Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

«Glauben Sie mir?»

Die Genderbeauftragte Gry Tina Tinde sagt, dass man weniger über Missstände in anderen Ländern predigen, dafür zunächst die Probleme innerhalb der Uno-Organisationen und NGOs angehen sollte.

Interview: Markus Spörndli

Gry Tina Tinde, Genderkoordinatorin. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

WOZ: Gry Tina Tinde, soeben haben Sie an einer Branchenkonferenz eine erschütternde Geschichte erzählt, wie Sie bereits als junge Uno-Mitarbeiterin von Ihrem Chef sexuell belästigt worden waren …
Gry Tina Tinde: Glauben Sie mir?

Ja.
Ich bin sicher: Hätte ich die Geschichte vor ein paar Jahren an einer solchen Konferenz erzählt, wäre ich als hysterisch und dumm angeschaut worden; wenige hätten mir geglaubt.

Und das hat sich wegen des Oxfam-Skandals und der #MeToo-Bewegung geändert?
Ja, vor allem wegen der #MeToo-Bewegung, die zwar schon vor zehn Jahren begann, aber in den vergangenen Monaten richtig Fahrt aufgenommen hat. Nun wissen einfach alle, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz real und systematisch ist.

Auch in humanitären Organisationen, die Gewalt bekämpfen wollen. Sind diese also letztlich Teil des Problems statt der Lösung?
Sie sind beides. Organisationen wie das Rote Kreuz, Unicef und andere Uno-Organisationen haben wichtige Programme, um Menschen und insbesondere Frauen in Katastrophensituationen zu helfen. Aber solche Programme wären wirksamer, wenn wir bei uns selbst anfangen würden. Wir können Probleme anderer nicht lösen, wenn wir die Lösung nicht selbst für uns intern gefunden haben. Überall in den Uno-Organisationen oder den internationalen NGOs gibt es sehr viel Diskriminierung von Frauen und anderen unterrepräsentierten Gruppen wie Behinderten, Homosexuellen oder ethnischen Minderheiten.

Ist das belegt?
Natürlich, das beste Beispiel ist ein Weltbankbericht, der auf Daten sämtlicher Mitarbeitenden der Entwicklungsbank beruht. Dabei kam heraus, dass Frauen aus Entwicklungsländern klar diskriminiert wurden, was ihre Karrierechancen und ihre Lohnentwicklung anbetrifft. Weisse Männer aus Nordamerika und Europa waren die Gewinner, selbst wenn sie schlechter qualifiziert waren. Die Weltbank hat das bei sich genau angeschaut, aber in anderen Organisationen ist es natürlich genau gleich. Das Topmanagement schaut normalerweise weg.

Jetzt, nach dem Oxfam-Skandal, scheinen sich plötzlich alle damit zu beschäftigen.
Ja, nun haben wir – die Organisationen, vor allem aber die Genderbeauftragten – sehr viel mehr Druck, etwas zu verbessern. Aber wir bekommen dafür nicht einmal mehr Ressourcen …

Sie bräuchten also mehr Budget, Personal und Macht. Was sonst?
Grosse Organisationen brauchen unabhängige Rechtsinstrumente, eine Art Tribunal, das Klagen über Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und Ausbeutung entgegennimmt. Ohne solche Instanzen werden wir die Probleme nicht lösen können.

Und langfristig gesehen: Was ist denn Ihre Vision einer gendergerechten Entwicklungszusammenarbeit?
Regierungen und Parlamente müssen sich viel stärker einschalten. Demokratische Institutionen bei uns wie auch im Globalen Süden müssen mehr Verantwortung übernehmen.

An vielen Orten gibt es demokratische Defizite oder einen politischen Backlash …
Fast überall auf der Welt besteht in Parlamenten ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis als in anderen Institutionen. Das führt zu besseren Gesetzen, zu mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Das mag in Norwegen oder Schweden offensichtlich sein, aber anderswo?
Nehmen Sie etwa Ruanda oder Uganda, die schon vor Jahren gendergerechte Gesetze eingeführt haben. Und global führende Feministinnen kommen zunehmend aus afrikanischen Ländern, etwa die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Wir im Norden müssen viel stärker bereit sein, uns zurückzunehmen – wir sollten weniger über Missstände in anderen Ländern predigen, sondern zuerst einmal bei uns selbst anfangen.

Gry Tina Tinde (54) ist Gender- und Diversity-Koordinatorin bei der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften in Genf. Davor war die Norwegerin in verschiedenen Funktionen bei der Uno und der Interamerikanischen Entwicklungsbank tätig. – Sie referierte Anfang Mai an einer Konferenz von Medicus Mundi Schweiz, einem Netzwerk von in der internationalen Gesundheitszusammenarbeit tätigen Organisationen.

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