Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

Der Krieg, der im Blumenbouquet steckt

Künstlerinnen eignen sich vermehrt wissenschaftliche Methoden an, wie drei Ausstellungen in Basel und Luzern zeigen. Doch was machen solche Grenzüberschreitungen mit der Kunst, die von so Unterschiedlichem wie Krieg, Antikörpern und Google Images handelt?

Von Daniela Janser

Ins Zentrum gerückte Nebensächlichkeit: Mithilfe eines Botanikers rekonstruiertes Blumenbouquet eines schweizerisch-US-amerikanischen Treffens zur Frage der Steuerhinterziehung. Foto: Taryn Simon, Courtesy Gagosian Gallery

Am Eingang in die Ausstellung von Lynn Hershman im Basler Haus der elektronischen Künste (HeK) sollen wir BesucherInnen uns einen weissen Laborkittel überstreifen. «Damit Sie sich besser ins Gezeigte hineinversetzen können», erklärt die freundliche Frau an der Kasse. Es sei auch ratsam, das Saalblatt mit den Erläuterungen zu den Exponaten genau durchzulesen, sonst komme man vermutlich nicht draus. Eine Ausstellung, die nur dank Rollenspiel und Erklärbroschüre funktionieren soll, macht etwas misstrauisch.

Und dieses Misstrauen wird nicht kleiner, wenn man sich im ersten Raum dann tatsächlich in einer Laborsituation wiederfindet: mit Reagenzgläsern und Spezialabfallkübeln für «Biohazard». Herzstück der Ausstellung ist ein Antikörper aus dem Novartis-Labor, der die Buchstaben von Hershmans Namen als molekulare Proteinstruktur abbildet. Zum Ende des Rundgangs ist auch ein winziges Stück DNA zu sehen, auf dem diverse Arbeiten Hershmans gespeichert seien: das erste DNA-basierte Kunstwerk überhaupt, erklärt das Saalblatt – und lässt doch viele Fragen offen.

Kann ich in der «Anti-Bodies»-Ausstellung also immerhin hautnah erfahren, wie Naturwissenschaften und Spitzenmedizin in immer grösseren Schritten davonziehen? Und wird dabei zugleich deutlich, wie diese Forschung für Normalsterbliche nicht mal mehr gefiltert durch die Vision einer renommierten US-Medienkünstlerin richtig greifbar wird? Oder verbirgt sich hinter dem aufwendigen naturwissenschaftlichen Setting schlicht die künstlerische Kapitulation? Schieben wir die Antwort auf und spazieren ans Basler Rheinufer hinunter, wo im Kunstmuseum der Gegenwart mit Martha Rosler und Hito Steyerl zwei Generationen politisch fundierter Recherchekunst in einer Doppelausstellung zu sehen sind.

«Sie haben keine Angst»

Hier wäre ein Labormantel das falsche Kleidungsstück, denn hier herrscht Krieg – das merkt man schon anhand der Ausstellungsarchitektur mit Sandsackfestungen und anderen Verschanzungsbauten aus Betonquadern und Aluzäunen. Beide Künstlerinnen interessieren sich für die Gegenwart als – verstecktes und offenes – Schlacht- und Machtfeld. Während die Berliner Videokünstlerin und superkluge Gegenwartsdurchleuchterin Steyerl sich bis in die Cyberverästelungen eines weltweiten «Bürgerkriegs» hineindenkt, bearbeitet Rosler als New Yorker Ikone für linke Politkunst die handfesteren globalen Verheerungen der US-Politik. Gemeinsam ist ihnen der forensische Anspruch: Es soll etwas seziert und offengelegt werden, grobe Schlachtlinien und fein verschlungene Antagonismen gleichermassen.

Doch die Herangehensweise unterscheidet sich klar: Die 74-jährige Rosler gehört zur Agitprop-Generation, sie betreibt Aktivismus und Aufklärung alter Schule. Vieles sieht aus wie ins Museum geholter Strassenprotest, Kunst heisst hier anprangern: Nato-Interventionen im Jugoslawienkrieg und im Nahen Osten kommen ebenso dran wie die Gentrifizierung vor der eigenen Haustür in Brooklyn. Seit Ende der sechziger Jahre schleust Rosler unter dem Titel «Bringing the War Home» Motive des Kriegs in den beschaulichen US-Alltag ein: Auf ihren Bildmontagen marschieren Soldaten durchs aufgeräumte Wohnzimmer, hinter dem Vorhang explodiert eine Granate.

Bei der gut zwanzig Jahre jüngeren Steyerl sind derlei Überlagerungen noch viel komplexer geworden. In einem Video collagiert sie 3D-Simulationen mit Szenen aus einem Shooter-Game. Dazu spricht der Boss der ukrainischen Firma, die das Spiel verkauft, über soziale und virtuelle Realitäten. Der Firmensitz ist direkt an der russischen Grenze und somit nah dran an ganz realen Kampfhandlungen. In einem anderen Werk werden der künstlichen Intelligenz in der Hosentasche fiese Roboter- und Schuldfragen gestellt, an denen sie prompt kläglich scheitert: «Siri, wer hat diese Stadt zerstört?» Aber auch im altmodischen Format der Vorlesung schafft Steyerl es spielend, komplexe Vorgänge und Recherchen als packende Erzählung aufzubereiten: Sie handelt vom Museum als Schlachtfeld und vom Weg einer Kugel, die eine Freundin von ihr getötet hat. Deren Flugbahn soll zum Schluss mit einem magischen Trick umgedreht werden.

Nicht zuletzt benennt Steyerl stets die Verflechtungen der Kunstinstitutionen mit Macht und Geld. An der Istanbuler Biennale, wo der Vortrag 2013 gefilmt wurde, thematisierte sie einen beteiligten Sponsor, der direkte Verbindungen zur Waffen- und Munitionsindustrie hat. Steyerl kann aber auch ganz einfach: Ein älteres Video zeigt Impressionen aus dem deutschen Dorf Babenhausen und als Tonspur dazu die Anklage eines Aktivisten, der die klar antisemitisch motivierte Vertreibung der letzten jüdischen Familie aus dem Kaff beschreibt – nicht unter Hitler, sondern in den neunziger Jahren. In der Arbeit «Streik» legt Steyerl mit einem gezielten Hammerschlag einen Flachbildschirm lahm – im Endlosloop.

Für Drohnen interessieren sich beide. Rosler bündelt ihre Recherchen auf Plastiktransparenten zum mobilen Protestarrangement, mit dem in Basel ein ganzer Raum tapeziert ist: «Sie werden niemals hungrig. Sie haben keine Angst. Sie vergessen ihre Befehle nicht», wird ein Pentagon-Mitarbeiter zitiert. Steyerl reiste in den Irak in ein zerbombtes ehemaliges Sternenobservatorium, wo sie sich von einem kurdischen Experten instruieren lässt, der das Lenken einer Drohne mit Schafehüten vergleicht. Und plötzlich fragt man sich: Warum wird mit Drohnen kaum je nach oben, in den offenen Himmel hineingefilmt, sondern immer nur das beschränkte Gewusel am Boden ins Visier genommen?

Visionäre Universalgelehrte

Unseren Blick neu auszurichten, das ist eines der Talente der US-Fotografin Taryn Simon. Für sie steckt der Krieg quasi im Blumenbouquet – und die Wahrheit über eine Gesellschaft auch in der Schmuggelware, die vom Zoll herausgefiltert wird: Wurstwaren, Drogen, gefälschte Markenartikel, Tiere. Wie eine Werkschau im Kunstmuseum Luzern zeigt, dokumentiert Simon alles mit wissenschaftlicher Akribie in langen, neutral fotografierten Bildbeweisketten. Die Blumengestecke schmückten bei wichtigen politischen Meetings der letzten Jahrzehnte den Verhandlungstisch. Simon hat sie mithilfe eines Botanikers rekonstruiert, abfotografiert und die Blumen dann gepresst. So wächst langsam ein Archiv der ins Zentrum gerückten Nebensächlichkeiten heran. Zugleich werden Sammelwut und Katalogisiertrieb der Wissenschaft ästhetisch imposant sublimiert.

Zwei andere Arbeiten Simons beschäftigen sich mit – analoger und digitaler – Bildersuche. Heute macht es die halbe Welt mit Google Images, bekommt aber nicht in jedem Land dieselbe Auswahl pro Stichwort präsentiert, wie man in der Ausstellung gleich selber feststellen kann. Früher gab es für solche Suchanfragen etwa das Bildarchiv der New York Public Library, wo BibliothekarInnen in Kartonmappen und unter Stichwörtern wie «Hütten», «Wunden», «Schiffe» oder «Rückenansichten» fündig wurden. Auch von diesen ist eine Auswahl in Luzern zu sehen.

Angesichts dieser Bilderfülle und der darin aufgehobenen klugen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Ordnungskriterien und deren blinden Flecken versteht man auch besser, was einem bei Lynn Hershmans Basler Ausstellung gestört hat: Im HeK hat sich die Wissenschaft weitgehend an die Stelle der Kunst gesetzt. Sie scheint jeden eigenen Gestaltungswillen verdrängt zu haben. Die Tatsache, dass man heute per 3D-Printer aus Körperzellen ganze Organe ausdrucken kann, ist bereits Kunst genug; ebenso der Antikörper «Lynn Hershman», unterstützt von Novartis.

Bei Martha Rosler wiederum scheinen Botschaft und Rechercheergebnis oft wichtiger als die ästhetische Gestalt. Wo aber das Ringen um die Form fehlt, verkommt die Kunst zum Informations- oder Empörungsvehikel. Anders bei Simon und Steyerl: Auch ihre Kunst ist geprägt von wissenschaftlichen Erkenntnisinteressen. Die Künstlerinnen bleiben dabei aber souverän und ringen dem Recherchier(t)en eine neue, eine eigene Form ab. Simon schafft so eine schräge Übersetzung und Neuordnung der Gegenwart. Steyerl hat in ihren besten Momenten gar etwas von einer visionären Universalgelehrten – und erinnert so an eine uralte Rolle von Kunst.

Taryn Simon: «Shouting Is Under Calling», bis 17. Juni 2018 im Kunstmuseum Luzern.
Lynn Hershman: «Anti-Bodies», bis 5. August 2018 im Haus der elektronischen Künste Basel.
Martha Rosler und Hito Steyerl: «War Games», bis 2. Dezember 2018 im Kunstmuseum Basel.