecken nehmen und die Chance bieten, mit dynamischen Modellen laufend auf die Entwicklung zu reagieren und plausible Anreize zu setzen. Schlechter kann es eigentlich nicht werden. Jedenfalls nicht im Onlinebereich. Denn das rein auf Werbeklicks basierende Modell belohnt nicht die, die am genausten recherchieren, sondern die, die am schnellsten abschreiben. Das gilt es umzukehren, etwa indem man jene fördert, die am meisten zitiert werden oder die in den Regionen selbst vor Ort sind.

Die Agenturfrage

Die genannten Massnahmen sind Schritte in die richtige Richtung. Den grössten Hebel, um zugleich mit den darbenden Verlegern ein faires Entgegenkommen und mit neuen, digitalen Anbietern eine attraktive Fördermassnahme auszugestalten, würde eigentlich die entsprechende Preispolitik der Nachrichtenagentur SDA bieten. Die ist für alle immer (noch) vor Ort, (fast) alle schreiben von ihr ab.

Leider hat sich die verlegereigene SDA selbst «unförderbar» gemacht, indem man letztes Jahr beschloss, vom Service-public-Gedanken Abschied zu nehmen und sich zur Dividendenmaschine zu machen. Jetzt sitzt sie in der Falle. Um eine umfassende Neulösung der Agenturfrage wird man nicht herumkommen.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete beim Onlineportal 20min.ch und gründete «Watson» mit.

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